Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 4 (1.4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulz ei tung Nummer .4 Gradnetz ist fortgelassen. Es ist so recht eine Karte, auf der der Blick gerne schweifen mag. Und so. beginnt denn ein munteres Abtasten der gewaltigen Erdmassen, die das Auge sozusagen auf einmal in sich aufnehmen kann. Nach einer Weile gebiete ich Stille und beginne die Lehrarbeit. Na, Jungens, wer will etwas sagen? — Ein wilder Bursche, der tagaus tagein vor den Schaufenstern der Reisebüros steht, fährt mit seiner Rechten vom Kinn abwärts zu den Knien hin. Ich kenne diese Gebärde „So'n Bart" und rufe gerade diesen Knaben auf. Das ist ein Fahrplan der.....Linie; auf dem Deckel das ist die....., die nach New York fährt; sie ist schon bald am Ziel. — Ich lasse ihn weiter von dem Dampfer erzählen. Er kennt seine Größe genau, auch die Zahl der Menschen, die er hinübertragen kann. Beiläufig erkunde ich, ob die Klasse das Kartenbild auf dem Untergrund richtig deutet — eine ungezwungene Wiederholung des früher Erarbeiteten. Dann aber steuere ich auf das Ziel los, das ich der Klasse diesmal zu geben wünsche. Die Knaben stehen vor der Entlassung; sie werden in den Berufsämtern bald Proben ihrer geistigen Selbständigkeit abzulegen haben, um selbständige Bewältigung einer Aufgabe geht es mir. Hört, einmal, ihr stellt euch jetzt vor, ihr wanderteWn ein paar Monaten mit euren Eltern nach Nordamerika aus. Die Papiere sind alle in Ordnung, nun gilt es, den Reiseplan zu machen. Aber ihr sollt ihn machen, ihr kennt euch ja aus und wißt Bescheid. Also bitte ... Ich gehe zum Reisebüro in die ...straße; ich in das Reisebüro in der ... straße. — Gut, aber wäre es nicht nett, wenn wir mal selber Reisebüro spielten, wir haben ja alles zur Hand, was wir dazu brauchen. Versuchen wir's doch einmal, wollen wir? — Ja, rufen alle, und schon höre ich ein paar besonders fixe Kerlchen Seite 8 bis 11 als die in Frage kommenden ansagen. — Aha, da haben wir ja schon, was wir brauchen: nach New- York. — Und nun fliegen die Zeigefinger die Kolumnen hinunter, bis zu dem Datum hin, das dem Tage der Abfahrt am nächsten liegt. Welches Schiff fährt an diesem Tage ab? — Die ... —. Wer weiß, wie groß dieses Schiff ist? — 52 000 Tonnen. — Sagt mal, was ist das eigentlich, eine Tonne? — 10 Doppelzentner. — Schlagen wir doch mal rasch tinsern Knaur auf! — Wir finden unter dem Stichwort Tonne eine Verweisung auf das Stichwort Registertonne und suchen es auf. Eine RT. sind 2,8315 cbm Raum. — Nachher in der Rechenstunde werden wir mal ausrechnen, wieviel cbm demnach die ... enthält. Jetzt aber wollen wir feststellen, wieviel Tage die Reise zur See dauert. — Die Abfahrts- und Ankunftsdaten werden miteinander verglichen Wie lange sind wir von unserer Vaterstadt bis nach New York unterwegs? — Nun lesen wir einmal die Namen der Häfen vor, an denen unser Dampfer anlegen wird. — Ohne weitere Aufforderung schlagen die Knaben die Karte auf und suchen die Namen der Häfen auf. Ich lasse sie durch eine Bleistiftlinie verbinden. — Wollen wir mal messen, wie lang die Strecke ist, die wir zurücklegen? — Ja. — Gut, aber erst später, wenn wir wissen, wie teuer die Schiffskarte sein wird. — Die Knaben schlagen Seite 10 auf. Da finden sie eine Preistabelle mit der Ueberschrift „Mindestfahrpreise nach Nordamerika". —.Mindestfahrpreise? Was bedeutet denn das? — Es wird mancher Vermutung Ausdruck gegeben: mehr oder weniger Ausstattung der Kabinen gleicher Kajütenklasse, verschieden angenehme Lage der Kabine usf. — Also, wir reisen Touristenklasse. — Nun finden die Knaben verschiedene Preise, je nach der Jahreszeit, in welcher die Reise gemacht wird. Im Sommer ist's teurer als im Winter. — warum wohl? — Wieder allerhand Vermutungen: im Winter reisen weniger Menschen als im Sommer. Es ist wie in den Badeorten. — Gut, aber was heißt hier Sommer, und was Winter? — Auf Seite 10 unten wird uns Aufschluß gegeben: Sommer ist's vom 25. 