Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 4 (1.4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Jüdische Schulzeitung Seite 1 Aus dem Lehrerverband Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands Der Vorsitz des Vereins ist auf Direktor Alfred Schäler, Dresden, Zeughausstraße 1, übergegangen; Kassenwart ist Lehrer Jakob Blum, Dresden, Kurfürstenstraße 6, Konto-Nr. 41990 beim Postscheckamt Dresden. Die Fibiel „So gehfs schnell!" von Cilli Marx im Auftrage des Jüdischen Lehrerverbandes in Deutschland bearbeitet und im Verlag Rudolf Schick & Co., Leipzig erschienen, wird demnächst in einer zweiten Auflage herauskommen. Wie die Bearbeiterin mitteilt, werden Wünsche bezüglich sachlicher und methodischer Aenderungen nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Literarisches Bruno Kisch, Gottesglaube und Naturerkenntnis. — 175 Seiten. G. Neumann, Frankfurt a. M. 1936. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. schien der Gottesglaube ernstlich in Frage gestellt. 'Berauscht von seinen Triumphen in Naturwissenschaft und Technik, machte sich der Menschengeist anheischig, alle Welträtsel lösen zu können. Aber wo man Leben und Geist aus Kraft und Stoff ableitet und mittels des Entwicklungsgedankens und mechanischer Gesetzmäßigkeit alle Vorgänge in Natur und Leben zu erklären sucht, da ist für Gott und für die Rätsel und Geheimnisse unsers Daseins kein Raum mehr.; Während der unumschränkten Herrschaft des^ Materialismus und Intellektualismus konnte es' geschehen, daß'ein jüdischer junger Mensch — der spätej nach überstandenen inneren Kämpfen;- Rabbiner einer Großgemeinde wurde — mit der einen Hand die Bibel, mit der anderen Hand Häckels „Welträtsel" unter Verwünschungen zu Boden schleuderte. — Um die Jahrhundertwende begann dann die Abkehr von einer entseelten Kultur, die den unabdingbaren Forderungen des menschlichen Gemütes die Erfüllung versagte. „Die Wege zum Gottesglauben", sagt Bruno Kisch.in seinem 1935 veröffentlichten Vortrag, „sind heute frei von den Barrikaden naturwissenschaftlicher Scheinbeweise, die sie vor wenigen Jahrzehnten für ewig zu sperren schienen. Keine Geistesr oder Naturwissenschaft hat uns Tatsachen kennen gelehrt, die mit dem positiven Gottesglauben unvereinbar wären." Geleitet von der Einsicht, daß der wieder an den Väterglauben Anschluß suchende Jude vielfach noch durch naturwissenschaftliche Vorurteile gehemmt wird, sucht derselbe Autor in seinem später erschienenen obengenannten Buche durch eine Generalabrechnung mit den Vertretern einer antitheistischen Weltanschauung zu zeigen, daß neuzeitliche Naturerkenntnis unmöglich das Judentum angreifen oder besiegen, sondern uns höchstens zu einem vertieften Verständnis der Thora verhelfen kann (S. 55). Begreiflicherweise beginnt der Verfasser mit einer Erklärung der Begriffe Glaube und Wissen. Hier, wo es sich nicht um Gotteserkenntnis kraft inneren Erlebens handelt (S. 139), bezeichnen Glaube und Wissen nicht qualitativ (wesensaftig), sondern quantitativ unterschiedene seelische Tatbestände. Wir haben es hier also mit dem intellektuellen Glauben zu tun(, der eine niedere Stufe des Wissens, ein weniger stark, begründetes Fürwahrhalten bedeutet. Aber , der Verfasser irrt, wenn er die metaphysische Frage: ob ein Gott sei? als „das große Hiobsproblem" bezeichnet (S. 7). Die Heilige Schrift kennt nur den religiösen Glauben (emuna); für den biblischen Menschen ist das Dasein Gottes eine fraglose Selbstverständlichkeit. Nur „der Narr spricht in seinem Herzen: es ist kein Qott". (Ps. 14,1). Wir führen nachfolgend einige Hauptgedanken des Buches an. — Es ist ein logischer Fehler des Antitheismus, den Glauben an das Dasein Gottes, also Metaphysisches, mit naturwissenschaftlichen Waffen zu bekämpfen und das „allmächtige Wirken der Naturgesetze" an