Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 3 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische^ Sc hulzeitung Nummer« 3 Bemerkungen zu Auswahl und Gestalt des Schulaufsatzes auf der Oberstufe der jüdischen Volksschule von Martin Reich, Knabenvolksschule der Jüd. Gemeinde zu Berlin Ohr und Auge des Volksschullehrers haben schon immer von Sprach- und Schreibverwilderungen Kenntnis nehmen müssen. Wohl der einzige Ort, an dem er sich dagegen wenden kann, ist die Schulstube, um so mehr, als die Schülersprache zu besonders ernsten. Bedenken Anlaß gibt. Sprachschatz und Ausdrucks vermögen der Kinder sind mangelhaft, Umständlichkeit und Weitschweifigkeit machen sich breit. Es ist-nicht mehr zu unterscheiden, ob unklares Denken eine ungenaue Ausdrucksweise nach sich zieht, oder ob die Spracharmut die Beweglichkeit des Geistes hemmt. Daß die aufgeführten Mißstände auch im allgemeinen pädagogischen Schrifttum seit langem immer wieder gerügt werden, sei hier nur nebenher erwähnt Wir müssen darauf sinnen, in unserem Falle für Abhilfe zu sorgen und zu diesem Zwecke an unterrichtliche Maßnahmen denken, die zu zeigen haben, welche Wege der Lehrer zur Pflege der sprachlichen Fähigkeiten des Kindes einschlagen und welche Stellung er hierbei dem Schulaufsatze geben sollte. Man hat sich noch sehr wenig von dem Oedanken frei zu machen verstanden, als ob nur die Deutschstunde die Aufgabe hätte, zu Sprachrichtigkeit und Sprachschönheit zu erziehen. Zudem ist der von der höheren Schule zur jüdischen Volksschule gekommene Lehrer — - der ja in erster Linie Fachlehrer war — oft noch nicht davon überzeugt, daß die sachkundlichen Fächer der Volksschule auch im Dienste der Spracherziehung zu stehen haben. Diese Fächer — Naturkunde, Erdkunde, Rechnen, Raumlehre — verlangen in der Volksschule eine ganz besondere Sprachsicher-" heit, da sie sonst Ausgangspunkte völlig falscher Vorstellungen und vollkommen fehlerhaften Denkens werden können. Weiterhin ist es wichtig zu sagen, daß die Erkenntnis, von welchem Einfluß die Sprachbeherrschung auf den Jüdischen Geschichtsunterricht und das Hebräische ist, wie wichtig gerade hierin eine wechselseitige fruchtbare Ergänzung sein kann, noch nicht überall durchgedrungen ist. Unter solchen Umständen nimmt es nicht wunder, wenn der Gedanke an den Schulaufsatz böse Träume bei Lehrer und Schüler hervorruft. „Was soll ich schreiben lassen?" hört man im Lehrerzimmer. „Was soll ich schreiben?" flüstert der Schüler. Will der jüdische Lehrer die Frage beantwortet haben, welches das Ziel des Sprachunterrichtes für uns ist, dann muß ihm gesagt werden, daß Herrschaft über die Sache, Meisterung der Tatsachen wesentliches Erfordernis für das jüdische Kind sein muß, daß also die Fähigkeit zu einem einf achen, zweck vollen Sprechen zu erstreben ist. Im Schulaufsatz hat also Beziehung zum Leben, zum jüdischen Leben zu herrschen. Damit ist zugleich ausgedrückt, daß der Gesamtkreis kindlichen Erlebens hierin eingeschlossen ist. Nicht nur das Dasein außerhalb des Schulhauses, auch die Beobachtungen und Erfahrungen, die das Kind innerhalb des Unterrichtes sammelt, sollen die Stoffgebiete sein, denen das Aufsatzthema entstammt. Der sogenannte freie Aufsatz kann ja so nicht heißen, weil er es vermeidet, seine Themen aus dem Schulleben zu nehmen. Man soll nicht glauben, daß Aufsätze, deren Inhalt sich im Unterricht'ergeben hat, den Schüler an einer freien Gestaltung hindern. Wohl ist es abzulehnen, die rein inhaltliche Wiedergabe eines Unterrichtsstoffes als Aufsatz" anzusehen. Dem Schüler muß schon Gelegenheit gegeben sein, eine irgendwie selbständige Arbeit zu leisten. Da kommt es sehr auf die Formulierung des Themas an. An zwei Beispielen aus der Praxis soll gezeigt werden, wie, man es falsch, und .richtig machen lcann. Vor einiger Zeit behandelten zwei Knabenklassen des achten Schuljahres den Stoffkreis „Die. Jüdische Gemeinde zu Berlin, ihr Wesen, ihre Aufgaben usw." In der einen. Klasse mußte schließlich folgender Aufsatz geschrieben werden: „Die Aufgaben der Jüdischen Gemeinde zu Berlin." Die andere Klasse bearbeitete das Thema: „Was macht die> Gemeinde bloß mit unseren