Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rümmer 1 Jüdische S chulzeitung Seite 3 ist Denn der in der 1. Klasse , zu behandelnde Geschichtsabschnitt erhält seine Prägung dadurch, daß in ihm die geschichtlichen Kräfte, die in den früheren Jahrhunderten unbewußt wirkten, erst sichtbar und den Menschen bewußt werden; und indem sie den damals handelnden Menschen bewußt werden, findet auch " das Verständnis des Schülers leichter den Zugang zu ihnen. Das Zeitalter der französischen Revolution und Napoleons I., das zugleich das Zeitalter der Ablösung- Amerikas von Europa ist, schafft dem Begriff der Nation einen Platz und zwar einen bevorzugten Platz im politischen Bewußtsein der europäischen (und amerikanischen) Menschheit. So beherrscht der Nationalismus, das Streben nach politischer Einheit und Unabhängigkeit der Nationen, mehr als fünfzig Jahre hindurch die europäische Außenpolitik; auch Amerika und Japan ordnen innerhalb dieser Jahrzehnte ihr staatliches Leben neu. Sein besonderes innerpolitisches Gepräge empfängt dieser Zeitraum durch die Einführung der Maschine in die Wirtschaft; denn dieser technisch-wirtschaftliche Vorgang hat für die von ihm betroffenen Völker ungeheure Folgen dank der durch ihn bewirkten Verstädterung und Entwurzelung breiter bis dahin bodenständiger Schichten. Verstädterung und Entwurzelung — das sind auch die Stichworte für die Entwicklung der europäischen Juden in diesen" Jahrzehnten, in denen sie die bürgerliche Gleichberechtigung erlangen. — Die Wirkungen des Maschinenzeitalters zeigen sich aber nicht nur in den innerpolitischen Kämpfen jener ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in denen Liberalismus, Demokratie und Sozialismus Boden gewinnen, sondern sie zeigen sich auch in der Außenpolitik, indem sie an Stelle der nationalen Autarkie die Weltwirtschaft setzen und damit (etwa seit 1871) das nationale -Bewußtsein der staatlich gefestigten Völker über sich selbst hinaustreiben zu der ebenfalls bewußt aufgenommenen Politik des Imperialismus, die in gewissem Sinn auch einen Versuch zur Lösung der sozialen Frage darstellt. Diese Imperialismen stoßen hart aufeinander, bis sich an ihren Reibungen nach wiederholten Krisen und kleineren Auseinandersetzungen endlich der Weltkrieg entzündet, der den Zusammenbruch der liberal-freihändlerischen Weltwirtschaft herbeiführt und vielleicht den Anfang vom Ende des Imperialismus überhaupt bedeutet, indem er ihm einen neuen furchtbaren Gegner erweckt. Denn in dem Jahrhundert von Napoleons I. Sturz bis zum Ausbruch des Weltkrieges sind an den nationalen, sozialen und imperialistischen Bewegungen die afrikanischen und asiatischen Völker — von den Japanern abgesehen — nur leidend beteiligt, nämlich als Objekte imperialistischer Begehrlichkeit. -Das ändert sich mit dem Weltkrieg, der durch die Bewaffnung der asiatischen und afrikanischen Hilfsvölker deren technische Modernisierung einleitet, während die Verheißung des „Selbstbestimmungsrechts der Völker" auch das Nationalbe- ' wußtsein dieser Erdteile wachrüttelt. Da der Friede aber im Gegensatz-zu diesen Versprechungen durchaus im Geist der alten Imperialismen geschlossen wird, fordert die durch ihn aufgerichtete Ordnung nicht nur die Gegnerschaft der Besiegten heraus, sondern auch die Gegnerschaft jener den Siegern-verbündeten Völker, deren nationale Erwartungen enttäuscht worden, sind. So stehen einander gegenüber die Gruppe -der Völker, die den andern ihr Selbstbestimmungsrecht vorenthalten, und die Gruppe derer, denen es vorenthalten wird, während eine dritte Mächtegruppe sich von beiden Lagern fernhält. Während also bis zum Weltkrieg die Imperialismen nur miteinander zu ringen hatten und sich über noch so berechtigte nationale Bedürfnisse der von ihnen zu Interessengebieten erklärten Länder bedenkenlos hinwegsetzen konnten, sehen sie sich jetzt durch den neuen Nationalismus der ungesättigten Völker sogar in die Verteidigung gedrängt. Und mit der nationalen Frage tritt auch die soziale Frage in allen bisher von ihr unberührten Erdteilen ins politische Bewußtsein der: Völker. Die methodische Behandlung dieses Zeitalters wird sich in vielem an das bisher geübte Verfahren anschließen; nur wenige Hinzufügungen tun not, an anderen Stellen Kürzungen und überall eine gewisse Akzentverlagerung. 