Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 5 (1.5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 5 izu: bewerkstelligen sei. Ganz von selbst ergab sich die Forderung nach einer Ausdehnung der Schulzeit v in dem Augenblick, als unsere führenden Sozialinstitutionen sich entschlossen, Lehrlinge erst mit Vollendung des 15. Lebensjahres in ihre Obhut zu nehmen. Es hätte ein unliebsames Vakuum entstehen müssen, wären die aus der Schulpflicht entlassenen Kinder ein Jahr lang sich selber überlassen geblieben. Ihre geistige Entwicklung wäre gerade in den Lebensjahren gestört worden, in denen sich die Schwingen des Verstandes besonders stark zu regen beginnen. Es wäre aber auch wertvolle Zeit zur Fähigmachung der jungen Menschen für einen Beruf verloren gegangen. So entstanden in vielen Gemeinden die Einrichtungen des neunten und zehnten Schuljahres, der Berufsvorlehre u. a. m. Hier werden die Knaben und Mädchen unterwiesen in allerlei Handfertigkeiten und in hauswirtschaftlichen Dingen; hier wird aber auch ihre Bildung auf jüdischem und1 allgemeinem Gebiet vertieft und erweitert, und so erfüllen diese Institutionen eine lebenswichtige Aufgabe gegenüber den jungen Menschen, die einmal einen harten Lebenskampf zu bestehen haben werden. Die Juden in Deutschland haben in den letzten Wochen, bedeutsame organisatorische Umänderungen erlebt. Durch die Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland hat sich die infolge der starken Auswanderung kleiner gewordene Anzahl der Juden wieder vergrößert. Damit hat auch das jüdische Schulwesen einen Zuwachs erfahren, desgleichen die Lehrerschaft. — Die jüdischen Gemeinden haben auf Grund eines Reichsgesetzes aufgehört, Körperschaften des öffentlichen Rechtes zu sein; sie sind hinfort nur noch Vereine des bürgerlichen Rech-, tes. Den Begriff „Beamter" gibt es so nicht mehr im Bereiche der jüdischen Kultusvereinigungen; es gibt hier nur noch Angestellte. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat sich mit einer Kundigebung an die Juden gewandt, die die Leser dieses Blattes an anderer Stelle finden. Wir zweifeln nicht an dem Erfolg des Aufrufes. Unsere Brüder und Schwestern werden opferbereit und pflichtbewußt bleiben, auf daß die altehrwürdigen Einrichtungen unserer Gemeinschaft neben den aus dieser Zeit herausgeborenen werden bestehen können, auf daß auch weiterhin Kraft und Segen von ihnen aus in die Reihen der schwer um ihre Zukunft ringenden jüdischen Menschen strahle. So dürfen wir hoffen, daß auch das blühende jüdische Schulwerk zukünftig auf der Höhe der Leistungsfähigkeit gehalten wird, durch einen Lehrerstand, dessen Krafteinsatz ohne Minderung durch die Sorge ums tägliche Brot und um den kommenden Tag erfolgen kann, bis zu dem Zeitpunkt, da es seine Aufgabe erfüllt und seine Geschichte ihren Abschluß erlangt haben wird. Ueber Fragen der Auswanderer-, Umschichtungs- und Minderheits - Pädagogik Von Prof. Dr. Ernst Kantorowlcz Die Juden in Deutschland sind Gegenstand eines sozialen Ausgliederungsprozesses; die heranwachsende jüdische Jugend geht dem Schicksal der Auswanderung entgegen; vor die Berufswahl gestellt, wählt sie den Weg der Berufsumschichtung. In dieser Lage werden einige Sonderfragen der Bildung und Erziehung brennend: Fragen der Auswanderungspädagogik, der Umschicbtiungspädagogik und der Minderheitspädagogik. - I. . In einer Schulklasse sind 30 Schüler. Es ist damit zu rechnen, daß die Mehrzahl von ihnen, vielleicht sogar alle früher oder später einmal auswandern müssen. Aber jetzt, da sie in der Schulklasse sitzen,; ist es ungewiß, wen dieses Schicksal ergreifen wirdi wann es eintreten und in welches Land es den einzelnen führen wird. Ungewiß ist auch, ob die künftige Auswanderung sich im Rahmen der häuslichen Familiengemeinschaft oder im Rahmen kameradschaftlicher Gruppengemeinschaft1 oder obsie sich als Einzelwanderung vollziehenwird. Hat es einen Sinn, diese Kinder noch gemeinsam» nach deutschen