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Jüdische Schulzeitung · 1938-06-01 · 6 (1.6.1938) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
14 (1938)
Issue
6 (1.6.1938)
Date
1938-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite^--?- - ' — - Schaft'gleichen Schritt zu halten. Die Volksschule war seit je; bestrebt solche Schüler im Interesse des Ganzen, mehr noch' im Interesse des unglücklichen Kindes einer- Gemeinschaft zuzuführeh/ in der auf seine Eigenart die größte Rücksicht genomnien werden -kann, in der der Lehrer zwar auch ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, das Tempo aber ganz und gar dem schwächsten' seiner Schüler — einer geringen Schar - — anpassen' kann. Der immerhin nicht ganz kleine Prozentsatz jüdischer'Hilfsschulkihder besuchte bis zum Jahre 1936 iii einzelnen Orten ist es laiuch heute noch der Fäll -sdie öffentlichen Hilfsschulen, es sei denn, daß Eltern in. der Lage waren, ihrem Kinde mit Genehmigung einen privaten Unterricht er-, teilen zu lassen. Vor zwei Jahren wurden die Hilfsschulkinder, in den meisten größeren Plätzen, in den Orten, in denen es eine öffentliche oder private jüdische Volksschule gibt, diesen zuöder rücküberwieseh. Es entstand ein Problem, das von verschiedenen Standpunkten aus die Schreiberin an ihr bekannt gewordenen Fällen beleuchten möchte. Die Tragweite des Problems kann vielleicht nur der ermessen, dessen ca. 60 Schülerinnen starke Klasse um drei Kinder vermehrt wurde, die aus verschiedenen Klassen der. Hilfsschule stammten; Die Klasse wies schon vorher genügend Gegensätze auf: Aus höheren Schulen zurückgekommene, vom Land zugezogene Kinder,. Lehrplanverschiedenheit überall, gar keine oder 'geringe Vorbildung im Hebräischen, hie und da überhaupt"kein Religionsunterricht — dies alles in einer Klasse Elfjähriger, deren Kern natürlich die normale Vorbildung einer öffentlichen jüdischen Volksschule hat. Mian richtet Parallelkurse ein, man erreicht schließlich bis zu einem gewissen Grad einheitliche Arbeit, da kommt das neue störende Element: drei Hilfsschülkinder, gänzlich verschieden in Vorkenntnissen und Leistung, ihres Alters wegen alle in diese Klasse'versetzt. Die Hilfsschule hat Ausgezeichnetes geleistet: alle können schreiben und lesen und haben einige Fertigkeit im elementarsten Rechnen. Die beste von ihnen ist sich ihrer schwachen Auffassung bewußt, leidet sehr darunter, ist ehrgeizig, sehr guten Willens und hat ein recht gutes .Gedächtnis. Sie konzentriert sich — immer durch Lob angespornt — wie kaum eines der normal begabten . Kinder, — und erreicht nach V/2 Jahren — bei der Schulentlassung aus dem 6. Schuljahr — eine genügende Note in allen Fächern. Ein Einzelfall! Da sitzen die beiden andern Hilfsschülerinnen, die eine stumpf, gleichgültig gegen Lob und Tadel, sie erfaßt bei Lektüre und Realien nichts, liest fast verständnislos und gibt bestenfalls bei leichten Rechnungen und in bezug auf Rechtschreiben Antworten; die andere ist ein völlig hemmungsloses Kind, schreit und wirft sich oft ohne sieht-, baren Anlaß auf die Erde, hat besondere Fähigkeit, Gedichte — ohne den Inhalt zu begreifen — auswendigzulernen, und kann im übrigen der Klasse nicht folgen. — Ein anderes Klassenbild: In einer Aufnahmeklasse sitzen unter denen, die die Klasse wiederholen, drei, bei denen es zum dritten Male geschieht. Alle drei Kinder sind Hilfsschultypen stärkster Prägung, das eine wäre — private Versuche durch Psychiater und Hilfsschullehrerinnen erweisen es — nicht einmal hilfsschulreif. Zwei erstmalig nicht versetzte scheinen gleichfalls fast aussichtslose Fälle zu sein, unter den neuaufgenommenen finden sich zwei völlig degenerierte Kinder — das eine ist im vorigen Jahr zurückgestellt worden, die Sprache ist vollkommen unausgebildet, es stört im Gegensatz zu dem nicht hilfsschulreifen erheblich den Unterricht. Alle sieben Kinder sind in hohem Maße unselbständig, fügen sich nicht in die Gemein- isehaft, stören mit einer Ausnahme durch ihre Hemmüngslosig-.; keit,: ein dreimaliger Förderuriterricht in der Woche bringt wenig Nutzen — größeren Gewinn hat dabei nur das Gros der Klasse, das in diesen drei Stunden einen völlig ruhigen konzentrierten Unterricht genießen kann. Ein trübes Bild! Es mußte, gegeben werden, wenn das Problem auch dort Verständnis, finden soll, wo es gar nicht oder in geringem Maße •vorhanden ist. Auf dem Lande, im Kleinstadtbtetrieb hat der Lehrer vielleicht mehr