7. bis 25.9. — Wir reisen demnach im Winter. Die Fahrt kostet 151 Dollars. Ein ganz fixer Junge hat bereits die Anmerkung Seite IT unten gelesen, wonach Nichtamerikaner eine Kopfsteuer beim Landen zu zahlen haben, die 8 Dollars beträgt, sofern es sich" um Fahrgäste über 16 Jahre handelt. So erhöht sich für die Eltern der Fahrpreis. Und nun ergehen wir uns eine Weile in den Gefilden der Rechenkunst: Umwandlung der Dollars in Mark, Variierung der Fahrpreise in bezug auf die Zahl der Teilnehmer, der Schiffsklasse und dergl. mehr, geben reiche Gelegenheit zu Rechen-- Übungen. — Wir kehren dann zum Kartenbild zurück, um noch einige Betrachtungen anzuknüpfen, wie sie bereits in Aussicht gestellt wurden. Zunächst wenden wir unsere Aufmerksamkeit der Windrose zu. Ein Knabe muß sie aufs genaueste beschreiben. Es werden die Kreise und die Strahlen gezählt und ihr Sinn dargelegt. Wir versuchen uns ein Bild zu machen von der Apparatur des Schiffskompasses und von seiher Geschichte. Die Windrose ist ein besonders hübsches1 Motiv für eine Zeichnung. Wir lassen sie mit Zurhilfenahme des Zirkels und des Lineals anfertigen, wobei wir größtes Gewicht auf eine feine Arbeit legen. Dann messen wir, vergleichen wir,. und schreiten sozusagen einmal den ganzen Erdkreis ab. Diesesmal geht es nicht so sehr um die Erarbeitung einzelner Details bestimmter Länder, sondern um die Gewinnung eines großzügigen Ueberblicks über die ganze Welt. Ich lasse aus diesem Grunde auch die Wandkarte und den Schulatlas fort; hier sollen die Massen Landes und Wassers einmal ganz groß. für sich selber wirken. — ' Im Fortgang des Unterrichts soll auch das Bildhafte wieder zu seinem Rechte kommen. Die Reisebüros stellen gern - Bildmaterial zur Verfügung. Wir besitzen eine Anzahl guter geschmackvoller Reisebroschüren mit prächtigen Ansichten von New York und anderen Städten der USA. Sie helfen mit die frohbewegte Emsigkeit im Unterricht zu fördern. — Es sind in der vorstehenden Studie noch lange nicht alle Möglichkeiten der Auswertung von Schiffsreklamen angegeben worden. Doch denke ich, es werde'genügen, um den einen oder anderen anzuregen, in seiner Weise zu diesem sich der Schule anbietenden und zeitgemäßen Material zu greifen undaus ihm unterrichtlich herauszuholen, was an reichen Möglichkeiten in ihm steckt. Dies Tun birgt ein gut Stück echter Geistesarbeit, aber zugleich auch ein Stück' Auswanderungskunde in sich, undx deren bedürfen unsere jüdischen Knaben und Mädchen. " , Siegfried Braun. Die hebräische Schreibschrift wird zuweilen auch Kursiv- oder Kurrentschrift genannt. Diese: Namen besagen bloß etwas über den Gebrauch dieser Schrift, nicht aber über deren Ursprung. Darüber bestehen aber vieler- •seits falsche Vorstellungen, so auch in dem Aufsatz der „Iüdische Schulzeitung" Nr. 11 vom 1. 11. 37, Seite 3, 2. Spalte.. Zeile 1. Blum schreibt die fast allgemein geltende Ansicht nieder/daß dfe Schreibschrift aus der „gedruckten" — hier ist die Aschurit gemeint — abgeleitet sei. Und zwar nimmt er jedenfalls an: durch Vereinfachung, Verstümmelung oder handgerechte Umformung, ebenso wie die lateinische und die deutsche Schreibschrift entstanden sind. Dem ist aber nicht so. Denn die Schreibschrift ist viel älter als die Aschurit. Sie ist weiter nichts als die Fortsetzung der althebräischen Schrift, welche schon für die Richterzeit nachgewiesen ist. Wir wissen, daß die chaldäische Aschurit, die wir heute die hebräische Schrift nennen, schon seit etwa dem 6. Jahrhundert im internationalen Verkehr des ganzen Orients allgemein im Gebrauch war. Nach der bab. Gefangenschaft hat sich aber, wahrscheinlich schon viel früher, auch bei den Juden diese Schrift allmählich eingeführt, allerdings nur für die amtlichen Schriftstücke, und erst zur Zeit des Esra wurde beschlossen, die heiligen Schriften auch mit diesen Zeichen zu schreiben. Der Beschluß wurde aber als ein so großer Verstoß gegen die nationalen Ueberlieferungen angesehen, daß man zur Sühne einen Fasttag eingesetzt hat. Das Volk aber hielt an dem Ueberkorrimenen fest, und wir wissen von den Ausgrabungen, Siegeln, Scherben, Münzen u. dgl., daß man die althebräische Schrift als nationale Schrift beibehalten hat. Sogar die Münzen des Barkochbah zeigen noch diese Schriftzeichen. AJlerdings haben sich schon sehr frühe einige Zeichen der neuen Schrift dazwischengemengt,. weil sie einfacher oder handgerechter waren, so weiß man aus