Steuern?" Während^also dieeine- Klasse einer gebundenen Schreibroute folgen mußte und deshalb-in Aufbau und'Ausdruck unfrei war, löste die in; der anderen Klasse gestellte Aufgabe den kindlichen Gestaltungs- und Darr stellüngstrieb, weil .der behandelte Unterrichtsstoff plötzlich nach lebensnahen Gesichtspunkten betrachtet werden konnte.5 Jeder Schüler hatte über Erfahrungen aus seiher Familie zu berichten, über die nicht gerade beglückten Gesichter des Vaters, der Mutter, wenn der Steuerbescheid der Gemeinde mit der Post ins Haus kam. Jeder konnte von den kritischen Stimmen der lieben Bekannten erzählen, die der Gemeinde etwas am Zeuge zu flicken hatten. Auf Grund der im Unterrichte gewonnenen Kenntnisse räumten die Kinder innerhalb des Aufsatzes mit allen Unklarheiten in bezug auf die Gemeinde auf. Ihre Sprache war ungekünstelt, einfach Und klar, weil sie^ schreiben konnten, was in ihrem Leben eine Rolle spielte; Das zweite Beispiel sei angefügt, um eine vollkommenere Klärung der hier erhobenen Forderungen herbeizuführen. Die erwähnten beiden Klassen besuchten -im Anschluß an die Durchnahme des Stoffgebietes „Aus unserer Vorgeschichte" die Sammlungen des Aegyptischen Museums, die vorderasiatisch-babylonische Abteilung und die pergamenischen Kunstwerke und hielten sich besonders in den Räumen auf, die die James Simonschen Zuwendungen enthalten. Hier konnte in anschaulicher Weise über die Auseinandersetzungen zwischen den ältesten hebräischen Stämmen, den Habirus und Aegyptern, also über die Anfänge israelitischer Geschichte, über den Drang aus der Wüste in das Fruchtland berichtet werden. (Vgl. E. Auerbach, Wüste und gelobtes Land, Bd. I., Schocken, Berlin 1932 und Kittel, Gestalten und Gedanken in Israel, Quelle und Meyer, Leipzig 1925.) Die eine Klasse mußte sich darin erschöpfen, einen Aufsatz mit dem farblosen Thema „Unser Museumsbesuch" zu schreiben. Im Aufsatz der anderen Klasse nahm der Museumsbesuch lebendige Gestalt an, da die Themen hießen: „Ein Habiru schichtet um . . .". „Ein Wüstensohn kommt in die Großstadt." „Pharao Amenophis IV.- schreibt an den Habirukönig Aziru." Der Aufsatz „Unser Museumsbesuch" konnte beim besten Willen nichts anders als eine unkindliche Aufzählung, eine unselbständige Wiedergabe des Gehörten und Gesehenen sein. Die anderen Themen aber regten die Phantasie des Kindes an. Totes Wissen konnte zum Aufbau eines dramatisch bewegten Lebens verwandt werden. Die stummen Stücke des Museums waren zu Zeugen einer uns angehenden Vergangenheit geworden. Auch in diesem Falle hatte eigentlich erst die Formulierung des Themas dem Kinde den Mund geöffnet. Was hierbei gezeigt werden sollte, ist klar. Dem Kinde ■ wird das Sprechen und Schreiben nur Freude bereiten, wenn es sich in der ihm gemäßen Art — geboren aus kindertümlicher Geistigkeit — mitteilen kann. Hüten wir uns, lebensvoll Gewachsenes abzustumpfen oder zu verbilden. Man sollte wirklich einmal herumhören, wie sich das Volk unterhält. Die Jungen eines siebenten Schuljahres hatten les sehr bald weg, was man z. B. für köstliche Gesprächsfetzen am Freitagabend vor der Synagoge aufschnappen kann. „Wie die Leute sprechen.", „Freitag abend vor der Synagoge.", „Geographie vom Hörensagen/', waren selbstgebildete Aufsatzthemen. Im sechsten Schuljahre gaben die Naturkundestunden manchen Aufsatzstoff her: ,,Ich pumpe mein Fahrrad auf." „Der Fußball wird aufgepumpt." „Wie ich meinen Füllfederhalter fülle." „Schwitzen die Fensterscheiben wirklich?" Solche Themen erzwingen ein erwägendes Denken. Da Tun und praktisches Denken im Kinde ein Einheit bilden, orientiert sich sein Sprechen und Schreiben am Tun. Es schreibt bei solcher Gelegenheit in kurzen, natürlichen, lebendigen Sätzen". Nichts wirkt eingelernt und gekünstelt. Es macht den Schülern großen Spaß,, wenn sich der .Klassenlehrer als. „Laie" die technischen Probleme des. Alltagslebens von ihnen,; den „Fächleuten", erklärenläßt. „Der:Staubsäuger wird, repariert." „Unser Akku wird. aufgeladen." „Die Sicherung .istdurchgeknallt.":. ' l-.' ...,;,,;u(" Sehr zu ,empfehlen, sind auch Beschreibungen der ini den Klassen hängenden- Wandbilder. ..-Sogar „die^Grammatik kann