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Der jüdische Wille · 1918-04-01 · Heft 1 (April 1918) · page 46

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 1 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
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44 Weitzrnann, Alfred Wolfenftein und Flamme, und grade weil fie weder in Stoff noch Inhalt eira jüdiläies Vorzeichen tragen, werden fie umfo unbefangener für den* Geiß zeugen, der fie formte. Das Grunderlebnis, das ihrer Sprache eine befondere Phyfiognomie gibt, iß die moderne Großftadt mit dem Zubehör ihres fozialen und technifchen Betriebes. Ein Mufik* cafe oder ein Straßenauflauf hat zwar zu vielen heutigen Gedichten, das Material hergegeben, und wenn fich die Lyriker auch fchon. feltener vor Gaslaternen, Fenfierblechen und Telephondrähten auf^ halten, fo braucht an fich in dem reichen Arfenal moderner Verfe nichts davon zu fehlen. Aber was für die meißen doch nur zu^ fälliger Anlaß einer feelifchen Stimmung iß, die fich auch durch andere Symbole ausfprechen kann, das löft diefem Dichter überhaupt erfi die Zunge und führt ihn von den entlegenßen Saumpfaden des Gedankens immer wieder zurück zu den »knochigen Dachlinien« gegenüber feinem Manfardenzimmer. Dies Zimmer und. die draußen vorbeilaufende Straße find die urfprünglichen Kuliflen feines Innenlebens, im Auslchnitt feines Fenßers fühlt er zuerß 3Te Atmofphäre der Großßadt, ihre Menfchen und Apparate und den Dunß ihres abendlichen Himmels. Bei einer fp begrenzten räumlichen Unterlage läuft der Dichter freilich auf Schritt und Tritt Gefahr, in die Banalität umzufifilagen. Ihm wird nicht wie bei hißoriftfiem oder landfchaftlichem Hintergrund ein Teil der Wirkung; föhon vom Gegenfiand felbß gefchenkt, er muß alles allein beforgen,. um die Alltäglichkeit einer Welt, zu befiegen, deren technifche Rätfei jeder fo gründlich kennt, daß er ihr keine Wunder zutraut. Wolfen^ fiein hat gerade diefer räumlichen Befchränkung feine tieffien Wir^ kungen zu danken. Es gehört fchon ein Künfiler dazu, den Dämmerfchatten einer Dachkammer und die Anwefenheit einer Katze in den unheimlichen Alpdruck der »Fremden Stunde« zu ver* Ichmelzen, oder den erwachenden Morgen der Großßadt aus ein. paar jedem geläufigen Daten zu jener furchtbaren Vifion zu ßeigern, wie fie ihm im »Guten Kampf« gelingt. Und es iß gewiß keirc Zufall, fondern der fchöne Ausdruck diefer Eigenart, wenn ein Leichenwagen und ein Karulfell, die Akzedentien ßädtifcher Trauer und Lufibarkeit, unter feinem Griff zu den erfchütterndßen Symbolen werden, die er bisher für feine Welt gefunden hat. Nun vermag aber grade der Großfiadtdichter am wenigften auf die Natur zu verzichten, weil er hinter dem entfeelenden Mechanismus des modernen Betriebes erfi recht die Schöpfung fachen muß, der felbß der trofilofefie Automat feine Exifienz verdankt. An Technik allein kann fich kein Künfiler entzünden, mag er ihre Anregung auch noch fo brauchen. Wolfenfiein hilft fich, indem er feine Objekte in die Natur einbezieht. Nicht die Gaslaterne felbft erregt feine Phantafie, fondern ihre Flamme, die »gummizart entflackert« und die fchon vor all^r Technik da war, und wenn die Apparate aus fich kein Leben hergeben, fo bringt er fie durch einen Sonnenreflex oder durch die flötende Stimme eines Kindes mit der

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