Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825394-2825395--1264-2826946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Jüdische S chulzeitung Nummer 1 Verstärkung der innereuropäischen Gegensätze verweist diese Völker auf die Politik der außereuropäischen Ausdehnung, und so steigen denn im gleichen Zeitraum die westlichen und östlichen Rand Völker Europas schnell zu Weltmächten auf, während Deutschland und Italien, die Kernräume des mittelalterlichen Reiches —ausgeblutet im Kampf um die Einheit des Abendlandes und schließlich unterlegen — für Jahrhunderte die politische Führung an jene glücklicheren Völker abgeben, die schon geraume Zeit auf Kosten der abendländischen Gesamtheit an der Aufrichtung ihrer nationalen Einheit arbeiten konnten. Mit diesem politischen Geschehen verbinden sich nun die Entwicklungen auf geistigem und auf wirtschaftlichem Gebiet. Die geistige Entwicklung beginnt mit der .Reformation, die durch immer weiter getriebene bekenntnismäßige Sonderung auch die politische Sonderung der Völker auf das wirksamste unterstützt1— treten doch auch sonst nationale Bewegungen in diesem Zeitalter nicht selten in religiöser Gewandung auf, so die Erneuerung des Perserreichs (1505) als schiitische Reformation, die ukrainischen Kosakenauf stände (1648—1654) als Verteidigung des griechischen Bekenntnisses und die ersten tastenden Versuche zur Wiederaufrichtung der Judenheit als messianische Bewegungen —; und von der Reformation führt der Weg zur englischen Aufklärung, die auf dem europäischen Festland den Sieg des Absolutismus vorbereiten hilft, während sie andererseits auch der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Revolution ihr geistiges Rüstzeug liefert. — Die wirtschaftliche Entwicklung ist bestimmt durch den schnellen Aufstieg der städtischen Handels-' herren und das Absinken der Stände, die von der Landwirtschaft leben: des Bauerntums und des Adels. Besonders der Niedergang der bisher einflußreichsten Schicht: des Adels, der nunmehr vom Bürgertum eingeholt, ja überflügelt wird, kommt zunächst der Aufrichtung der absoluten Fürstengewalt zugute, die aus dem Gleichgewicht von Bürgertum und Adel Nutzen zieht. Im übrigen wird die Art, in der die einzelnen Staaten die hiermit entstehende „Adelsfrage" lösen, mitentr scheidend für ihre weitere Entwicklung. Positive Lösungen sehen wir in England und Preußen: in England, wo aus der Legierung des niederen Adels mit dem aufstrebenden Bürgertum die neue herrschende Schicht der gentry hervorgeht, ein Adel von Geld und Geburt, der alte Tradition mit frischem Unternehmungsgeist aufs glücklichste zu vereinen weiß und der politisch zürn Träger des klassischen englischen Parlamentarismus wird; in Preußen, wo die Könige den Adel zu verantwortlichem Dienst in Heer und Verwaltung erziehen und ihm damit eine ganz neue Standesehre geben. Keine Lösung finden Frankreich und Polen: Frankreich, wo der König den Adel durch Pfründen und Gnadengehälter aushält; Polen, wo sich der Adel nicht einmal vom König, sondern vom Ausland bezahlen läßt, soweit er nicht (meist durch Vermittlung jüdischer Pächter und Steuereinnehmer) die Mittel für seinen Unterhalt aus dem Bauerntum zieht. Dem allem entspricht der Aufstieg Englands zur Weltmacht, Preußens zur Großmacht, während Frankreichs Weg in dieser Zeit durch ständige Krisen (über die auch Ludwigs XIV. äußere Machtstellung nicht täuschen darf) zur Zerrüttung und Revolution führt und Polens Weg von der Vorherrschaft in Osteuropa (unter den Jagelionen) sogar bis zum Verlust der staatlichen Selbständigkeit. — Aber die wirtschaftliche Entwicklung beeinflußt nicht nur die politische und die geistige, sie wird auch von beiden beeinflußt, und eine Gestalt wie Colbert zeigt deutlich, wie das Gedankengut der Aufklärung (im weiteren Sinne) es einem Staatsmann ermöglicht, die