Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 9 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite' .4 Jüdische Sc hulzeitung: ' Nummer~.9. Eigentümlich und fremdartig mutet das Innere an. Der Vorbeter steht auf dem Almemmor, der sich fast am Eingang befindet. Von alten Messingleuchtern, die,von der hohen Decke herabhängen, brennen eine große Anzahl von Kerzen, die ein für unser Auge eigenartiges Licht des Halbdunkels verbreiten. Die Bänke sind dem Almemmor zu angeordnet, also nicht wie bei uns der Ostmauer zugewendet. Die Frauenempore wird von einem hohen Gitter abgeschlossen. Vorbeter und Rabbiner, sowie alle Funktionäre tragen die mittelalterliche Tracht: Rock mit einer Art Schleppe, kurze Beinkleider, weiße Strümpfe, Schnallenschuhe, dien Dreimaster. Der Aron-Hakodesch nimmt die ganze Ostwand ein und birgt eine große Zahl z.T. sehr alter Torarollen, mit höchst wertvollem Schmuck (der Tas oder Schild ist unbekannt). Das Holz der Türen spiegelt in .'eigentümlicher, höchst stimmungsvoller Weise die Strahlen der Kerzen wider. Es ist von besonderem Wert, und es wird behauptet, daß die portugiesischen Juden den Aron-Hakodesch aus ihrer alten Heimat mitgebracht haben. Das Halbdunkel der Rembrand'tbilder tritt unserem Auge hier als Natur entgegen. Die Türen des hl. Schrankes tragen keinen Vorhang. Nur am 9. Aw werden sie durch schwarze. Tücher verkleidet. Dann tragen auch die Torarollen schwarze Mäntelchen. Weiße Tachrichin sind an den hohen Feiertagen den '.sefardischen Juden unbekannt (Ueber die Entstehung derselben siehe Berliner, Aus dem lieben der Juden in Deutschland, S. 34 ff, also aus -dem deutschen Kulturkreis stammend). Besonders augenfällig ist es, daß der Mittelraum durch eine Barriere abgeschlossen ist, den nur Mitglieder der portugiesischen Gemeinde betreten dürfen. Der Grund hierfür ist folgender: Bei der 1. Invasion" deutscher Juden in Holland traten diese nicht der. Hauptgemeinde bei Die allgemeine Hoofsynagoge verwehrte ihnen daher den Zutritt zu ihrem Gotteshause. Die Portugiesen konnten sich einer so radikalen Lösung nicht anschließen, aber sie errichteten eine hölzerne Schranke, und die Mitglieder der Gemeinde konnten ihre Plätze innerhalb derselben belegen, während alle anderen als „Gäste" außerhalb derselben bleiben mußten. Die Aussprache des Hebräischen ist sefardisch und zwar mit einem durch djas Holländische beeinflußten Aczent. (Exkurs: der Einfluß der Lautbildung der Umweltssprache auf die Aussprache des Hebräischen). Der Nusach weist so einschneidende Veränderungen auf, daß es dem nur mit dem aschkenasischen Minhag Vertrauten schwer fällt, der Gebetsordnung zu folgen. Es ergibt sich nunmehr die Gelegenheit, geschichtliche Zusammenhänge aufzuzeigen, was sich zu einem kurzen Rückblick der Geschichte der Juden in Spanien und Portugal sowie .der darauf folgenden Wanderungsbewegung verdichten kann, Die Kunst der geschichtlichen Wiederholung-besteht dlariiu den Stoff unter immer neuen Gesichtspunkten zu betrachten um die so gefährliche Trockenheit des Geschichtsunterrichts zu vermeiden. Ein Ansatzpunkt für solche Betrachtungen ist z. B. auch die Tatsache, daß die sefardischen Juden keinen Kiddusch in der Synagoge am Freitag-Abend kennen. Es muß auf die Entstehung dieses Brauches in Deutschland zurückgegriffen werden: Der Kiddusch wurde gesprochen für die Gäste des Logierhauses, das sich bei der Synagoge befand. Daher auch der frühere Gebrauch, den Kiddusch in der Türschwelle zu sprechen, jetzt noch, sich der Gemeinde zuzuwenden. Daher wird auch in den Sedernächten bei uns in der Synagoge das Kidduschgebet nicht gesprochen, denn die Sedermalzeit nahm jeder im Kreise der Familie ein. Hier läßt sich ein kulturwichtiges Moment aufzeigen: Die aschkenasischen Juden auch des Mittelalters waren stark gemeinschaftsbildend orientiert (Logierhaus, Tanzhaus, Rathaus, das Leben vollzog sich unter besonderer Teilnahme der Gemeinde — Hochzeitsgebräuche u. s. w.), die Einstellung der sefardischen und französischen Juden tendiert stark nach der