Lehrplänen zu unterrichten, ihnen Deutschunterrichf und Heimatkunde zu geben? Gewiß mag es am besten sein, Kinder, deren künftige Auswanderung feststeht, so früh wie möglich in das in Aussicht genommene Einwanderungsland -zu bringen. Aber wenn dies aus familiären oder aus wirtschaftlichen Gründen' ^zunächst nicht möglich ist, oder wenn das künftige Einwanderungsland vorläufig noch gar nicht bestimmt werden kann? Wie wir wünschen, diaß der Mensch sein Dasein nicht wurzellos als Luftmensch verbringt, sondern daß er in der Landschaft und in dem sachlichen und menschlichen Kul türkreis, modern er sein Leben aufbaut und entfaltet, wurzelhaft lebt, so müssen wir wünschen, daß auch der Jude, der aus Deutschland auswandert, im Einwanderungsknd Wurzel schlägt. Wieweit dem Hindernisse entgegenstehen, die aus dem tatsächlichen oder dem geglaubten oder dem gewünschten allgemeinen Verhältnis zwischen Juden und nichtjüdis'cher Umwelt herrühren, kann hier unerörtert bleiben. Unsere Ueberlegungen sollen Gültigkeit nicht zuletzt auch für die Erziehung derjenigen haben, für die Palästina das künftige Einwanderungsland ist, und die einer Eingliederung in die jü^ dische Welt Palästinas entgegengehen. Es muß . also ein Ziel der hiesigen Erziehungs- und Bildungsarbeit sein, die jungen Menschen fähig zu machen, sich drüben zu verwurzeln.- Die Bildung einer solchen Verwurzelungsfähigkeit kann nicht erfolgreich im Wege einer künstlichen Vorwegnähme einer künftigen Situation geschehen. Die mündlich und schriftlich übermittelte Kunde vom Leben, der Landschaft, dem Tier¬ und Pflanzenreich eines fernen Landes — und mag sie durch noch so lebensvolle Bilder unterstützt werden — mag wohl Neugierde, Lust, Sehnsuicht und sehnsuchtsvolle Liebe zu dem noch nicht erlebten Lande erwecken und ein theoretisches Wissen von noch nicht geschauten Dingen und Verhältnissen bewirken können. Aber es'muß füglich bezweifelt werden, daß daimit allein die Fähigkeit zur künftigen Einwurzelung ausgebildet werden kann. Die Ausbildung dieser Fähigkeit erfordert vielmehr eine Uebung im Verwurzeln überhaupt, die nur im Ernstnehmen der jeweiligen und also der hier und gegenwärtig für das Kind vorhandenen und erlebbaren Welt geschehen kann. Wenn wir wünschen, daß das Kind „drüben" die Bodengestaltung, den Baum, den Himmel, die Linie des Gebirges am Horizont in sich aufnimmt und sich zu eigen macht, dann können wir nicht hoffen, daß es drüben damit beginnen wird, wenn es hier blind und gedankenlos an dieser ganzen Welt vorbeigegangen ist. Die Methode der Verwurzelung drüben ist die , Methode der Heimatkunde hier. Wenn wir das Kind zur künftigen Verwurzelung drüben befähigen wollen, dann können wir nicht darauf verzichten, jetzt und hier mit allem sachlichen Ernst die Methode der Heimatkunde an dem Stoff der gegenwärtigen sinnhaften Erlebniswelt zu üben. Es liegt nahe, daß diese Uebung zunächst zu einer Verwurzelung in der hiesigen Erlebniswelt führt, die dem Kinde die Auswanderung nunmehr als Entwurzelung besonders schmerzlich macht und ihm eine rasche Einwurzelung drüben erschwert. Aber wenn die Trennung auch schmerzhaft ist und die neue Einwurzelung sich schwerer und langsamer vollzieht, so besteht doch andererseits die. Chance; daß ■ sich die - neue Einwurzelung mit größerer Sicherheit und Dauerhaftigkeit vollziehen"wird. Verzichtet man jedoch auf Stoff und,Methode der Heimatkunde in der Meinung, dies alles gehe das Kind, das später ja doch auswandern werde, nichts mehr an, und in dem Vertrauen., darauf, das Kind werde im neuen Lande schon seine Heimat zu finden wissen, dann besteht die große Gefahr, daß es wurzellos bleibt, weil es nicht von vornherein gelernt hat die Welt in sich aufzunehmen, sich in ihr heimisch zu fühlen und auf solche Weise wurzelhaft zu leben..; AehnJich ist es mit der Bedeutung des Deutschunterrichts. Man mag geneigt sein, ihn mit der Begründung zu vernach-- lässigen, daß die deutsche Sprache das Kind, das früher oder