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Jüdische Schulzeitung · 1930-05-15 · 5 (15.5.1930) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
6 (1930)
Issue
5 (15.5.1930)
Date
1930-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 5 Jüdische Schulzeitung. Seite 3 den Berufsberater, dem das Kind am Ende seines achten Schuljahres gegenübersteht. Än einem Personalbogen, wie er in den Berufsberatungsstellm verwendet wird, orientiert sich der Berater oder die Beraterin über die bisherigen Feststellungen, die sein Vorgänger an der Versuchsperson gemacht hat. Er schreitet dann zu einer allgemeinen Äntelligenzprüfung, die wohl zumeist eine Reaktionsprüfung für das Gedächtnis sein wird, und geht dann zur speziellen Eignungsprüfung über. Hat der Psychologe erkannt, in welcher Richtung die Veranlagung eines Kindes liegt, ist es ihm vielleicht klar geworden, daß die individuellen Nöte einem falsch angelegten, nicht realisierbaren Lebensplan entspringen, dann erwächst ihm die Aufgabe, den Menschen mit Klugheit und Vernunft dahin zu führen, dasz er Plan und Ziel in das Licht der Wirklichkeit bringe. In ernsten Fällen bedarf es des überlegenen Arztes oder Psychologen, in leichteren vielleicht des Appells eines Freundes, der das blinde Manöver durchschaut und den Gegenspieler zur Einsicht und Offenheit bringt. Die Psychotherapeutik wird aber immer versagen, wenn nicht zugleich mit der Erscheinung die Ursachen bekämpft und beseitigt werden. Das grobe Spiel der menschlichen Gesellschaft mit seinen Konkurrenz- und Nwallllllskämpfen, das unerbittliche Ringen der Individuen untereinander, in dem jeder Schwache unterliegt, das Leben mit seinem Neid, Ehrgeiz und Streben, mit seiner Eitelkeit und Pose, seiner Lüge und Konvention, seinem Schein und seiner Unwahr Hastigkeit, muß die Menschen von der gradlinigen Entwicklung und dem natürlichen Wachstum abdrüngen, muß sie zwingen, sich Masken vorzubinden. Ihre Seelen werden reizbar und wund, und können nicht eher zum Gleichgewicht zurückkehren, zur Ruhe und Heilung kommen, bis die menschliche Gesellschaft von Grund auf neu und vernünftig geordnet ist. Der mündige, schaffend schöpferische, sozial empfindende Mensch ist das Ziel der neuen Schule, mit der Erfüllung dieser dreifachen Aufgabe imb mit der Verwirklichung einer umfassenden, durchgreifenden Organisation, die dieses Ziel erstrebt, führt sie zugleich alle nur erdenkbaren Voraussetzungen herbei, um unsere Äugend seelisch gesunden zu lassen. Ähre Pädagogik erscheint als die praktische Schlußfolgerung und Anwendung der neuesten Forschungsergebnisse moderner psychotechnischer Arbeit. Die neue Schule, die Schule der Gemeinschast, ist Ausdruck des ganzen neuen, gefunden, blühendeil Staatswesens überhaupt. Der Geist der Gemeinschaftsschule ist der Geist der Zeit. Er wird zwingend und wird schließlich auch Oeffentlichteit und Gesetzgebung erfassen, sollen nicht die Lebensinteressen des Volles verletzt werden. An der Realisierung des neuen Erziehungsgedankens, der Größe und Weite ihrer Bildungspolitik wird die Geschichte einst die Höhe und die Größe der ganzen Volkskullur zu werten haben. In diesem Sinne ist jede Epoche im Ablauf der Zeiten, was ihre Schule war, was ihre Äugend ist. Die Wissenschaft des Judentums zugleich eine Besprechung der Festschrift zum 7ö jährigen Bestehen des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckelscher Stiftung. Breslau 1929, zwei Bände. Von Rabbiner Dr. Arthur Posner, Kiel. Mit einem gewissen Bedauern hat Franz Rosenzweig 1917 in seinem Aufruf „Zeit islls" fciigeiteltt, daß die dlllrm dessen, was wir seit über hundert Jahren Wissenschaft des Judentums nennen, in der Hand der Rabbiner liegt. In der Hand der Männer, die man die geistigen Fühnw unserer Gemeinden zu nennen liebt, deren Zeit heute