Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 3 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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14. Jahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 3 üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 19) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.75 pro Quartal. Mannheim, den i. März 1938 Druck und Verlag: Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Redakteur: Dr.SiegfriedBraun K ö 1 n - S ü 1 z, UnkelerstraOe 17 Zur Neuordnung des Geschichtsunterrichts an jüdischen Schulen von Wilhelm Speyer, früher Berlin (Schluß) 2. Die Frage der Lehr- und Lernmittel für den Unterricht ist für Volksschule und höhere Schule getrennt zu behandeln. Gemeinsam" sind beiden Schularten als unentbehrliche Hilfsmittel auch des Geschichtsunterrichts: physikalische Wandkarten, der (erdkundliche) Schulatlas und — mehr als bisher — Umrißstempel der verschiedenen Länder und Erdteile, durch die man es dem Schüler erleichtert, sich selbst einen Geschichtsatlas anzulegen. Im übrigen kann für die Volksschule die Frage der Bereitstellung weiterer Lehrmittel nur in der Form gestellt werden, ob es methodisch zu befürworten ist, ein unsern besonderen Zwecken angepaßtes Geschichtsbuch zu verfassen, und ob es geldlich möglich ist, den Hilfsbüchereien unserer Schulen dieses Buch in genügend großer Stückzahl einzureihen, da sich ja die Einführung eines von den Schülern anzuschaffenden Lehrbuchs in der Volksschule verbietet; hier können nur die methodischen Gesichtspunkte, nicht die geldlichen Voraussetzungen für die Schaffung des "Geschichtsbuches besprochen werden. \ Ihre methodische Begründung fand die bisherige Ablehnung eines Geschichtsbuchs für die Volksschule in der Forderung, daß der Geschichtsunterricht der Volksschule seinen Schwerpunkt in der Stunde haben solle und nicht in der häuslichen Arbeit. Auch heute kann dieser Grundsatz nicht bestritten werden, und wenn dennoch manche Lehrer jetzt der Benutzung eines Buches freundlicher gegenüberstehen als früher, so geschieht es,, weil sie für die Anforderungen unseres heutigen Geschichtsunterrichts so viel weniger arbeitsunterrichtliches Material zur Verfügung haben als z. B. für den bisherigen auf die Schicksale des deutschen Volkes ^sich beschränkenden Geschichtsunterricht, der als folgerichtige Fortsetzung des heimatkundlichen Unterrichts aufgebautwerden konnte. Ich selbst glaube, daß ein geeignetes Geschichtsbuch auch in der Volksschule beachtliche Vorteile bieten könnte; aber wie muß ein Buch angelegt sein, das sich für unsern Unterricht eignen soll? Sollen wir dem Schüler ein „Arbeitsbuch", eine „Stoffsammlung" oder eine ^Gedächtnisstütze" in die Hand geben? Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß der Schüler-des Volksschulalters mit einem dünnen Buch — sei es eine gedrängte Darstellung des Stoffes, sei es eine bloße Gedächtnisstütze — überhaupt nichts anfangen kann, da es für ihn unanschaulich bleibt; auch ein Arbeitsbuch für Ge- - schichte würde eher, in die Hand des Lehrers als in die des Schülers gehören. Wollen wir also ein Volksschulttach schaffen, so müssen wir einen Weg einschlagen, der. den besonderen Erfordernissen unseres Unterrichts entspricht: "Ein Buch, das unsere Jungen und Mädchen wirklich fesseln soll, muß ein „dicker Schmöker" sein, in den man sich voller; Spannung vertiefen und dem man viele Einzelheiten entnehmen kann. Wir lösen also den geschichtlichen Lehrstoff in eine Anzahl von Einzelerzählungen auf, deren Handlungen zu verschiedenen Zeiten spielen-und die untereinander« nicht in Zusammenhang stehen, so daß sie dem kindlichen Leser zwar tatsächlich in der richtigen zeitlichen Reihenfolge entgegentreten, aber ohne daß ihm die chronologische Anordnung aufdringlich bewußt wird. In diesen Erzählungen treten im allgemeinen die geschichtlichen Helden nicht unmittelbar als handelnde Personen auf, damit der Verniedlichung großer Schicksale vorgebeugt wird und die Kinder nicht das Gefühl des Abstandes und der Ehrfurcht verlieren; wohl aber"enthalten die Erzählungen implicite nicht nur vieles auch dem Kinde Wissenswerte über die kulturellen Verhältnisse vergangener Zeiten und fremder Völker, sondern auch reichen Stoff über die großen geschichtlichen Vorgänge und die sie bewegenden und von ihnen bewegten Menschen selbst. Dadurch werden sie für den Schüler das, was für den Forscher die Quellen sind, nur mit dem Unterschied, daß es dem Schüler durch den ganzen Aufbau des Buches leichter gemacht wird, sich die implicite angedeuteten eigentlichen geschichtlichen Vorgänge zu rekonstruieren; aber grundsätzlich kehren alle Arbeitselemente, aus denen wir die Tätigkeit der wissenschaftlichen Quellenbearbeitung zusammengesetzt finden, auch in der Auswertung wieder, der die Schüler nunmehr — vom Lehrer angeleitet — jedes von ihnen gelesene Stück unseres Buches unterwerfen müssen: Von der Zusammenstellung aller mehr oder weniger zufälligen Angaben, die die Erzählung über die jeweils in Rede stehenden geschichtlichen Ereignisse und Persönlichkeiten enthält, bis zur kritischen Beurteilung der Glaubwürdigkeit der in der Erzählung vorkommenden Personen, denen solche Angaben in den Mund gelegt sind. Man kann das Buch auch so einrichten, daß die Schwierigkeit dieser „quellenkritischen" Arbeit von Lesestück zu Lesestück methodisch gesteigert wird. Im übrigen ist dies nicht die einzige Art von Arbeit, die der Lehrer an die einzelnen Erzählungen knüpfen wird. Denn diese sind so aufgebaut, daß sie eine ganze Reihe Fragen absichtlich offen lassen, deren ergänzende Beantwortung den Gegenstand von Schülerreferaten oder von Gruppenarbeit bilden kann. Eine ganz andere Art von Aufgaben besteht im Auffinden sprachlicher Verwandtschaften zwischen den in der mittelalterlichen Geschichte auftauchenden arabischen Wörtern und den dem Schüler bereits bekannten hebräischen Vokabeln, oder im Auswerten sprachlicher Bilder oder des Bedeutungswandels vielgebrauchter Wörter für die Veranschaulichung kultureller Zustände und Entwicklungen. Wieder eine andere Art von Aufgaben besteht im Modellieren von Gebäuden, Siedlungen, Schiffen, Werkzeugen, Schlachtaufstellungen usw. — Indem das Buch im Anschluß an jede Erzählung diese und andere Aufgaben stellt, vereinigt es die Vorzüge einer Stoffsammlung und eines Arbeitsbuches miteinander, ohne unanschaulich zu werden. Zweierlei tut es nicht und soll es nicht tu«: es macht nicht den — einleitenden oder nachträglich zusammenfassenden — Vortrag des Lehrers überflüssig, und es bietet dem Schüler keine Gedächtnisstütze» etwa in Form einer. Zeittafel, denn diese soll er sich in seinem Geschichtsheft selbst anlegen. ~