Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Weitzmann, Alfred Wolfenftein 47 Sprache, die auch den großßädtifchen Mutterboden meiß nur mit Hilfe fremder Einfprengungen lockern kann, und verzehrt von der Sehnfucht, diefem erßidtenden Zirkel zu entrinnen, — folche Widern fiände machen die Kunß Wolfenßeins zu mehr als einem bloß perfönlichen: zu einem jüdifchen Problem. Die Großßadt als eine Erfcheinungsform der ewigen Schöpfung zu erleben, dazu bedarfs garnicht der organifchen Natur, das könnte einem Dichter gelingen, ohne daß er auch nur den Baum vor feiner Haustür zu fehen brauchte, allein durch die Kraft feiner Anfchauung und die Wucht feiner Befchreibung, die ihre eigene Schwere fchon zum Mittelpunkt des Kosmos tragen würde. Aber dazu müßte er wirklich die Kraft der Anfchauung befitzen und die dunkle, aber unzerßörbare Sicher^ heit, mit aller Kreatur von Anbeginn verbunden zu fein, die dem Juden der Diaspora auf feinem lebensabgewandten Ghettoweg abhanden kam. Wenn dem heutigen Weßjuden das Glück fchöpferifchen Erlebens zuteil wird, fo iß es ausnahmslos verfetzt mit der höchß unfchöpferifchen Qual, für feine Vifionen keine adäquaten Werkzeuge in fich vorzufinden. Entweder er bekommt nur das Ganze zu falfen und' kann es nicht ausfüllen <wie dies Martin Buber an Werfeis Gedichten mit bewunderungswürdiger Klarheit gezeigt hat*) oder er faugt fich wie Wolfenßein an den Details feit und kann fie zu keinem Ganzen runden, weil fie von keinem Ganzen erzeugt, wurden. Und es iß nicht weniger ein Kennzeichen des jüdifchen Geißes', daß Wolfenßein doch <im Gegenfatz zu Werfel) einen Ausweg aus dieferEnge zu finden glaubt und worin er die Befreiung erblid^t. Freilich wird er felbß fich des hier behandelten Formproblems überhaupt nicht bewußt und noch weniger befchwert ihn deflen jüdifcher Urfprung. Für ihn fiammt aller Kampf feines Innern aus allgemeinen Menfchheitsfragen, alfo aus Fragen der inhaltlichen Weltauffalfung, fie bilden daher auch den überwiegenden Inhalt feiner Gedichte. Er erlebt die Welt als ein »Allegro der Finßernis«, das dem willigen Geifie nur »höllifche Wirrnis« entgegenfchleudert und, ein »Hohn auf das eine Licht, das ich fuchte,« ihn in immer tiefere Verzweiflung ßürzt. Der Geiß aber kann kraft feiner eingeborenen Sehnfucht nicht aufhören, fich der verfluchten Erde zu nähern, um ihr endlich doch das Geheimnis der Erlöfung zu entreißen, das aus diefem finnlofen Durcheinander von Menfch uitd Materie zu reineren Weiten führt. Wolfenfieins Schwanken zwifchen Stadt und Wald, das fich in dem Gleichnis des beide verbindenden, Weges fo erfchütternd offenbarte, iß alfo von ihm aus gefehen garnicht ein Kampf des künßlerifchen Schaffens, fondern der Ausdruck eines ethifchen Willens, deflen brennender Drang nach Erfüllung im Umkreis der Natur vergeblich nach Erfüllung sucht. Die Erfüllung darf überhaupt nicht von außen her erwartet *) Martin Buber: Vorbemerkung über Franz Werfel. (»Der Jude«, II. Jahrgang, Heft 1/2.)