Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Weitzmann, Alfred Wolfenftein Unvergleichbarkeit feftzuftellen. Grade von tedinifchen Bildern fordert das moderne Auge eine folide räumliche Vergleichsbafis, weil es durch die harte Gegenftändlichkeit der Mafchinen an genauefte Beobachtung gewöhnt wurde und fich mit halben Aflbziationen nicht begnügen kann. Wie fehr diefe technifche Erziehung Wolfenftein felbft im Blute liegt und wie entfcheidend feine Kunft eben doch durch die Großftadt beftimmt ift, das zeigt umgekehrt wieder feine Darßellung der Natur. Er vermag nämlich Wald und Wolken noch weit weniger als die Großftadt aus ihrem eignen Stoff zu formen^ fondern muß fie mit den Mitteln einer allzu fpröden Sprache meiftern, die ganz in technifchem Empfinden wurzelt und vor der zarten Beweglichkeit alles Lebendigen erft recht verfagt. Charakteriftifch ift hierbei, daß er mit Vorliebe den menfchlichen Körper bis in feine kleinften Details zum Vergleich benutzt: »Da züngelt's <am Gewitterhimmel) nach der verftedtten Welt aus unfichtbarem Rumpf, aufklappt der angeftaute Rachen mit unverftändlichem Erkrachen und finkt! Des grauen Maules Bauch ftrömt 'alle feine Kraft zurüdt . . « Aber folche Verfuche, dem Organismus^ der Natur durch einen andern feiner Beobachtung vertrauteren Organismus beizukommen, machen die Diskrepanz der Anfchauung nur umfo intenfiver fühlbar. Gewitterwolken vertragen es einfach nicht, mit Rumpf und Maul und Bauch identifiziert zu werden, weil diefe Häufung eine viel zu konkrete Vorftellung körperlicher Funktionen erweckt,- ja, der Rachen felbft verwandelt fich durch das Beiwort »angeftaut«, durch die fcheinbar erhöhte Gegenftändlichkeit aus einem lebenden Organ zu einer bloß tedinifchen Einrichtung. Ein nebliger Wintertag wird gewiß recht glücklich als der »Greis November« angefprochfcn, aber Wolfenftein zerftört die Wirkung wieder völlig, wenn er vom »Knie« diefes Greifes fpricht, das Bild alfo mit räumlichen Details befchwert, vor denen fich ein Abftraktum wie der November zweifellos nicht halten kann. Von einem Mann, der »von Knieen äftig breit durchdrungen, mit roten Backen wie zwei fletfchenden Zungen« auf der Straßenbahn fteht, fieht man überhaupt nichts als Backen und Kniee, ja auch deren Exiftenz wird durch die Vorftellung des Äftigen erheblich verdunkelt,- und wenn ein Lächeln »aus Winkeln meines Mundes, die noch dämmern, meinen Augen zu« fteigt, »denen fich mein fchweres Haar entgegenneigt«, fo bringt diefe mathematifch genaue Analyfe fowohl Geficht wie Lächeln um ihr zartes Leben. Der Dichter nimmt aus Bildern und Vergleichen ficher feine befte Kraft, aber nie darf er ihre Tragfähigkeit durch mathematifche Befchreibungen überfpannen, niemals auf Menfch und Wald und Tier eine von der Technik ge^ lieferte analytifche Methode übertragen. Dies Zuviel an Darftellung aus Mangel an wirklicher Gegenmenfchlichen Körper in das Herz der Natur und wieder zurück, aufs Pflafter der Großftadt zu gelangen, unternommen in einer ftändlidikeit, diefer ausfiditslofe