viellücht mehr denn je von Stunden des Unterrichts, von Sitzungen der Beratungen, von Betätigung auf seelsorgeräschem und sozialen Gebiet, von Predigten und Vorträgen, und — bisweilen nicht einmal Zuletzt — von gesellschaftlichen Pflichten in Anspruch genommen ist. Es ist seit Rosenzweig anders geworden, besser, seit die „Akademie" ins Leben gerufen ist und wir wirtlich auch jüdische Privat gekehrte besitzen. Aber große Gebiete der jüdischen Forschung würden brach liegen, so die Rabbiner nicht ihre geringe freie Zeit dazu benützten, den Boden urbar zu machen oder zu bebauen, oder so die Lehrer der Rabbiner, die Dozenten der Rabbinerbildungsanstalten nicht die Wegweiser ihrer Schüler und die eigenen Arbeitsleute sein würden. Eine solche Anstalt — wie ein , Rabbinerseminar — zeigt in der wissenschaftlichen Ausbildung die ungeheure Vielseitigkeit der jüdischen Forschung. Rach diesem Gesichtspunkte möchte ich einige Morts zu den Aufsätzen der oben genannten Festschrift sagen, indem ich zusammengehörige Abhandlungen zusammen betrachte und zeige, wo überall unsere Lehre noch der Schächte Tiefen ausgraben kann, wo überall sie erquickend und belebend wirkt, wo überall der Gedanke, das Wort, die Rede angesetzt werden kann. Darf ich einige allgemeine Sätze oorausschicken? Beide Bände sind eine Zierde der Anstalt, ein Schmuck der Forschung, eine Perle der Arbeit. Sämtliche Dozenten haben sich beteiligt, mit recht bedeutenden Arbeiten, 20 Schüler haben sich als Mitarbeiter beteiligt, altersgraue, die noch zu den Füßen Zacharias Frankels, Heinrich Gräetz's ge» feilen haben, die mittlere Generation, die Brauns Worten gelauscht hat, und die jüngste, die schon Heinemanns, Lewtowitz' Schüler zu nennen sind. Verschieden an Umfang, in Form und Sprache, atmen sie den Geist des Judentums in sich, gelten Spezialgebieten eigener Forschung, zu denen in den Studienjahren schon der Grund gelegt wurde, oder doch Gebietein die jetzt betreten werden Zn Erinnerung, an alte Vorlesungen imb Anregungen. Der 1. Band kann rascher erledigt werden. Die Dozenten habeil ihr Sondergebiet, ihnen widmen sie ihre Arbeiten. Heinemann beginnt den Reigen, mit dem 1. Abschnitt einer größeren Arbeit „Philons griechische und jüdische Bildung" (bre Fortsetzung hierzu ist bereits im letzten Jahresbericht des Breslauer Seminars erschienen, ein dritter Teil soll noch folgen.) Philo gehört zu den Gelehrten, die nie vergessen waren. Aber bei uns ist das Studium seiner Schriften sozusagen von Breslau ausgegangsn, die griechische, heute einzig maßgebende Ausgabe seiner Schriften ist Leopold Cohn, dem Breslauer Bibliothekar, zu verdanken, der auch 1910 bereits eine deutsche Uebersetzung herauszugeben begann, die nun von Heinemann fortgeführt und wohl in wenigen Jahren abgeschlossen sein wird. Eohn hat auch manche Arbeit über Philo veranlaßt, und so ist gerade von Rabbinern manche Abhandlung und manche Dissertation über Philo erschienen. Nicht zuletzt -wurde die Frage nach seinem griechischen und jüdischen Wesen auf-» geworfen und behandelt. Das zerstreute Material zeigt keine Einheitlichkeit und bietet keine umfassende Darstellung von Philos jüdischer und griechischer Bildung. Da es kaum eineu Gelehrten in Deutschland gibt, der in der hellenischen und jüdischen Wissenschaft so zu Hanfe ist wie Heinemann, kann man erwarten, daß wir hier eine gediegene und abschließende Arbeit erhalten. Diesen Eindruck machen schon die ersten Kapitel, die die Angaben Philos über Tempel und Opfer, über Eid und Gelübde untersuchen. Lewtowitz, der Philosoph unter den Dozenten, behandelt „das Judentum und die geistigen Strömungen der Neuzeit". Die Arbeit ist der 2. Abschnitt des gleich lautenden Buches und gilt der Erforschung der Zeit der Aufklärung.

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