Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 5 (15.5.1930)
- Date
- 1930-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 5 Jüdische Schulzeitung. Seite 5 Nicht minder instruktiv sind auch die weiteren Beiträge von Franz Muncker in München über Mendelssohn und die deutsche Literatur, von Paul Michaelis in Berlin und Hanns Reißner über das literarische und politische Echo in Frankreich. Dr. Lewkowitz in Breslau spricht über den Einfluß der Philosophie der Aufklärung auf Mendelssohns Anschauung vom Wesen des Judentums. Franz Rosenzweig s. A. Der Ewige, Mendelssohn und der Eottesname. Es ist das eine Würdigung der Mendelssohnschen Bibelübersetzung. Dr. L. Hirschberg in Berlin behandelt Mendelssohns Psalmen in der klassischen Musik: Nur Franz Schubert und Spohr haben Mendelssohns Psalmenübersetzungen vertont. Zirschberg glaubt nicht daran, daß in der Gegenwart für diese Kompositionen ein größeres und andächtiges Publikum zu gewinnen fei. Die kulturgeschichtliche Bedeutung Mendelssohns onuy digt Dr. S. Bernfeld, der mit Recht betont, daß das jüdische Volk dem Aufklärer Mendelssohn für seine Kulturarbeit viel zu danken hat. „Im allgemeinen kann man sagen, daß es seine ehrliche Absicht war, seinen Volksgenossen den Uebergang von der Isoliertheit im Ghetto zur modernen europäischen Kultur ohne Gefährdung des Judent u m s zu ermöglichen. Daß ihm das nicht ganz ge^ langen ist, läßt sich nur durch die Zettumstände erklären, auf die Mendelssohn oder sonst jemand keinen Einfluß hatte. Volksbewegungen treten manchesmal wie Epidemien auf und lassen sich auch beim besten Willen nicht eindämmen." ,,Moses Mendelssohn und wir" behandelt Dr. Bergmann in Berlin. „Bleibend jedoch ist sein Verdienst um den Kampf für die Gewissensfreiheit und um die Erziehung der jüdischen Jugend." „Wir lesen seine Schriften, denken dankbar an sein Werk und Wirken, ehren seine Gedanken und segnen sein Andenken." Eine besonders wertvolle Gabe zum Mendelssohn-Gsdüchtnistag hat die Israelitische K u l t u s g em e i n d e Nürnberg herausgebracht, indem sie vier Abhandlungen ihres Rabbiners über Mendelssohn in geschlossener Drucklegung in einer Broschüre vereinigt hat: 1. Freudenthal: Moses Mendelssohn und wir — aus der F e st - n u m m er' der G r o ß l o g e, die wir in diesem Zusammenhänge überhaupt empfehlen m ächte n, da die besten Kenner und Autoren hier ihre Arbeiten vereinigt haben als Huldigung für den Philosophen, Aestheten, Schriftsteller und Menschen. 2. Freudenthal — Aus der Heimat Mendelssohns. (Aus dem oben erwähnten Gedenkbuch.) Z. Freudenthal — Gedenkrede bei der Gedenkfeier in der Hauptsynagogs zu Nürnberg — aus dem Nürnberg-Fürth er Gemeindeblatt. 4. „Die Mutter Moses Mendelssohns." Auch Freudenthal betont mit Nachdruck die hohe Bedeutung Mendelssohns für dis Bildung und Erziehung der deutschen Juden und dann der Juden überhaupt, mehr als alles bietet sich uns Mendelssohn als Pädagoge dar. Es ist deshalb eine freudig zu begrüßende Tatsache, daß Dr. H. Stern (unser verehrter Vorsitzender) es unternommen hat, „Moses Mendelssohn als Pädagogen" in der „Deutschen Schule" (Septemberheft 1929) darzustellen, um damit Mendelssohn von seiner tiefsten Bedeutung uns zu zeigen. Anknüpfend an die Zweijahrhundertfeier kür Lessing betont Stern die menschliche und geistige Gemeinschaft der beiden Freunde. Wie. war es möglich, daß zwischen dem ehemaligen Ehettojuden und Lessing eine solche Gemeinschaft entstehen konnte? Dann liegt schon die Leistung Mendelssohns beschlossen, und nun zeigt Stern den Weg Mendelssohns von seiner ersten Berührung an mit dem „Berliner Wind" — mit dem