Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 2 (1.2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nummer :2 Jüdisch e; S c tr.url z e i t u n g,v Seite 2 lästinas-durch'die Juden einzuräumen haben. Ich. halte es für methodisch zweckmäßig und der Bedeutung des Gegenstandes für unsere Jugend angemessen, als Abschluß des gesamten Geschichtsunterrichts in der Volksschule die Schüler das, was sie bis dahin allgemein über den Imperialismus und sein Gegenprinzip, den neuen Nationalismus, oder über soziale, bevölkerungspolitische und wirtschaftliche Fragen gelernt haben, auf das neue Palästina anwenden zu lassen. Vom biblischen Palästina hat unsere Geschichtsbetrachtung in der 4. Klasse ihren Ausgang genommen, in der Beschäftigung mit dem heutigen Palästina findet sie in der 1. Klasse ihre Beschließung, nachdem sie den ganzen Erdkreis durchlaufen hat. Der Schüler hat hier ein Kraftfeld vor sich von kleinster Ausdehnung und höchster Spannung, das er aus diesen beiden Gründen leichter übersieht und in dem er alle die Kräfte und Fragestellungenwiedererkennt, denen er schon in der großen Welt begegnet ist. Er erahnt nun rückschauend auch tiefer den Zauber des Raumes, der das heilige Land schön in uralter Zeit zu einem so heißbegehrten Stück Erde gemacht hat. Er begreift, aber auch die Lage der heute dort kämpfenden Juden umfassender, wenn er sich klar macht, wie der Zionismus als nationale jüdische Erneuerungsbewegung tragisch hineingestellt ist in den Gegensatz zwischen dem englischen Imperialismus und dem arabischen Nationalismus — und zwar als unfreiwilliger Verbündeter des Imperialismus. Er wird sich mit der Frage auseinandersetzen, ob ein Volk, das (wie das arabische) den ihm gehörenden Raum nicht ausfüllt, das sittliche Recht hat, einem anderen — landarmen — Volk die Mitbenutzung des bisher ungenügend genutzten Raumes zu verwehren. Und er wird schließlich erkennen, wie sehr auch in dieser eigensten Sache des Juden — seiner Selbsterneuerung — der (äußere) Enderfolg mitbedingt wird durch das Kräftespiel der Weltmächte. Diese Erkenntnis soll dem jungen Juden in ihrer ganzen Unerbittlichkeit aufgehen. Wer sie ihm vorenthielte, würde nicht nur die Pflicht verletzen, die jüdische Jugend realpolitisch zu schulen; er würde vor allem ihre Aufmerksamkeit von dem einen ablenken, was über allen äußeren Erfolgen oder Mißerfolgen der zionistischen Politik und jenseits aller irmerjüdischen Parteiungen steht und was als kostbarste Frucht unseres Unterrichts geerntet.werden muß: das Ergriffensein von dem Vorbild des chaluzischen Menschen, des Menschen, der, ohne von jemand dazu gezwungen zu werden, sein Leben und seine Gesundheit, seine kleinen und großen Wünsche und Neigungen um der Gesamtheit willen bedenkenlos hinwirft — nicht in einmaligem heldischem Aufschwung, sondern in lebenslang täglich wiederholtem Opfer; der Stolz darauf, daß das Judentum heute noch, jung genug ist, der Welt damit wieder und wieder ein unerreichtes Beispiel sittlicher Kraft vor Augen zu stellen; und das Wissen darum, daß zwar vor dem Urteil der -politischen Geschichte nur der bestehen kann, der . Erfolg hat, daß aber da, wo es um den inneren Rang eines Volkes geht, der Erfolg ganz belanglos wird und nur noch eines Gewicht hat: die unsterblichen Taten sittlichen Heldentums, die es vorweisen kann. Bemerkungen: 1. Die im vorigem entworfene Stoffverteilung bringt es mit sich, daß der Schüler den geistig bedeutendsten Männern des Judentums — Mose und den Pro pheten — im Unterricht der 4. Klasse begegnet, also auf einer Stufe, wo ihm eine Vorstellung von der Art und Größe ihrer Leistung noch nicht vermittelt werden kann; nicht anders ergeht es ihm in der 3. Klasse mit den großen Juden des Mittelalters. Auf die biblischen Gestalten zurückzukommen und das Verständnis für das, was sie geschaffen, allmählich zu vertiefen, ermöglicht uns die jährlich wiederkehrende Unterricht liehe Vorbereitung der Feiertage; im übrigen muß, wie oben schon angedeutet, der Deutschunterricht der 1. Klasse noch weitgehender als bisher die Einführung in