die „leer gewordene Stelle" setzen zu wollen. Schon in der Naturwissenschaft erfordert die Zweckmäßigkeit der Lebewesen, auch wenn wir die Mechanik der zweckmäßigen Vorgänge erforscht haben, eine teleologische Erklärung. Die Naturgesetze belehren auch über die Mechanik der Erscheinungen. Sobald wir jenseits sinnlicher Erfahrung nach dem Urgrund der „Gesetze" oder nach dem Wesen oder den letzten Eigenschaften der Materie fragen, müssen wir auf ein Wissen verzichten und uns mit Glaubenssätzen begnügen. Wie viele dieser Theorien haben sich inzwischen aber als Irrglaube erwiesen! So wenn Helmholtz behauptet: „Darwins Theorie zeigt, wie Zweckmäßigkeit der Bildung in den Organismen auch ohne alle Einmischung von Intelligenz durch das blinde Walten eines Naturgesetzes entsthen kann", ein Urteil, dem sich D. F. Strauß dann in seinem Werke „Der alte und der neue Glaube" bedingungslos und begeistert anschließt. Oder wenn die Hypothese aufgestellt ward, der Mensch und alle höheren Lebewesen hätten sich allmählich aus einfachsten einzelligen Lebewesen durch das zufällige Auftreten kleiner nützlicher und vererbbarer Eigenschaftsveränderungen allein unter zwingender Macht der Naturgesetze von selbst entwickelt. Da die Naturforschung grundsätzlich gar nicht in der Lage ist, etwas über die Existenz Gottes zu entscheiden, so kann der gottgläubige Mensch mit um so größerem Recht die an keinem inneren Widerspruch krankende These aufstellen, daß derartiges Werden nur durch göttliches Wirken verständlich ist. — So wenig aber in der Biologie das Wesentliche am Lebensgeschehen durch naturwissenschaftliche Methoden des Messens und Wägens erfaßt wird, so wenig vermag auch eine materialistische Geschichtswissenschaft der Weltgeschichte, der Geschichte der Judenheit und der Geschichte jedes Einzelnen gerecht zu werden. Der Verfasser ist vollkommen im Rechte, wenn er von jedem Juden ein Bekenntnis zu einer jüdischen Weltanschauung fordert, nach welcher Gottesfurcht der Anfang und Urgrund der Weisheit ist. Aber der Beurteiler kann von seinem freieren religiösen Standpunkt bei aller Bewunderung des großartigen Natur Verständnisses des jüdischen Gesetzgebers und der monumentalen biblischen Schöpfungsgeschichte sich nicht bereit finden, die Thora als „naturwissenschaftliches Lehrbuch" restlos anzuerkennen. (Vgl. S. 30 f.) Mit dem Wissen unserer Zeit ist der Wunderglaube unvereinbar. Ebensowenig können wir die zum Teil geistreichen Interpretationen des Verfassers, die Schöpfungsgeschichte mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis des 20. Jahrhunderts in Einklang zu bringen, durchweg als gelungen betrachten. „Die Größe der Schöpfungsgeschichte beruht auf den neuen und tiefen Gedanken und nicht auf dem theoretischen Detail.". (J. Lewkowitz' Judentum und moderne Weltanschauung. S. 64). Das Problem von Glaube und Wissenschaft oder anders ausgedrückt: Religion und Wissenschaft, findet unseres Erachtens seine beste Lösung, wenn beide, Religion und Wissenschaft, die ihnen durch die Natur der Sache zugewiesenen Grenzen respektieren: wenn die Wissenschaft in der Erforschung, Beschreibung und Erklärung der Erscheinungen ihr Genüge findet, und die Religion in der Sinndeutung der Welt und des Lebens ihre menschheiterlösende und -beglückende Aufgabe erkennt. Man wird das Buch, das von erstaunlicher Beherrschung der naturwissenschaftlichen Probleme und von warmer Begeisterung für die Religion Israels in ihrer orthodoxen Ausprägung zeugt, mit dankbaren Gefühlen für Belehrung und Anregung aus der Hand legen. Den Religionslehrern an höheren Schulen insbesondere wird es gute Handreichungen bieten. Dr. Ado 1 f Löwenberg, Berlin. Zwischen tfefkule und £?evu/ . 158 Cignungspirfi/iiiig Psychotechnisches Laboratorium Kuhn Benin W 50, Ansbacher Straße 1 — Teleton Nr. 4173*