Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 7 (1.7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Schulze i t u n g Nummer "7 dies nicht in dem Bewußtsein, jüdisches Schicksal zu tragen, sondern mit dem Wunsch, dem jüdischen Schicksal zu entgehen", und wenn er einige Zeilen später sagt, es bleibe uns vor allem die Hoffnung, daß die jüdische Jugend sich „mit Eifer und Geschicklichkeit" den neuen Verhältnissen anpasse, so erweisen diese mit dem besten Willen nicht miteinander in Einklang zu bringenden Behauptungen die Unzulänglichkeit der ganzen Schrift, die nirgends Versuche zu einer Lösung der angeschnittenen Probleme macht und sich mit ihren Schlußttemerkungen selbst aufhebt. Dr. Kurt Herz, Düsseldorf. L'dowid boruch (Bemerkungen zum 144. Psalm.) von Dr. Meier Spanier Seine Popularität verdankt der 144..Psalm — wenigstens in seinen Anfangsworten — dem Umstände, daß er mit sehr einprägsamer Melodie den Gottesdienst am Sabbathausgang eröffnet. Wenn nun die Woche mit: ihrem neuen, oft so schweren Kampf ums Brot beginnt, so hört man gern den Dank für den, der die Hände zu kämpfen lehrt und den Krieg zu führen. Im weiteren wird Gott gepriesen, der in Kriegsnot Hilfe verleiht. Eine Bitte um Rettung aus gegenwärtiger Gefahr schließt sich an; von einem anstürmenden mächtigen Fremdvolke ist die Rede, das lügnerisch und wortbrüchig ist, — manche Erklärer denken an die Assyrer unter Sancherib. Ein neues Lied wird als Rettungsdank angekündigt. Es sind recht verschiedene Töne, die in dieser Komposition zusammenklingen. Dieser Hauptteil des Psalms ist ein Produkt späterer Zeit, da man aus bekannten und vielgesungenen Psalmen Verse verwendete, zumeist mit etwas Aenderung der Form und des ursprünglichen Sinnes. Diese Anlehnungen, zum Teil Entlehnungen betreffen hier Psalm 8, 5; 39, 6f; 62, 10 und ganz besonders 18, 10, 15, 17; 104, 32. Es ist ein recht bunt gestickter Teppich. Ganz anders und einheitlich im Ton ist das Schlußstück (V. 12—15). Es ist ein wirklich neues Lied, wenn auch nicht in jenem Sinne, wie es V. 9 mit einer sehr gebräuchlichen Hymnenformel ankündigt. Es rühmt die Segnungen des Friedens in der Gegenwart oder einer ersehnten nahen Zukunft ganz vom Standpunkt der israelitischen Bauern. Es folge hier in der Uebersetzung Bubers: „Daß unsre Söhne wie Pflänzlinge sind, großgewachsen in ihrer Jugend, unsre Töchter wie Eckpfeiler, geschnitzt am Bau einer Halle, unsre Scheuern gefüllt, Gattung um Gattung bescherend, unsre Schafe tausendfältig, myriadenfach auf unseren Fluren, unsre Rinder trächtig, kein Bruch, kein Fehlwurf, — und kein Gekreisch auf unseren Märkten. Selig das Volk, dems also ergeht! selig das Volk, dessen Gott ER ist!" In dieser seiner besondern Eigenart hat das Stück nicht seinesgleichen in der Bibel. Man kann noch deutlich die Naht erkennen, durch die es mit dem 144. Psalm verbunden ist: durch das Wort ascher, das zumeist relativen Charakter hat und an unserer Stelle im Sinne von „auf daß" gedeutetwird. Es ist recht bezeichnend, daß die griechische Uebersetzung dieses Wort ebenso relativisch auffaßt, wie das in der Zeile vorher stehende ascher (das vielleicht irrtümlich von hier aus auch an den Anfang geraten ist), so daß nun statt unsere Söhne. und Töchter ihre (nämlich der vorher genannten verhaßten Feinde) genannt werden, sicherlich falsch. Einige Erklärer helfen sich damit, statt ascher aschrenu (Graetz) oder aschre (Hans Schmidt) anzunehmen. Am empfehlenswertesten scheint es, dieses ascher ganz zu ignorieren. Das tut z. B. Michael Sachs (1835) und wohl auch Torcziner: „Sieh, unsere Söhne usw." Der Stolz auf den- Nachwuchs; der sich in der Friedenszeit ungehemmt entwickeln kann, äußert sich in eigentümlichen Vergleichen. Die Söhne sind wie Pflänzlinge,- die schon jung hochgewachsen sind, die Töchter erinnern in ihrer Haltung und Schönheit an jene holzgeschnitzten : und farbigen Frauengestalten, die in den Palästen Ecken und