Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827069--0056-2827153- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
52 Einzelheiten Einer der Unfern! Ein wahrhaft Oroßer unferes Volkes, einer der geilt* vollften und feltenften Menfchen unferer Zeit, ilt vor nun einem Jahre in Warfchau geltorben: Eliezer <Ludwig> Zamenhof, der Erfinder des Esperanto. Da war einer, der aus jüdifcher Seele und Fähigkeit Allmenfchliches fchuf. INidit aus öder Gleichmacherei, nicht aus oberflächlichem Kosmopolitismus kam er zu weltverbindendem Tun. Feit ver* ankert ftand er im jüdifchen Volkstum. :Schrieb im gleichen Jahre 1887, da er feine Hilfsfprache unter dem Namen »D. Esperanto« <d. i. der Hoffende) herausgab, und in fpäteren Jahren, unter dem Pfeudonym Hamzofen he~ bräifche Auffätze, in denen er als Zion* freund der Hoffnung auf Wiederer* weckung unferes nationalen Lebens auf eigener Scholle Worte lieh. So fchärfte er auch feinen Schülern -ein, daß feine Sprachfchöpfung nicht be* abfichtige, übers Ziel hinausfchießend, die nationale Sprache zu verdrängen, daß fie vielmehr als zweite Sprache für jedermann der Menfchlichkeit ein Ver* ftändigungsmittel fein folle. Nach der blutigen Verirrung des Weltkrieges, fo hoffte er, werde auch fein Mittel einem neuen Gefchlecht zu hellerem gegen* feitigen Verfteheq und zur Erfüllung jefaianifcher Friedensverheißung ver* helfen. Wahrhaft völkerverbindende jüdifche Tat und Hoffnung! Er projizierte das Judenleid der Unverltandenheit auf die Unverftandenen aller Völker und wurde durch den geiltreichen Löfungsverfuch der Verftändigungsfrage der Künder eines geläuterten Menfchheitsgedankens. Nichts fehlte ihm zum Propheten. Wenn er auch die Früchte feiner Saat in Taufenden von Schriftwerken und Grup* pen bereits reifen fah, wenn er auch von Königen und Großen geehrt ward und Hunderttaufende aus allen Völkern auf elf Weltkongreflen und zahlreichen Landesverfammlungen ihn jubelnd Mei* iter nannten, fo blieb er doch von einer biblifchen Befcheidenheit, Selbltlofigkeit und Armut. Er verfchmähte es, auf feinem Geiltesacker für eigenen Gewinn zu ernten, ließ vielmehr feine knappen Mittel und fchließlich fein Lebensblut ilangfam in die Ackerfurchen verriefeln. Und daß die Tragik nicht fehle : Seinem einfachen Leichenzuge, der in Friedens* zeiten ficherlich eine machtvolle De* monftration des Internationalismus und , Pacifismus geworden wäre, folgten nun, nach Mitteilungen der Esperantoprefle, nur ein paar arme Juden, die dem felbft* lofen Augenarzt und »Wohltäter« das Geleit gaben. Als Vertreter aller Völker waren, außer einem deutfchen Esperantiften, der als Major in Warfchau Iteht, nur wenige polnifche Anhänger der Weltfprachbewegung zugegen. Einer von diefen, Leo Belmont <follte das nicht ein leichtüberfetzbares Pfeudonym fein?) Itellte in Ausficht, daß der erfte Esperantokongreß nach Friedensfchluß in Warfchau Rattfinden werde, und daß die Kongreßteilnehmer aus allen Na* tionen zu des Meifters Grabe pilgern würden, um die Fahnen mit dem grünen Stern huldigend über feiner Afche zu neigen. Dann würden wohl die Polen, die jetzt noch bei der Beerdigung fehlten, ftaunend erkennen »welchen Ruhmes* glänz feinem Heimatlande diefer fein großer Sohn gebracht hätte«.— Wird fich wirklich die ewige Tragödie des jüdifchen Geifteshelden wiederholen? Werden wirklich die Polen vor aller Welt einen als den Ihren feiern, auf den, auf deflen Brüder fie jetzt noch die in Ruß* land außer Kurs gefetzten ruffifchen Aus* nahmebeftimmungen anwenden möchten? Der im Wefen, Schaffen und Bekennen einer der Unferen war! ~ Wenn dem* nachft die Pilgerfahrt nach Zamenhofs Grabe ftattfindet, wenn bald, in unferen Tagen, der Völkerfriede durch neue Ideen, auf neuen Wegen erreicht ift, müflen wir einen der Vorkämpfer und Pfadweifer als treuen Sohn unferes Volkes für unfere Heroenfchar be* anfpruchen. In der Ehrenhalle der Menfchheit muß Zamenhofs Bild auf der jüdifchen Seite liehen! Leo Kfaußer Die jüdifcße Gartenßaufiedfung Bei Leipzig. Charakteriltifch für das, was bei uns vor fich geht, charakteriftifch für unfere Arbeit auf Vorbereitung und Umgeftaltung des jüdifchen Menfchen ilt nicht nur, was in den großen Or* ganifationen gefchieht und noch dem Auge des Außenfeiters auf die Dauer nicht entgehen kann. Charakteriltifch