damaligen Geiste Berlins — bis zu seiner Eindeutschung und bis zu seinem Verflochtet werden mit deutschem Geist und deutschen Männern dieses Geistes. Stern meidet jede Ueberschätzung Mendelssohns in einem besonnenen kritisch-historischen Urteil. Es lag in der logischen Entwicklung der Zeit, daß unter dem Einfluß der Wolffschen Philosophie die Pädagogik der Zeit nun Philanthropismus führte, wie ihn Campe, Basedow und Salzmann vertreten, mit denen Mendelssohn befreundet ist, besonders mit Campe, nur erweitert Mendelssohn die philosophisch-theoretische Grundlage der Philanthropisten durch die Idee der Humanität und damit nähert sich Mendelssohn dem großen Erzieher der Zeit: Pestalozzi. Mit ihm verbinden ihn viele äußere Momente zum Zwange, als Erzieher zu wirken: die furchtbare soziale und kulturelle Notlage der Menschheit bei Pestalozzi, die der Juden bei Mendelssohn und die Notwendigkeit, die Erziehung feiner Kinder in die Hand zu nehmen, weil es au geeigneten Erziehern und Lehrern fehlte. Während wir aber in Pestalozzi auch den Sozialpädagogen erkennen, bleibt Mendelssohn ausschließlich I n - dividualpädagoge, er glaubt nur an die Entwicklung der Individuen, nicht aber an eine solche der Menschheit — Auflösung der Menschheit in Individuell! And das mit allen Konsequenzen für Erziehung und Erzieher im Ziel und Mitteln: Eudämonismus, Glückseligkeit dein Einzelnen. Von hier -aus versteht man Lessings Stellungnahme zur Bibel: er betrachtet sie nur unter diesem Gesichtspunkt, als vb sie nur der Glückseligkeit des Diesseits huldige. Wir sind im Gegensatz zum Verfasser aber nicht der Meinung, daß Mendelssohn prinzipiell über den Individualpadagogen hinausgewachsen sei: gerade der Briefwechsel mit Thomas Abbt über die Bestimmung des Menschen und die Schrift: „lieber die Frage: was heißt aufklären?" zeigen die enge Befangenheit Mendelssohns in dieser Richtung. Dafür war die Philosophie seines Zeitalters geradezu prädestiniert und sie war nicht fähig, den Zwiespalt zwischen Offenbarung^- unb Vernunftreligion zu beseitigen. Ganz in den Bereich dieser Untersuchungen füllt auch Mendelssohns Stellungnahme zum Staat, und er wird hier zum Staatspädagogen: Theologie und Politik müssen sich in der Erziehung des Individuums die Hände reichen, wenn beide — Staat und Individuum „glücklich" sein sollen. In den Einzelmaßnahmen der praktischen Methodik und Pädagogik Mendelssohns ist seine feine psychologische Einfühlung für seine Zeit überraschend, besonders seine Vertrautheit mit dem Problem des „Interesses", auch darin Pestalozzi verwandt. Die höchste Leistung Mendelssohns in der Erziehung gipfelt für Stern mit Recht in der Eindeutschung der deutschen Juden: ihre Erziehung für die deutsche Sprache als Grundlage europäischer Kultur, in Harmonie mit dem Geist und praktifchen Leben des Judentums durch jüdische Schule n, die direkt und indirekt auf Mendelssohn zurückgehen: die Frauzschule in Dessau, seiner Vaterstadt, und die Freischule in seiner neuen Heimat Berlin, in der er selbst zwischen seinem Lehrer Frankel und — Lessing die Synthese gefunden hat. Das war Mendelssohns unverrückbares Erziehungsideal für die Äudenheit: man vergleiche darüber feinen Briefwechsel mit Herz Homberg, der im Aufträge Josephs II. die jüdischen Schulen Oester? reichs organisieren sollte. Mendelssohns Sorge galt der unbedingten Erhaltung des Judentums: er fürchtete mehr den schädigenden Einfluß des Kaisers als den Hombergs, dessen wahren Charakter er offenbar nicht richtig beurteilte oder —? Im Septemberhest 1929 des „I e f ch u r u n" nimmt Dr. W o h l g em u th - Berlin Stellung zur Frage: „Warum