Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 9 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nummer 9 J ü d i sehe S c h ti 1 z e i t u n g Seite. 3 Z u n z : - Schafen gleich wandern sie in die Gruft, Der Tod weidet sie, Und auf sie treten Gerechte; Ein Morgen, — und ihre Gestalt verwest, Da die Gruft ihre Wohnung geworden. B,uber.: Wie Schafe traben sie ins Gruftreich. " Der Tod ist's, der sie weidet, während morgendlich mit dem Ihren schalten die Geraden. Ihre Gestalt soll im Gruftreich zermorschen, Sie braucht keinen Söllerbau mehr. Torcziner : Den Schafen gleich so gehn sie zur Scheol, Der Tod, er weidet sie, Es schalten ihrer die Geraden. Am Morgen, wo ihr Wesen wird vernichtet, Da ihm Scheol zur Wohnung wird. Da ich Psalm 16 u. 73 in meinem Buche eingehend betrachtet habe, darf ich mich hier auf einige knappe, sachliche Hinweise beschränken. P s a 1 m 7 3. Dieses Lehrgedicht stellt eine neugewonnene Einsicht der .früheren naiven Betrachtungsweise gegenüber. Da quälte ihn die Erfahrung: Das Glück der R'schaim, der Prahler, der reichen Genießer, die sich von allem Göttlichen abwenden, in ihrem Hochmut nichts als sich selbst gelten lassen und Gewalt und Frevel" üben. „Siehe, diese Frevler und ewig Ungestörten häufen Vermögen". (Z.) —-Aber das war doch nur ein Scheinglück. Sobald sie dahinschwinden, ist alles vergangen. „Wie sind sie zur Oede geworden im Augenblick, geschwunden, sind dahin, ein Schattenbild". (Z.) Was erhebt ihn nun selbst über diese Niedrigkeit und Vergänglichkeit? Nur das' lebendige Gefühl der Gottesgemeinschaft. Die einzigartige Höhe dieses Unsterblichkeitsglaubens, der alle egoistischen Wünsche, auch den nach Erhaltung des individuellen Wesens aufgibt in der Hingab^ zu Gott, offenbaren V. 25, 26: „Wen habe ich im Himmel! aber bei dir habe ich nicht Lust nach der Erde. Schwindet mein Fleisch und mein Herz, der Fels meines Herzens, mein Teil, bleibt Gott in die Zeit". (B.) Dieser Dichter braucht den Ausdruck kirwat elohim (Gottesnähe), wie er auch all die andern als Gottferne bezeichnet. Wann ist ihm die neue Erkenntnis geworden? „Bis ich kam in die Heiligtümer Gottes, auf ihr Ende achtete". (Z.) „Bis ich auf Gottes Heiligkeit gekommen und ich ihr End' erkannte". (T.) Der Ausdruck mikd'sche el ist freilich schwierig, ich bin geneigt, ihn als göttliche. Heiligungslehren zu deuten. Die Männer, die sie verbreiten, nennt Ps: 16 k'doschim. Das Wort des Entrücktwerdens lakach wendet der Psalmist in V. 24 :an: ,',Mit deinem Rat leitest du mich, und künftig n i mm st dumich a u f in die Ehre". (B.) T. übersetzt „und bringst mich auf der Ehre Spur". Ein Auferstehungsgedänke wird hier nicht geäußert. Das Wort Scheol wird in diesem Psalm nicht genannt, von einer Seligkeit im Jenseits ist n i c h t die Rede und selbstverständlich nicht von irgend einem Ausgleich. Psalm 16. Das Glück des Geborgenseins bei Gott, dem sich dieser . Fromme stets gegenüber fühlt, läßt ihn jene Abtrünnigen und Widersacher Gottes, die fremden Kulten frönen, umso tiefer verachten. „Nie gieße ich mit ihre Opfergüsse — von Blut! — nie trage ich ihre Namenrufe auf meinen Lippen". (B.) Ihm ist*Gott das Höchste: „Die Heiligen, die auf Erden sind (die im L an die sind — B. u. T.), und die. Edlen — lall mein Wohlgefallen haben sie". (Z.) Ist