das Verständnis der geistig-religiösen' Leistungen des Judentums übernehmen 2. Der Geschichtslehrer muß so oft auf räumliche Bedingungen Bezug nehmen, daß es ihm als großer Vorteil erscheinen, würde, wenn sich auch die Stoffverteilung des Erd kiindeunterrichts mit der des Geschichtsunterrichts in Einklang bringen ließe. Dieser Erwägung entspringt der Vorschlag, der durch folgende Uebersicht angedeutet wird: Schuljahr Geschichte j Erdkunde 5. (4. Klasse) Zusammenfassung der jüdischen Geschichte bis zum Tode Bar Kochbas und Ergänzung durch ausgewählte Bilder aus der Geschichte des vorgriechischen und des griechisch-römischen Altertums. Deutschland und Europa; Kartenlesen unter Hinzuziehung einer Karte v. Palästina und Umgebung. 6. (3. Klasse) Morgen- und Abendland im Mittelalter bis zum Zeitalter der Entdeckungen. Asien und Afrika; Indischer und Atlantischer Ozean 7. {2. Klasse) Vom Aufstieg Englands und Rußlands zu Weltmächten bis zur Loslösung der Neuen Welt von Europa. Amerika, Australien; Stiller Ozean Antarktis. 8. (1. Klasse) Vom Maschinenzeitalter bis zur Gegenwart. Geopollt. Welt- Ubersicht. - Geographie der jfid. Siedlungen in der" Welt. Diese Uebersicht möge aber nicht etwa als wesentlicher Bestandteil unseres „Bauplans"' angesehen werden, sondern lediglich als eine unverbindliche Anregung. Der Lehrer, der sich — für die vorgeschlagene Neuordnung unseres Geschichtslehrplans gewonnen — zu einem Unterrichtsversuch im Sinne des hier gegebenen Entwurfs entschließt, sieht sich freilich vor eine schwere Aufgabe gestellt. Denn es bedarf für ihn keiner geringen Arbeit, die eigenen Kenntnisse zu einem solchen Umfang auszuweiten, wie es unser Ziel erfordert; hat doch schon der Religionslehrer, dem bisher der Unterricht in jüdischer Geschichte zufiel, genügend Arbeit aufzuwenden, um auch über den Stoff der deutschen Geschichte verfügen zu können, ebenso wie der Geschichtslehrer, der bisher nur allgemeine Geschichte zu lehren hatte; lange braucht, bis er in der jüdischen Geschichte ebenso zu Hause ist wie auf seinen bisherigen Wissensgebieten. Und nun gar die Einbeziehung des ungeheuren Stoffs der Weltgeschichte: wo anfangen, wo aufhören? Und die in der Vorbildung des Lehrers liegende Schwierigkeit würde sich vervielfachen, wenn durch eine allgemein verpflichtende Neuordnung des Lehrplanes auch solche Lehrer zu der damit verbundenen Umstellung genötigt würden, die aus Temperamentsgründen nicht die Freude am der Erprobung eines neuen Weges mit uns teilen. Gewiß erkennt der verantwortungsbewußte Lehrer gerade angesichts der Tatsache, daß er sich heute — verglichen mit anderen jüdischen Berufen — in verhältnismäßig gesicherter Lage befindet, gern die Pflicht an, auch über die tägliche Vorbereitung hinaus Arbeit auf sich zu nehmen; aber andererseits besteht in unseren Kreisen eine gewisse gefühlsmäßige Abneigung gegen die Beschäftigung mit weitschichtigen neuen Aufgaben, eine dumpfe Unlust, gegen die wir nicht blind sein dürfen, und die sich wohl aus der Unsicherheit der Entwicklung unserer Schulen und der Zukunft der uns anvertrauten Jugend erklärt. Es ist also für die unterrichtliche Verwirklichung der neuen Pläne von entscheidender Bedeutung, dem Lehrer die erforderliche Umstellung zu erleichtern durch Bereitstellung von Hilfsmitteln für seine eigene Vorbereitung und durch Schaffung von Lehr- und Lernmitteln für seinen Unterricht. 1. Die Vorbereitungdes Lehrers: Kurzgefaßte wissenschaftliche Gesamtdarstellungen, die das enthatten, was der Lehrer braucht, gibt es nicht, und wir können; auch nicht darauf rechnen, daß etwas dieser Art inabsehbarer Zeit veröffentlicht werden wird; die Vorbereitung des Lehrers kann aber durch Veranstaltung von Kursen unterstützt werden. Dies ist vielleicht für den Augenblick der am wenigsten kostspielige Weg, wenigstens in Berlin, wo mühelos eine zahlreiche Hörerschaft zusammengerufen werden kann. Da* freilich in jedem Schuljahr Lehrer hinzukommen, denen Geschichtsunterricht neuübertragen wird,, so müßten die Kurse vor immer kleiner werdender Zuhörerschaft wiederholt wer-