Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1918-04-01 · Heft 1 (April 1918) · page 45

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 1 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
– (sequence 45)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827069--0047-2827144
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Weitzmann, Alfred Wölfenftein 43 ALFRED WOLFENSTEIN Wir, die wir nicht anders können, als in jeder geißigen Äußerung auch die Äußerung eines nationafen Geißes zu fehen, kommen leicht in den Verdacht, daß wir der lebendigen Erfcheinung mit einem fertigen Syfiem zu Leibe gehen-. Damit würden wir freilich für die Kritik künfilerilcher Leißungen von vornherein verdorben fein. Denn die KunR verträgt ebenfo wenig wie das'Leben felbfi eine »Tendenz«, weder vom Künßler noch vom Kritiker auch das umfaffendfie Prinzip müßte ihre ewig unerlchöpfte Fülle, das eigentliche Zeichen ihrer göttlichen Wahrhaftigkeit, im entfcheidenden Punkt verkennen. Aber fo leicht darf die Vorausfetzung eines nationalen Urphänomens gewiß nicht genommen werden, daß man fie mit dem Gerüß einer abgeßandenen Äfihetik oder gar mit einem notgedrungenen Zwitter aus Politik und Philofophie verwechfelt, wie es unentwegt von kosmopolitilchen Syßematikern verfucht wird. Sie iß wirklich »nur« die Vorausfetzung, nur der grundlofe, aber unverwechfelbare Atem, den wir immer wieder als den Träger aller fchöpferifchen Sprache erleben, — nicht irgend eine leitende Idee, fondern eine von Anbeginn wirkende Tatfache, eine vorgefundene Form und kein hinzugebrachter Inhalt. Und fo gewiß zwar die Form zur Not ohne Inhalt, aber nie der Inhalt ohne Form auskommen kann, fo gewiß zeigt die Erfahrung <deren Zußimmung wir freilich benötigen) den Künßler immer wieder und ausnahmslos im geheimnisvollen Bann feines Volkes. Hier beßeht zwifchen Erkenntnis und Erfahrung eine fcheinbar paradoxe Wechfel- Wirkung: Selbß zugegeben, daß infolge unferer befonderen Gefchichte der jüdilche Nationalismus zunächß als Idee erlebt werden muß, ehe er lieh in der Erfahrung wiederfinden kann, — diefe Idee grad.e macht das Jüdifche an den Werken jüdifcher Künßler überhaupt erß fichtbar, ohne fie würden wir es gewiß nicht erkennen» Und doch geben umgekehrt erß diefe Werke der Idee ihr Fundament, ihre immanente Wahrheit und Berechtigung, dem Geiße das Fleifch, delfen er zur wirklichen Geburt bedarf. Der nationale Gedanke aber iß fo wenig »fertig«, fo fruchtbar und vertiefungsfähig/ daß er durch jede neue Individualität an Umriß und Farbe gewinnt und nun von fich aus eine immer beßimmtere Formulierung jüdifchen Wefens wagen darf. Dazu muß uns freilich eine wirkliche Individualität begegnen, die Kraft genug hat, charakterißifche Entladungen des Geißes hervorzubringen. Der junge Dichter Alfred Wolfenfiein, delfen neuer Gedichtband »Die Freundfchaft«*) diefe Befprechung anregte, fleht außerhalb der Gefahr, in fremden Waffern zu verfließen und Ichließlieh wie die meifien jüdifchen Talente von der Feuilleton-Sintflut weggelchwemmt zu werden. Seine Gedichte haben eigne Glut *> S. Fifdier Verlag, Berlin 1917.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.