Nischen zieren. Daß diese Bilder aus verschiedenen Gebieten stammen, ist hier durchaus nicht auffallend und sollte nicht gewaltsame Änderungen veranlassen, wie sie Ehrlich und nach ihm Herkenne vorschlagen, um Uniformität herzustellen. Der 13. Vers gibt nach der Auffassung der alten Uebersetzer der Freude Ausdruck über die nach reichlichen Ernten alle Arten von Nahrung spendenden gefüllten Speicher; am unmißverständlichsten erscheint die Aeußerung, daß das Kleinvieh auf den Weideplätzen sich zu Tausenden und Abertausenden mehrt. Aber der nun folgende Vers wird in seiner ersten Hälfte sehr verschiedenartig gedeutet. Das. mag die. Zusammenstellung einiger Uebersetzungen erweisen. Philippsohn: „Unsere Zugochsen belastet, kein Schaden, kein Verlust." Er erklärt: aluf ist das Zahmvieh, der Zugochse, der schwer belastet ist, ein Zeichen reichen Ertrages. S.-R. Hirsch: „Unsere Führer meist belastet, keine Ausgelassenheit, keine Ausgeartete." Herkenne, Ehrlich folgend: „Unsere Mannschaften arbeiten, kein Heerbann ist. Die Deutung, daß die waffenfähige Mannschaft sich friedlicher Beschäftigung hingibt, ist phantasievoll, aber ihre Berechtigung wird durch den Hinweis auf Ämos 5, 3 keineswegs begründet. Wenn nun m'subalim (zudem hier mit Masculin-Endung) wie Philippsohn mit Recht sagt, sonst nur schwer belastet bedeutet, so hat doch die Auffassung' der ältesten Uebersetzer, die das Wort als trächtig erklären, viel für sich. Denn daß hier von Rindern die Rede ist (Zon und Alafim stehen naturgemäß oft zusammen, z. B. Ps. 8, 9) scheint ziemlich sicher; so werden denn auch die folgenden Worte en perez,w'en jozeth (vielleicht eine sprichwörtliche Wendung, deren damals gebräuchlicher Sinn nicht mehr genau festzustellen ist) sich auf die ungefährdete Vermehrung beziehen (ohne Riß — ruptura perinei — und Fehlgeburt, so auch die Auffassung unserer alten Erklärer, ähnlich einer Stelle in dem assyrischen Gedicht, das ich zitieren werde. Torcziner übersetzt: die Rinder trächtig uns. keins ausgebrochen, keins entlaufen. Wutz, der die Neigung hat, aus verwandten Sprachen hebräische Worte zu erschließ ßen, geht noch einen Schritt weiter und will auch die folgenden Worte auf die Viehzucht beziehen. Er übersetzt: „und keine Stößigkeit in unsern Ställen" („die in den Ställen gefürchtete Stößigkeit der Rinder"). Ja, wenn die beiden Worte, auf die es ankommt, die entsprechende Form und Bedeutung haben könnten (z'nachah oder zanchah statt z'wachah, b'cherothenu statt birchowothenu), was man ohne einen starken Willen zum Glauben nicht annehmen kann. Religiös geweiht wird dieses Stück in seiner ausgesprochenen Weltlichkeit (vergl. das Gegenstück Habakuk 3, 17—19) durch die angefügten Glücklichpreisungen: Glücklich das Volk, dem sein Gott Ihwh solche Güter schenkt. Schon Ewald hatte in seinem kritischen Feingefühl die Vermutung ausgesprochen, daß das Schlußstück des Psalms wohl auf einen älteren Dichter zurückgehe. Nun, über das Alter läßt sich Genaueres kaum sagen; aber daß es hier nur äußerlich angeleimt erscheint, muß man zugeben. Woher mag es stammen? Ich vermute aus einer Dichtung, die zum Preise eines neuen Herrschers die Segnungen seiner Regierung schildern sollte. Wir kennen solche Dichtungen höfischen Stils aus den großen Reichen Aegypten und Assyrien. Ein angesehener Forscher hat sogar die messianischen Friedensverkündigungen des Jesaja 11, 1 ff, 2. 2—4, Micha 4, 1—3 mindestens in ihrer Ausdrucksweise von solchen ägyptischen Gedichten beeinflußt angesehen. Jedenfalls wurde damals wie später von den kleinen Reichen nachgeahmt, was in den großen üblich war. Wir besitzen ja in Psalm 72 einen von jüdischem Geiste erfüllten Lobspruch auf einen jungen König, und ein schönes Beispiel für jüdischen Hofstil gibt der 45. Psalm. Ein assyrisches Begrüßungsgedicht für den König Assurbanipal (668—626) ist uns erhalten. Einige Stellen daraus .seien hier angeführt: „Tage des Rechtes und der Gerechtigkeit,