hier nicht von einem Kreise von Gläubigen die Rede, die seine Anschauungen teilen? Alle Zeit fühlt er sich im beglückenden Schutze Gottes. Der. Psalm schließt mit den Worten: ' ,Darum freut sich mein Herz, jauchzt meine Ehre, . ja, mein Fleisch wird sicher wohnen. Denn Du überlässest nicht meine Seele dem Gruftreich, du gibst nicht zu, . daß der dir Holde die Grube sehe, du lehrst mich kennen den Pfad des Lebens, Sättigung mit Freuden ist bei deinem Antlitz, Mildheit in deiner Rechten immerdar". (B.) Das Leben mit Gott endigt nicht auf Erden, es währt ewig und spendet der Freuden Fülle, und jenes „af b'ssari jischkon lawetach" scheint doch auch einen zuversichtlichen Glauben für den Körper anzudeuten. Der gedankliche Zusammenhang und die Beschwingtheit des Ausdrucks lassen mich die Meinung neuerer Erklärer zurückweisen, als ob hier nur die glückliche Stimmung eines Rekonvaleszenten sich äußerte. Was ergibt sich aus der Betrachtungder drei Psalmen? Vorstellungen über ein Fortleben nach dem Tode waren im Kreise der Frommen in der nachexilischen Gemeinde, vielleicht des 4. und 3. vorchristlichen Jahrhunderts, durchaus lebendig, abier zu einer Formung und Festlegung dogmatischen Charakters war es noc,h nicht gekommen. Es ist ein im wesentlichen aus innigstem Vertrauen erwachsender rein gefühlsmäßiger Glaube an ein fortdauerndes Leben mit Gott. Spinoza (Ein methodischer Versuch) Vorbemerkung: Spinoza und seine Zeit, den Bruch mit der gebundenen Weltanschauung des Mittelalters, den Anbruch einer neuen Zeit des Denkens und Forschens dem reiferen Schüler näher zu bringen, ist eine reizvolle Aufgabe nicht nur der Schule, sondern auch der Fortbildungskurse. Im Mittelpunkt jener Zeitenwende steht die viel umkämpfte Persönlichkeit Baruch d'Espinözas, und damit ist Gelegenheit gegeben, jüdische Weltanschauung, die hier umstritten wird, in den Mittelpunkt des Blickfeldes zu rücken. Heute, wo die jüdische Jugend in Deutschland in der Vorbereitung zur Auswanderung steht, alle Schul- und Erziehungsmaßnahmen praktisch auf dieses Ziel hinstreben, ist es notwendig, der Jugend nicht nur materiell eine neue Existenzgrundlage zu geben, sondern auch durch geistige Schulung die jüdische Substanz zu sichern. Das Zeitalter Spinozas und sein Lebenslauf, im Mittelpunkt des Kampfes um die jüdische Substanz stehend, vermag diesen Begriff zu klären. Als ein Versuch sollen die folgenden skizzenhaften Aufzeichnungen gewertet werden. Wir gehen von einem Besuch des Gottesdienstes in der portugiesischen Synagoge zu Amsterdam aus, und suchen das eigenartige Erlebnis eindringlich darzustellen. Ein Freitag-Nachmittag in der Joodebreitstraat in Amsterdam; Geschäftigkeit, letzte Einkäufe, dann werden die Läden geschlossen. (Nach holländischem Gesetz darf derjenige, der am Sonnabend sein Geschäft geschlossen hält, dasselbe am Sonntag öffnen). Das Haus, in dem Rembrandt wohnte, liegt mitten im Jüdenviertel (Hendrik van Loon, „Der Ueberwirkliche"), von dort strömten ihm, dem zeitlosen Maler der Seelen die Gestalten des jüdischen Leids zu, die er in seinen Werken festgehalten hat (möglichst Abbildungen zeigen). Wir überschreiten den großen Platz und stehen vor einem fast festungsartigen Bau, dem eine Zahl kleiner Häuschen vorgelagert ist: die alte portugiesische Synagoge.