Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 5 (15.5.1930)
- Date
- 1930-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer 5 Es geht eine Sehnsucht nach Aeberwindung der Ruhelosigkeit unserer Tage durch die Welt. Das ist im tiefver. borgenen Schacht der jüdischen Seele die Sehnsucht nach dem Sabbath. Erringt der Jude seinen Sabbath Mederso ist der Anfang der Beruhigung und Befriedung der ganzen Welt gewonnen. Aus der Werkstatt des Berufsberaters. Von Anselm Ving. Die bahnbrechenden Untersuchungen führender Psychologen und Psychiater wären kaum denkbar gewesenwenn nicht die Psycho-Analyse die Tore unserer psychologischen Erkenntnis geöffnet hätte. Mediziner und Kliniker wären auf die Methoden alter Heilkunst beschränkt gebliebenwenn ihnen die Psycho-Analyse und die Ändividual-Psychologie nicht die Mittel Zur Vervollständigung der organischen Behandlung geliefert hätten. — Die neupsychologische Orientierung rief einen völligen Wandel der Anschauung und der Praris moderner Heiltunst hervor. Die verfeinerte Kenntnis seelischer Vorgänge führte weiter Zu überraschenden Aufschlüssen der gegenwärtigen und vergangenen Kunstentwicklungführte - zu neuen Deutungen der Charaktere und Temperamente der Künstler- Forscher und - Staatsmännerder Motive ihrer Werke und der Tendenzen ihrer Zeit. Nur die Erziehungswissenschaften zögertendie neuen Erkenntnisse zu übernehmen, um aus ihnen den Antrieb für eine Neugestaltung der Schularbeit zu gewinnen. Geschichte und Seelenforschung lehren uns die Bedingtheitendie inneren Schwierigkeitenvor allem Tempo und Rhythmus geistiger Entwickelungen erkennenwas wir WiffeiL schaft nennen ist ein Anfangder nur groß erscheintgemessen an dem Weltbild primitiver Menschen. Was wir darzustellen vermögen, ist ein Stammeln gegenüber dem Geschehen der großen, natürlichen Schöpfungen. Was wir im persönlichen Leben hinzugewinnenist für Artentwicklnng und Artfortbildnng kaum nennenswert. Welche Spannen menschlichen Zeitempfindens liegen zwischen der indischen, griechischen und europäischen Kultur und wie gering sind die Grade der Unterschiede ihrer Höhenentwicklungen. Die Geschichte erscheint als ein Spiel von Wiederholungen, als der unendliche Prozeß von Entstehen und -Vergehen, der den Fortschrittd. h. den Fortgang der Verwirklichung und Vollendung des Menschen in sich birgt. Wie beharrlich, also tendenZbew ahrend und schwerfällig sind alle Entwicklungen, voll Ungeduld und Leidenschaft werden sie erwartet, fast unabänderlich erscheinen sie durch die Entfernung der Jahrhunderte und Jahrtausende. Wir müssen prähistorische Zeiten der Erde zur Hilfe rufenum die Gewißheit Zu erhalten, daß Zwischen erstem organischem und menschlichem Bewußtsein Weltzeitspannen ungeheurer Entwicklungen liegen. Demgegenüber erscheint es als eine Vermessenheit, die Äugend auf die geistig-seelische Verfassung einer Zufälligen Generation, auf deren Unwissenheit, Unkultur und Unfertigteit festlegen zu wollen, erscheint es als ein Frevelwerik gegen die Natur, die Äugend gewaltsam von sich selbst, ihre natürlichen Anlagen, ihre Eigenentwicklung „durch Erziehung" ablenken und abdrängen zu wollen. Die gegenwärtige Erziehung greift äußere Bildungsmerkmale auf und übersieht das flüssige und seelische Material, das allein keimfähig ist. Die Schule ignoriert im Kinde die Entwicklungsmüglichkeiten, die ihm nach phylogenetischen und vntogenetischen Voraussetzungen gegeben sind, wenn sie das Kind in die Tradition und Konvention, in die Welt des Scheins und der voreiligen Begriffe hmeinpreßt, ihm damit die natürlichen Wachstumsbedingungen entziehend. Adler hat rechtwenn er von der Erfahrung sagt, sie sei nicht passiv, sondern aktiv, es komme nicht auf das