subjektiven Seite hin: Die Umwelt und ihre Lebensauffassung drang auch in das Ghetto ein, trotz konsequenter Abschließung.. So sehr gerade für reifere Schüler die Aufzeigung kulturhistorischer Zusammenhänge von Interesse ist, so sehr hüte man sich vor Gemeinplätzen :und vor seichten Verallgemeinerungen. Ein Beispiel dafür, wie, esnicht sein kann, ist die Arbeit von, Ariye Berger: Gemeinschaft und Gesellschaft in der Geistesgeschichte des" Judentums, Beitrag zu einer „Kultur-^ Psychologie des Judentums".. . . Nach dieser gründlichen Vorbereitung wende man sich dem .eigentlichen Thema „Spinoza" zu. ... Am 27. Juli 1656, einem Donnerstag vor Tischo beaw, versammelte sich in dieser Synagoge die portugiesische Gemeinde zu einer außergewöhnlichen religiösen Handlung. Vor der hl. Lade war eine Anzahl schwarzer Kerzen entzündet vom Almemmor herab verlas der Vorbeter den großen Bianhfluch gegen Baruch Spinoza (Dubnow Bd VII S. 470), es wurde in das Schofar geblasen, um dem Akt eine besondere Feierlichkeit zu geben, die schwarzen Kerzen wurden in einem bereitstellenden Gefäß gelöscht, der Gebannte war. ausgestoßen aus der Gemeinde Israels. Diese Stunde war eine Entscheidung nicht nur für Spinoza, sie besaß darüber, hinaus für das Judentum eine tiefe Bedeutung. Es sollte mif Bewußtsein die Priorität der jüdischen Weltanschauung, die Erhaltung der jüdischen Substanz zum Ausdruck gebracht werden —^gegen das Eindringen der im Begriff einer ungeheueren. Revolution des Geisteslebens stehenden Umwelt.- Nunmehr soll die Biographie Spinozas erarbeitet werden. Als Quellen können dienen einmal Grätz, sodann Dubnow und endlich Bolin, Spinoza. Es ist jedoch wichtig, daß diese Quellen kritisch gelesen werden, Grätz als Vertreter. der mehr theologischen Seite, Dubnow als Historiker, der ohne Einschränkung^ die Ergebnisse der Bibelkritik, deren Vorläufer gerade Spinoza ist, übernommen hat. Es kann daher nicht verwundern, daß einzelne Abschnitte bei Dubnow sich geradezu wie eine ApOr theose Spinozas lesen. Das Buch Bolins ist das Werk eines Spinozisten. Unsere Aufgabe soll und muß es dagegen sein, den Gegensatz zwischen Spinoza und seinen Gegnern, dem Personenkreis um die portugiesische Gemeinde dem Schüler verstehend nahe zu bringen bis zu dem Ziele, das dem Denker gerecht wird, aber auch begreifen läßt, daß seine philosophische Grundhaltung — abgesehen von seiner Lebensführung — mit jüdischer Grundhaltung sich nicht mehr vereinbaren läßt. Dazu bedarf es einer für Schüler verständlichen Heraus- . arbeitung des Gottesbegriffes Spinozas. Dieser'ist kein Atheist. In seiner Gedankenwerkstatt steht Gott geradezu im Mittelpunkt. Er kämpft um den bildlosen Gott. Aber das Resultat ist ein Wesen, das keinerlei Beziehungen mehr zum Menschen hat. Mit Spinoza beginnt das monologische Zeitalter — vorher bestand das dialogische. Diese Begriffswelt muß scharf umrissen werden, und sie kann an den literarischen Höhenpunkten beider Welten - Hiobimd Faust - veranschaulicht werden. Damit ist man an das Grundproblem herangekommen; das Wesen religiösen Erlebens in der Anredbiarkeit Gottes zu finden. Zweifellos ist von hier bis zu der Idee einer Wirksamkeit Gottes etwa von profetischer Schau bis zu der gegenseitigen Abhängigkeit von Gott und Mensch in Kabbala und Ghassidismus ein weiter Weg, aber die Wegrichtung. ist eingeschlagen. Man gebe nun für die Art der Anredbairkeit Gottes aus. dem jüdischen Schrifttum Beispiele; die Gebetsliteratur von den Psalmen angefangen ist voll davon. Zum Schluß möge dann in gemeinsamer Arbeit der Aufsatz von Buber: Spinoza-Sabbatai Zwi und der Bälschem in dessen Buch: Deutung des OhassidÜsmus, .3 Versuche, Bücherei des Schockenverlags Nr. 43 gelesen werden. Ist so. an einem Beispiel aufgezeigt worden, was einen Teil jüdischer „Substanz" ausmacht, dann hat man den Schülern eine konkrete Anschauung von diesem, heute zu einem inhaltlosen Schlagwort herabgewürdigten «Begriff gegeben, mit dein er sich auch in Zukunft klar wird auseinandersetzen können.; . Gordon, Hamburg-Harburg.: :