Möglichkeiten, diesen armen Kindern zu helfen, nahe. Schulwege, ein im ganzen leichter überschau^ bares Leben; V der Großstadfcschulbetrieb, weite ,Fahrt-. ,;J^unirner^ strecken, große - Schülerzahl lasseh. \diese; MögUchkeitehv :" schwinden; — Wenn man auf diese Bilder zürückbHckt,-^ soy schält sich; das Problem heraus ■ '■ J* — ' •'; i a) .vom Standpunkt des Hilfsschulkindes selbst, : b) vom allgemeinen sozialen Standpunkt aus,;" -\ . c) vom Standpunkt der. Normalklasse, aus. : Das Hilfsschülkind fühlt sich in vieietiFällen nicht, sehr; glücklich in der Sehiüle. Nicht^die. verschiedenen, Typen des Hiifsschulkindes sollten hier geschildert werden wie1auch nichtdas Hilfsschulwesen ah sich, darum kann man a'üch nicht im einzelnen belegen, wie das,Kind in der ihm nicht gemäßen . Umgebung reagiert, nur soviel: es ist oft viel älter als seine "Mitschüler, es sieht, daß sie das Geforderte mehr oder minder gut leisten, es kann in-der Pause nicht einmal ihre Spiele mitmachen, ihr. Mitleid stört sie oft wie die Geringschätzigkeit einiger. In der Hilfsschule ist es unter ähnlich Gearteten, man läßt ihm Zeit, man führt es einem ihm erreichbaren Ziel entgegen, man hat Anschauungs- und Lehrmittel, die das normale Kind, dessen Denkprozeß eine Abstraktion viel eher ermöglicht, nicht braucht, man sucht, d i e Fähigkeit, die unter, seinen geringen Fähigkeiten am stärksten ausgeprägt ist, heranzubilden, das Kind schließlich und endlich doch zu einem nützlichen' Mitglied der Gesellschaft zu machen. — Zum sozialen Gedanken: Nicht nur das Kind leidet, die Eltern und" begabten Geschwister leiden — ich könnte das durch manches Beispiel belegen —, es wurde schon oben erwähnt, daß das Kind bei manchen Mitschülern sehr bald Mitleid erregt. — Ein schlechter Gemeinplatz sagt zwar, Kinder seien grausam. Sie sind es nur in seltenen Fällen. Die Mitleidigen wollen dem armen Kinde helfen. Dias gefällt ihm nicht immer, es erhöht sein Minderwertigkeitsgefühl. Spott läßt sich in der eigenen Klasse, -in: der kleinen Landschule gewiß vermeiden, im großen Schulsystem, unter 7—800 Kindern fällt das Hilfsschulkind oft im Pausengetriebe auf, die nachträgliche Bestrafung des Spötters oder Quälers bringt dem armen Kinde wenig Trost. Die Hilfsschule mit der kleinen Klasse erhöht das Selbstgefühl des Zöglings, es fühlt sich zu Hause, „es kommt mit". — Das Klassenganze: Ein gewissenhafter Lehrer bringt es nicht über das' Herz, ein Kind beschäftigungs- und teilnahmslos an seinem Platze sitzen zu lassen. Er hat längst eingesehen,- daß alle Versuche fruchtlos sind oder zu so geringem Ergebnis führen, daß es alsbald verloren geht; trotzdem wird, er immer und. immer wieder neue Wege suchen, das Kind zu bilden. Er vergeudet Kraft und mehr als das:. Zeit. Er nimmt sie der Klasse, die man in den unteren Jahrgängen nicht so lange selbständig beschäftigen kann, um Zeit für den öder die Außenseiter zu erübrigen. Man schädigt die Gemeinschaft. Was kann geschehen, einem Zustande, der trotz ständig, sich mindernder Schulfrequenz noch lange störend wirken wird, abzuhelfen? Die Abhilfe kann nur von außerstaatlicher Seite kommen —• in Frankfurt und in Hamburg hat man Hilfsschulklassen eingerichtet — die, öffentliche Schule,' deren Lehrer vollbeschäftigt sind, hat kein •Hilfsmittel.., Die private Volksschule könnte in der Lage sein, eine geeignete Persönlichkeit für den Unterricht einer einklassigen Hilfsschule (Förderklasse) zu gewinnen. Damit ist nicht allen geholfen. Wirkliche Lösung wäre das Internat, etwa; verbünden mit'größeren, bestehenden, Heimen — im Osten,, im Westen, in der Mitte;,des" Landes — das die in Frage kommehden^Landunif Kleina, gemeindekinder wie die ortsansässigen •— diese Jmch-extern. — sammelt und durch vorgebildete. Erzieher ühÜ 'Hilfsschule, lehrer unterweisen läßt. In vielen Fällen -würde es'nicht einmal nötig sein, die Kinder im häuslichen Lebenvbnr den- .übrigen Zöglingen des Heims abzusondern. Lediglich im SchijV Unterricht trennen sich die Wege.*Die Ausbildung der Lehrer — nur besonders befähigte Pädagogen dürften gewählt wer-' den — könnte in mehrmonatigen Kursen, Heilpädag^gik Hilfsschulmethodik umfassend, geschehen.. Eiti, Wort noch der Erfassung der Kinder:. Es genügen^ nicht bloße" Umfragen neben das Urteil des Lehrers gehört die Untersuchung und spätere ständige Betreuung duföh den Psychia^ J ü d i sehe S c h ui z eLt tt n g:''

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