Vorhandensein, sondern auf Tendenz und Richtung der geistigen Kräfte an. Aktiv aber ist der Menschder zur Behauptung seiner Existenz alle ihm von der Außenwelt dargebotenen Mittel ergreift, sie benutzt- und seine Kräfte an ihnen übt. DresM vitalen, geistig und körperlich aktiven Menschen kannte die Schule nicht, sie war keine lebendige, Zur Eroberung und Besitzanzeigung reizende und bereitliegende Umwelt, sie reichte den Menschen nicht die Mittel zur Eigenförderung und Eigengestaltung seiner seelisch-leiblichen, realen Existenz. In ihrer intellektualistischen Einstellung hat sie diese Aufgabe überhaupt nicht gesehen, sondern sie verließ ihre Erfüllung an die Zeit der großen Praxis nach ihr. Unter Leben verstand sie niemals Erhöhung der Vitalität ihres Zöglings, sondern die theoretische Vorbereitung für einen problematischen Beruf. In ihrer Unkenntnis beschwor sie alle Gefahren geistigen Stillstandes herauf: Brachlegung, ja Vernichtung persönlicher Kräfte, Verdrängung starker und individueller Bedürfnisse und Strebungen. Sie verfiel der Lebensfremdheit und wurde Zum Hemmnis einer allgemeinen kulturellen Entwicklung. Jeder gesunde oder kranke Mensch richtet bewußt oder unbewußt in sich ein Lebensziel auf, dem sein Denken und Handeln im Kampf um dessen Erfüllung unbedingt gehört. Dieses Lebensziel ist mehr oder weniger beweglich. Es durchläuft in seiner Prägnanz alle Grade und Nuancen: ist verworren oder klar, verschwommen oder bläßlich, voll pessimistischer oder optimistischer Tendenzenist aggressiv oder weicht aus, es versucht sich in Hochmut und in Unterwürfigkeit, stellt sich feindlich gegen die Menschheit oder die Gesellschaft, oder sucht beide durch Güte für sich Zu gewinnen. Es ist gemeinschaftsstörend oder gsmeinschaftsbildend. Es macht irre oder genial. Zumeist, und das ist das Unglück des individuellen Menschen, liegt das „Ziel" außerhalb der Realitäten des Lebens und kann nur im Gegensatz zur Umgebung durchgesetzt werden. Die Kraftdie der einzelne notwendigerweise entwickelt, um offen oder vew steckt seinen Zweck zu erreichen, begründet den Lebensplan des Menschenentfaltet seine Kräfte. Die Aktivitätdie das Individuum zur Sicherung dieses Lebensplanes entfaltetbestimmt seine ganze geistige Verfassungmacht Inhalt und Wesen seiner Persönlichkeit aus. Wo Wirklichkeit- Plan und seelischer Ueberbau zusammenstimmen, werden Lebensmöglichkeiten zu einer glücklichen Lebensgestaltung führen, wo diese drei Erziehungs- und Wirkungstomponenten widereinander streiten, werden Unsicherheit, Zerrissenheit- Laune- Machtstreben und Neurose um sich greifen. Das Streben nach Wirkung, Einfluß, Bedeutung- Geltung, Macht, ist durchaus gesund, wenn es Zum Schöpferischen führt, im negativen Sinn kann es vernichtend sein, kann es Zu einem geistigen Imperialismus führen, Zu den; Umgebung und Gesellschaft notwendigerweise in Abwehr stehen. Die i Gegenmaßnahmen und DorbeugungZmaßregeln, die die Gesellschaft ergreift, machen das Gebiet der pädagogischen, experimentat-psychologischen, seelisch-therapeutischen Praxis aus. Die Mittel, die uns heute zur Erforschung seelischer Funktionen zur Verfügung stehen, sind unablässig im Wachsen begriffen. Mit den heute vorhandenen ist es möglich. Richtung und Zielsetzer der Seele darzustellen. Ich erwähnte schon, daß Schulversnche, als auch Eignungsprüfungen zur Berufsberatung angewandt werden können. Eine Aufmerksamkeitsprüfung, eine Eedächtnisprüfung, oder eine Gefühlsreaktionsprüfung werden in jedem Kindesalter. klug abgestuft, anwendbar sein und ein annäherndes Bild der Geistesverfassung der Versuchsperson ergeben. Durch alle Schuljahre dnrchgeführt, bilden diese Prüfungsergebnisse die beste und grundlegendste fundamentalste Orientierung für