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Jüdische Schulzeitung · 1938-04-01 · 4 (1.4.1938) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
14 (1938)
Issue
4 (1.4.1938)
Date
1938-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nummer 4 -Jüdische Schulzeitung Seite 3 niger wertvolle Vertonung erfahren. Platte Melodien gehören nicht in einen Oneg. Im übrigen muß man leider feststellen, daß die Semirot nicht immer schlicht-und gefühlvoll, sondern manchmal wie Gassenhauer -gesungen werden. Das widerspricht entschieden dem Geiste des Oneg Schabbat. Jeder Teilnehmer weiß, wie gerade durch den gepflegten Gesang gemeinschaftsbildende Kräfte und Gefühle ausgelöst werden. Zum Singen der Semirot kann noch der Vortrag von Niggunim, von Melodien, die man nur auf Silben singt, treten. Auch diese Niggunim, vorausgesetzt, daß sie stilvoll vorgetragen werden, erwecken eine gehobene, innerlich frohe Stimmung. DieUebersetzung und Besprechung einzelner Semirottexte ist eine dankbare Aufgabe einiger Onegim. Der Gesang muß nicht nur auf die eigentlichen Semirot, die religiösen Dichtungen, beschränkt bleiben. Auch gesungene Gebete und geeignete weltr liehe Lieder kommen hinzu. Ich denke z. B. an eine schöne traditionelle Adon-olam-Melodie oder an die Volksweise zu „Laolam haba". Wenn der Oneg durch den Gesang eine besondere Weihe erhalten soll, so muß dazu im Musikunterricht eine große Vorarbeit geleistet werden. Die vorstehenden Ausführungen haben gezeigt, daß die Formung und Gestaltung des Oneg vor vielseitige Aufgaben stellt. Die ganze Persönlichkeit, die Kräfte des Geistes und der Seele müssen eingesetzt werden, um durch den Oneg den Schabbat zu einem „Jörn schekullo schabbat" zu gestalten. Ein Oneg kann nicht „gemacht", nicht „organisiert" werden. Nur wenn lebendige, begeisterungsfähige Menschen ihn tragen, dann wird er das verwirklichen, was sein Schöpfer Bialik durch ihn erreichen wollte. Ueber Feierlind Festgestaltung hat sich Bialik in einem Briefe ausgesprochen, aus dem hier einige Sätze folgen: „Feste sind ein Gegenstand gemeinschaftlicher Schöpfung, woran vielerlei und verschiedenartige Kräfte ihren Anteil haben: Glaube, Üebeflieferung, Geschichte, Kunst, Natur und manches andere. Und so wie man auf Bestellung oder nach Anweisung oder durch einen Beauftragten nicht gute Gedichte schreiben kann, so kann man auch kein Fest und kein Festprogramm bestellen. Die wahrhaftige Fe-stesfeier geht vom Herzen aus und kommt durch den Heiligen Geist in die Welt." Wir reisen nach Amerika . Es ist eine der fruchtbarsten aber schwierigsten Aufgaben in der Schule, die Phantasietätigkeit der Kinder in Bewegung zu bringen. Das hat Jean Paul gemeint, als er. den einprägsamen Satz von der Langeweile als der größten Sünde des Schulmeisters hinschrieb. In der Tat lastet diese Sünde in peinvoller Schwere über den Köpfen der Kinder, wenn sie trockenen unlebendigen Pedanten ausgeliefert sind, denen die Wendigkeit fehlt, _die sie allererst in die Reihen der Künstler einordnen würde. — Die Geographie gehört zu den Fächern, die am ehesten dem Moloch „Langeweile" anheimfallen. Die Veranschaulichungsmaterialien sind in ihrem Umfang und in ihrer phantasieerweckenden Kraft beschränkt, und wenn eine Klasse lediglich auf Atlas und Wandkarte, auf Sandkästen und veraltete Bilder angewiesen ist, so kann kaum Ersprießliches aus dem Unterricht erwachsen, selbst in dem günstigen Falle, daß der Lehrer dies alles durch sein gestaltendes Wort mit Leben erfüllen kann.