1848 ist für uns nicht mehr in erster Linie das Jahr der deutschen Revolution, sondern vor allem der Beginn des mehr als zwanzigjährigen außenpolitischen Ringens zwischen Napoleon III. und Bismarck. Die Jahre 1854—1858 bringen nicht nur den .Krimkrieg, sondern auch die Entscheidung über das Schicksal der „Drei Mächte" in Ost- und Südasien: in Japan den Beginn der Europäisierung unter dem Druck eines amerikanischen Flottenbesuchs, während in China der Taiping-Aufstand wütet (der freilich 15 Jahre dauert) und in Indien der Großmogul endgültig beseitigt und die Herrschaft durch defl englischen Staat formell übernommen wird. Ein anderes Entscheidungsjahr ist. 1867, das nicht nur wichtige Fortschritte in der Neuordnung der deutschen Verhältnisse bringt: den Norddeutschen Bund, das Abkommen Bismarcks mit den süddeutschen Staaten und die Verkündung der österreichisch-ungarischen „Doppelmonarchie", sondern auch die Erneuerung Japans aus eigener Kraft (Abschaffung des Shogunats) und die Erstarkung der Vereinigten Staaten von Nordamerika nach dem Ende des Bürgerkrieges, die sich sofort in dem Verkauf Alaskas seitens der Russen und in der Durchsetzung derMonroe-Doktrin gegenüber dem französischen Eingreifen in Mexiko äußert („Maximilian und Juarez"). — Dem Ringen der imperialistischen Mächte um die Teilung der Erde, wie es z. B. im Berliner Kongreß von 1878 oder in der Kongo-Konferenz von 1884/85 zum Ausdruck kommt, stellen wir die Bewegung des Mahdi im Sudan gegenüber, um zu zeigen, wie sich schon jetzt auch in Afrika das Selbstbewußtsein der islamischen Völker regt, freilich diesmal noch im Gewand einer messianischen Bewegung —■ ein unsern Schülern desto leichter verständlicher Vorgang. Das Ende dieser Bewegung (1898) führt uns unmittelbar auf den Streit um Faschoda und auf den Versuch einer englisch-deutschen Annäherung, nach dessen Scheitern wir die weitgespannten Fäden der Einkreisung Deutschlands über den ganzen Erdball hin verfolgen können. Damit liegt der Weg bis zum Ausbruch des Weltkrieges ziemlich fest. Bei der Behandlung der kriegerischen Ereignisse selbst wird der Lehrer eine knappe Auswahl treffen, doch sollte er (vor allem in Knabenklassen) auf keinen Fall versäumen, Lawrences „Aufstand in der Wüste" in irgendeiner Form zu verwenden. Bedeutsamer als die kriegerischen Handlungen sind aber für uns die politischen Folgen des Krieges und des ungerechten Friedens, für deren Veranschaulichung uns ja eine Fülle von Material zur Verfügung steht. Wenn wir dann auf den Siegeszug des Nachkriegsnationalismus zu sprechen kommen und auf die cäsarische Herrschaftsform, in der er sich durchzusetzen pflegt, beschränken wir uns nicht auf die europäischen Verhältnisse allein, sondern behandeln auch die chinesische und die indische Erneuerungsbewegung und vor allem die ans Wunderbare grenzenden Vorgänge in der islamischen Welt: die Trennung von Staat und Kirche im Islam durch die Abschaffung des Khalifats und andere Maßnahmen der türkischen Staatsführung, die Auferstehung und Gesundung der drei „kranken Männer": Türkei, Persien und Aegypten — und schließlich das für unsere Schüler Bedeutsamste: die arabische Nationalbewegung. — Ueber diesen außenpolitischen Themen darf unser Unterricht aber auch die innere Entwicklung nicht vernachlässigen, vor allem die Entwicklung, der sozialen Frage. Wir besprechen Bismarcks Sozialgesetzgebung und ihre Vorgeschichte und führen dann dieses Thema bis zur Gegenwart durch, ebenfalls unter Mitberücksichtigung der außerdeutschen Verhältnisse und gestützt auf die Erörterung allgemeinerer wirtschaftlicher Fragen. — (Forlsetzung folgt.) Vom Wald in Palästina (Eine Stunde Peel-Bericht in der Oberstufe) Der unter dem Namen „Peel-Bericht" schon volkstümlich gewordene „Bericht über Palästina, erstattet durch die britische Königliche Palästina-Kommission unter dem Vorsitz vou; Earl Peel" gehört zu den wichtigsten Dokumenten unserer