Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 10 (1.10.1938)
- Date
- 1938-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüd ische Sc hu 1 z"eitung Nummer 10 können. In einem Sonderkurs sollten Schwerhörige (insbesondere wenn eine Verschlimmerung des Leidens droht) einen systematischen. Absehunterricht durch einen Sprachheillehrer oder Sprachheilarzt erhalten. Schwerhörige, denen die. Kontrolle über ihre eigene Sprache verloren gegangen ist, kommen häufig zu sprachlichen Mißbildungen oder Verstümmelungen (z. B. Verwechselung der Explosivlaute p, t, k: tomm statt komm u. a.). Auch hiergegen kann und muß im Sprachheilkurs .erfolgreich eingeschritten werden. Das physiologische oder funktionelle S t a m m e 1 n des Kleinkindalters (dort eine unbedenkliche und natürliche Erscheinung) findet sich noch oft in den Grundschuljahren. Jedem Lehrer dürfte am ehesten die Mißbildung -des S-Lautes aufgefallen sein (Sigmatismus). Dem Lehrer der Grundschule ist es möglich, auf die sprachliche Entwicklung seiner jungen Schüler entscheidenden Einfluß auszuüben. Viele sogenannte Lallübungen, angeschlossen an Kinderreime, gestatten unauffällige Uebung einzelner Laute (ri-ra-rutsch, fi-fa-futsch, enemene-minginang-klingklang, ose-pose-packe-dich usw.). Echospiele (Nachahmungsübungen), lebenspraktische Spiele, Kopierspiele mit freier Rede (beim Kaufmann, beim Arzt) erlauben unauffällige Hilfeleistung bei der Ueberwindtmg sprachlicher Schwierigkeiten .oder Hemmungen. Ich betone absichtlich die U n a u f f ä 11 i g k e i t, mit der der Lehrer seine Hilfsstellung beziehen muß. Jede Bewußtmachung eines Sprachfehlers kann mehr Schaden anr i c h t e n denn Nutzen stiften^ Bei Kindern mit einer Disposition zu nervösen Reaktionen kann hier leicht eine Neurose ausgelöst werden. Als ein vorwiegend neurotisch bestimmtes Sprachübel aber haben wir das Stottern, wohl die weitestverbreitete Sprachstörung, anzusehen. Nirgends gilt mit mehr Recht der Grundsatz: „Vorbeugen ist besser als heilen!" Die Therapie kann sich nicht auf das Artikulatorische und Phonetische beschränken. Der Stotterer bedarf einer völligen psychischen Umerziehung, einer Stärkung, seines Selbstvertrauens, einer Kräftigung seines Willens. Hierbei muß der Klassenlehrer Helfer und Förderer sein. Jede Demütigung, die dem Kinde während seiner Heilbehandlung in der Klasse widerfährt, kann den Erfolg illusorisch machen. Der Lehrer versuche auf die Methoden, die der Leiter des Sprachheilkurses für nötig erachtet, verständnisvoll einzugehen; sei es daß er den Stotterer vor dem Sprechen ruhig und tief atmen läßt, daß er ihn um einen Ton tiefer sprechen läßt als gewöhnlich oder im Flüsterton oder die- Rede mit rhythmischen Bewegungen begleiten läßt Wesentlich ist, daß man den- Stotterer nicht unterbricht, ihn nicht dauernd wiederholen läßt und ihn dazu anleitet, weniger auf den Sprechvorgang zu achten und vielmehr auf die Sprachmelodie und den Wohlklang seiner Stimme. ■'V _ Polterer und Agramm a t i s t e n sind ebenfalls hin und wieder in unseren Schulen zu treffen. Man glaubt vielfach, daß eine betonte allgemeine Körperschulung sich in solchen Fällen auch auf die Ueberwindung der sprachlichen Mängel ganz besonders gut auswirke. Bei Sprachstörungen, denen organische Fehler zugrunde liegen, kann nur der Spezialarzt Abhilfe schaffen (Hasenscharte, Wolfsrachen, Zahnmißbildungen, Kieferanomalien). Für alle Arbeit im Kampf gegen Sprachkrankheiten aber gilt, daß nur d e r Helfer sein kann, der eine gewisse Kenntnis der physiologischen Bedingungen hat, unter. denen Sprache aufgenommen und gebildet wird. Eine unerschütterliche Ruhe und zähe Geduld werden sich mit strenger, nach phonetischen Gesichtspunkten bestimmter. Systematik paaren müssen,' um den Erfolg zu sichern. - Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte*) Was von vornherein