— Das Kino und das Epidiaskop bieten sich zwar als hervorragende Gehilfen dem Lehrer an, und jeder wird sie ausgiebig nutzen, sofern sich ihm Gelegenheit hierzu bietet. Allein vielen Schulen fehlen diese modernen Instrumente, und man ist gehalten, auf den glücklichen Zufall zu warten, da die öffentlichen Lichtspielhäuser in ihrem laufenden Programm erdkundliche Darstellungen bringen, wobei freilich die Ungewißheit besteht, ob denn auch alle Kinder die Filme werden sehen können. — . "" Die jüdischen Kinder iii dieser Zeit bringen geographischen Sachverhalten ungleich mehr Interesse entgegen, als es sonst zu Zeiten zu sein pflegte. Die Notwendigkeit der Auswanderung beherrscht in weitem Umfange das Planen und Tun der jüdischen Familien. Und wenn auch glücklicherweise Frau Sorge die Kinder nicht in ihren Bann zu ziehen vermag, so rühren sie dennoch die Hantierungen und Gespräche der Erwachsenen merklich an, und es ist schon so, wie es Leo Baeek einmal formuliert hat: der Horizont der jungen jüdischen Menschen ist nicht mehr die Linie, die den Raum ihres gegenwärtigen Lebens umgibt, sondern vielmehr der Umkreis der weiten Welt schlechthin. Deshalb auch, und weil es das Leben fordert, lenken wir Lehrer die Blicke unserer Schüler über die Grenzen Deutschlands und Europas hinweg nach Palästina und nach Uebersee zu den gewaltigen Kontinenten, die von den noch gewaltigeren Weltmeeren umspült werden. Die in einem gewissen Betracht idyllisch anmutende Landschaft, auf deren Boden sich ein Stück bedeutsamer jüdischer Geschichte abgespielt hat, das zu Ende zu gehen sich anschickt, tritt zurück hinter eine heroisch erscheinende, die in ihren Ausmaßen und in ihrer Lebensfülle etwas Unheimliches, Erschreckendes mit sich trägt. — In schnellem Tempo hat die Notzeit uns jüdischen Menschen allerlei Bücher, Broschüren, Pläne und Uebersichten ins Haus gebracht, mit denen wir umgehen, als sei es immer so gewesen. Eine Umfrage in den Schulen wird es bestätigen, daß auch die Kinder — nicht alle — den Zugang zu diesem seltsam erregenden Schrifttum gefunden haben, und nicht selten mag der Lehrer staunen, wenn er seine Schüler Namen. Zahlen und Relationen zwischen ihnen aussprechen hört, Dinge, von denen früher selbst gebildete Erwachsene nichts, aber auch gar nichts gewußt haben. — So liegt der Ansporn, sich dieses Materials im Unterricht zu bemächtigen, sozusagen in der Luft, und der rechte Lehrer wird es sich angelegen sein lassen, die reichen Kräfte loszubinden, die in dem Material verborgen sind. Von dem Reklamebüro einer Reederei habe ich mir ein paar Dutzend Fahrpläne und anderes Reisematerial kommen lassen. Es waren wunderschöne Prospekte darunter, geschmückt mit Aufnahmen prächtiger Landschaften und Menschen aus fernen Erdteilen. Unter Beiseiteschiebimg der Bedenken, es könnten angesichts der lockenden Bilder Wunschträume in den Seelen der Kinder wachgerufen werden, die keine Erfüllung finden möchten, bringe ich an -einem Schulmorgen die Kostbarkeiten mit in die Klasse und verteile sie, ohne zunächst etwas über meine unterrichtlichen Absichten zu sagen. Die Jungen stürzen sich in vollem Gespanntsein auf die Hefte, die den Aufdruck „Fahrplan und Fahrpreis", sowie den allen geläufigen Namen der Reederei tragen. Was ihnen zuerst in die Augen fällt, das ist das Bild des Riesendampfers, der majestätisch die sJVleeresfluten durchschneidet. Nur das Schiff und die es umspülenden Wellen sind Abbild der Wirklichkeit, denn der Untergrund zeigt in gewollter Blässe ein Stück Landkarte, das von den Schülern sogleich als die Fetzen der beiden amerikanischen Kontinente erkannt wird. Ohne weiteres wird der Sinn des Ganzen erfaßt: der Schiffskiel zeigt in die Richtung nach New York. Bald wird der Dampfer hunderte von Menschen an Land bringen, die den Wahderstab zur Hand genommen haben, um drüben in USA. sich eine neue Heimat zu gründen. Ein paar Minuten überlasse ich die Knaben sich selber. Es beginnt ein lebhaftes . Geplauder; die Blätter werden umgewendet; nur flüchtig ' überblickt man die fettgedruckten Ueberschriften, die Zeit- und Preisangaben, bis sich mählich das Rascheln der Blätter legt. Eine wunderschöne und klare Erdkarte, über zwei Seiten hingebreitet, schlägt die Jungens in Bann. Die Landmassen sind völlig weiß im Innern, nur der Küstensaum zeigt schwarze Punkte und Städtenamen. Das Weltmeer ist mit enganeinanderliegenden horizontal verlaufenden Linien hingezeichnet. Das Bild einer zierlichen Windrose links in der Ecke wirkt wie ein frischaufgesetztes Siegel. All die verwirrenden Zutaten, wie sie die üblichen Kartenbilder aufweisen, fehlen, selbst das

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