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Der jüdische Wille · 1918-04-01 · Heft 1 (April 1918) · page 51

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 1 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
– (sequence 51)
Language
German
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Weitzmann, Alfred Wolfenftein 49 gebreitete Erde zu reichen, anftatt in ihr fchon alle Wunder des Himmels zu entdecken, die einzig durch Tie zu Himmelswundern werden können. Solche gedanklichen Ergebnilfe beweifen aber doch nur etwas gegen diefe Kunft, foweit lie die künftlerifche Leißung zu durchbrechen imßande find. Wäre Wolfenfiein wirklich ganz ficher, unendlich weiter als die ihn umgebende Materie zu reichen, er würde gewiß nicht immer wieder, auch für feine gedanklichfien Gedanken, eine fo innige Verbindung mit den Formen diefer Materie, mit Stadt und Wald und Wolken anfireben. Die Erde zugunßen einer fcheinbar höheren Berufung preiszugeben und fie beim Ab^ fchied dennoch als das »fchöne bewußtlofe Land« zu bewun^ dern, das fetzt fchon eine heimliche Liebe voraus und einen unzerßörbaren dichterifchen Inßinkt, der fich immer von neuem an den Symbolen diefer Erde und nicht am bloßen Gedanken ent* zünden muß. Gedichte wie den Aufruf »Kameraden« läßt frei* lieh der programmatifche Inhalt zu rhapfodifcher Kälte erßarren. Aber derfelbe Dichter vermag doch auch im Klavierfpiel feiner Freundin den tragifchen Zufammenhang zwifchen Kunfi und Liebe rrtit feltener Tiefe zu. erleben und durch die nackte Sjdiilderung eines vorbeiziehenden Leichenwagens Tod .und Leben erfchütternd zu konfrontieren. Sein Schaffen wird trotz aller Einfchränkungen und beinah gegen feine Abficht von echter dichterifcher Kraft ge* tragen, weil häufig das gedankliche und das .Wirklichkeitserlebms zu einer zwingenden Stimmung zufammenßrömen und jenfeits von aller Anfchauung eine innere Einheitlichkeit herfiellen. Daß ihm dies am reinßen in den Stadtgedichten gelingt, dafür mülfen hier zwei kurze Beifpiele genügen. Im »Stadtnachmittag« wird die lär* mende Gefchäftigkeit der Straße, das Gekreifch der Papageien und Phonographen plötzlich durch folgende Eingebung unterbrochen: Ein Kind mit flötender Stimme Summt aus dem Keller unter meinem Stuhle Augenblicke lang linkt die Stadt ins Knie Wie vor einem blauen Donnerfchlag. Und ich Ichwieg, als fie weiter fchrie. Und das »Karulfell der Welt« fchließt mit den Verfen: Ein Karuflell marlchiert mit Ichwermütiger Luft Und überhörend meine eigenen Rufe In meiner Bruft, Mit Tieren voller Flügelhufe. Befpring ich fie . . und ritte gern ins höchfte Licht Und bäume mich . . . fie fahren angenagelt weiter! Nacht im Geficht Folgt machtlos ihrem Kreis der Reiter. In folchen Augenblicken kommt es garnicht mehr darauf an, welchen gedanklichen Inhalt der Dichter ausdrücken will und welchen Grad der Anfchaulichkeit er erreicht. Die fymbolifche Gewalt wird ftärker als ihr äußerer Anlaß, fie offenbart an ihm nicht mehr eine

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