wahrscheinlich, daß der Gehalt" der Evangelien, ihrer Helden. und Gedanken, ihrer Erzählungen und Ideale ein Stück unverfälschten jüdischen Geschichtslebens ist, das zeigt diese Schrift im einzelnen auf. Die Evangelien, wie sie vorliegen, als die Urkunden christlicher Religion, sind gewiß erst die Frucht einer generationlangen Wandlung, an deren Ursprung die Botschaft von Jesus, dem Messias, steht. Aber wie dieser Ursprung selber in uraltem jüdisch-biblischem Gut eingebettet ist, so ist auch die Dynamik, die in der Wei-." terleitung der Quelle wirkt, nur aus dem eigentümlich jüdischen Lebeiisprinzip des Wachstums der Tradition zu verstehen. Das Wesen solchen Prozesses der Ueberlieferung, wie er, innerhalb der Schichten unsrer Heiligen Schrift vorgebildet, über diese hinaus das rabbinische und Evangelien-Schrifttum ergreift und formt, ist der erste Gegenstand dieser Arbeit. Wie die Wege der Ueberlieferung wirkliche Wege sind, an deren Ziel der Wanderer anderswo steht wie am Ausgang, mag er immerhin glauben, ein und dasselbe- Erbgut nur weitergetragen zu haben, das zeigt sich da wie dort Weil die Bibel höchste, ja, einzige Autorität war und blieb, der menschliche Geist aber in ewiger Bewegung ist, konnte Ben Bagbag von ihr sägen: befasse dich mit ihr von überall her, denn alles ist in ihr. — Denn — können wir hinzufügen —: wahrhaft Bedeutendes, was dem Menschen nottut, kann niemals, in keinem Geschlecht außerhalb des göttlichen Wortes sein. So wird aus der Bibel, dem Buche, die dem Kundigen erschließbare Vorausdeutung alles geschichtlichen Lebens überhaupt. Zur Deutung gehören die Deuter, die individuellen Medien, in denen sich die Kunde von altersher in je besonderer Weise bricht, ihr Sehnen und Erwarten, ihre Hoffnung und Angst, mit denen, sie auf den Mann schauten, den Messias; er war ja verheißen, und nie schien sein Kommen," sein Wirken zu letzter Begnadung dem Menschen'notwendiger als in dieser Wende der Zeiten. Ja, jetzt mußte er kommen, um sieghaft den Kampf gegen die unsauberen Geister und deren höchsten, den Satan, durchzuführen. Die erregte Gemeinde von Gläubigen, von Glaubenswilligen sah ihn durch das jüdische Land ziehen. Und wenn man sich später von seinen Taten erzählte, wußte man auch von all jenen Wundern und Zeichen zu berichten, die einst von den Propheten, als den untrüglichen Begleitern des gottgesandten Messias, des Christos, geweissagt waren. So lebte er in den Geschlechtern fort, die. auf seine Wiederkehr, die Pärusie, harrten. Und zu diesem .urgeboren Jüdischen trat durch Saul aus Tarsus, römisch: Paulus geheißen, ein Neues: orientalische außerjüdische Kulte, mystische und gnostische Gedanken vom sterbenden und auferstehenden Gott, vom Sakrament, der heiligen Speise, von der weihenden Kraft der Taufe verhießen Erlösung; Das alles reflektiert in die Evangelien-Schriften, wie sie vor uns stehen, von denen keine eine Generation nach Jesu Tode abgefaßt, hinein. Assimilierbar erscheinende Gedanken griechisch-römischer Weisheit, die damals das zu einem Universalstaat ..werdende Weltreich der Römer durchdrang, leisteten ihren Beitrag. Das alles in einer Zeit, da der Zusammenbruch von Staat und Tempel der Juden im. Jahre 70 jüdische Menschen mehr als je, sofern sie gläubig waren, dem geweissagten Heil der Endzeit entgegenbangen hießen. Aber das große nationale Unglück - und seine Auswirkung auf das Schicksal der unter die Völker zerstreuten Juden wurde zugleich Quelle des Wunsches, sich von dem gottverfluchten Stamm abzugrenzen, ja gänzlich abzusondern. Und so zeigen die einzelnen Evangelien, je später entständen um so mehr, die Neigung, die neue. Lehre von Jesus Christus, dem erlör senden Gottessohn, zum nunmehr allein legitim gewordenen *) Leo Baeck: Das Evangelium als Ürkunde der jüdischen Glaübensgeschich e. (Bücherei des Schocken-Verlags, Nr. 87.)