Wirtschaft mit wissenschaftlicher Klarheit und Planmäßigkeit in den Dienst politischer Ziele zu stellen. Die methodische Bewältigung dieser so verwirrend vielseitigen Geschehnisse wird uns erleichtert durch das Vorhandensein einer Reihe besonders markanter Jahreszahlen, an die wir weltgeschichtliche Querschnitte anknüpfen können. Halten wir uns an folgende kurze Uebersicht: 1581/88 Unabhängigkeitserklärung der Utrechter Union (Holland usw.) Vernichtung der spanischen Armada durch die Engländer.. Rückblick auf die Reformation in Deutschland, Holland, England und auf den Freiheitskampf der Niederlande. Rußland,"seit hundert Jahren von der Tatarenherrschaft frei, beginnt Sibirien zu erobern. 1648/49 Westfälischer Friede. Cromwell macht aus England eine Republik. Rußland vollendet die Eroberung Sibiriens. Aufstand der Ukrainer und Kosaken „gegen Polen und Juden". Erster Vorstoß des Sabbatai Zewi. 1688/89 Todesjahr des Großen Kurfürsten, Wilhelm III. von Oranien besteigt den englischen Thron (Beginn der; Niederringung Ludwigs XIV. von Frankreich). Peter der Große besteigt den russischen Thron. 1756/63 Siebenjähriger Krieg: Friedrich der Große und Maria Theresia; Frankreich verliert die amerikanischen und indischen Besitzungen an England. 1789 Washington wird erster Präsident der Vereinigten Staaten; Rückblick auf den amerikanischen Freiheitskampf. Beginn der französischen Revolution. Wir können also vom Mittel des weltgeschichtlichen Querschnittes reichlich Gebrauch machen, und auch an den — nach unserm oben erläuterten Verfahren — dazugehörenden „Brennpunkten des Weltbewußtseins" haben wir reiche Auswahl: Rom, Amsterdam, Paris, London, Berlin und Petersburg lassen sich in bunter Folge für unsern methodischen Zweck verwenden. Natürlich läßt sich nicht der gesamte Lehrstoff in weltgeschichtliche Querschnitte auflösen, wie ja überhaupt Eintönigkeit der methodischen Mittel der Wirkung des Unterrichts Abbruch tut Gestalten wie' Luther, Reubeni, Ludwig XiV. und Prin? lugen, Napoleon I. und Freiherr vom Stein, Vorgänge wi< ie Entstehung des russisch-österreichischen Gegensatzes, e Zurückdrängung der amerikanischen Indianer, die chassidische Bewegung, die Verkündung der Monroe-Doktrin und ihre Vorgeschichte erfordern eine gesonderte Behandlung. Das Wesen der englischen gentry erläutern wir am Aufr:>g der Familie Pitt, die Stellung des preußischen Adels zei i wir an der Tragödie Kattes. Wie wir auch dä, wo uns das Mittel des weltgeschichtlichen Querschnittes nicht zur Verfügung steht, methodisch Ordnung in das bunte Gewirr der Erscheinungen bringen^ sei an einem Beispiel gezeigt: dem Bild, mit dem wir den Lehrstoff der 2. Klasse einleiten. Wir beginnen mit Reubeni in Rom. Wir schildern, wie er, der jüdische Renaissancemensch, der Politiker, in dem Renaissance-Rom auf Verständnis trifft. Ohne uns auf kunstgeschichtliche Abschweifungen einzulassen, zeigen wir Bilder und geben, dadurch eine Vorstellung von diesem Rom und seinen Päpsten, die die Welt mittelalterlicher Religiosität schon weit hinter sich gelassen haben. Aber der Gegenschlag der religiösen Kräfte läßt nicht auf sich warten: Reubeni findet in Portugal den Molcho, und der messianische Prophet wird dem messianischen Politiker zum Verhängnis. Rom aber findet — Luther. Die Schüler begreifen, wie gerade Deutschland unter dem Zusammenbruch des Mittelalters am schwersten litt, wir zeigen ihnen an einer Preisstatistik, daß es auch von den neuerschlossenen amerikanischen, und indischen Reichtümern nur die damit verbundene Teuerung zu spüren bekam. Wir behandeln die Bauernbewegungen; im übrigen übergehen wir die einzelnen Entwicklungsphasen der deutschen Reformation und teilen nur ihr Ergebnis mit: die Entmachtung des habsburgischen Kaisertums zugunsten der deutschen Landesherren. Der Welt kämpf der Habsburger gegen die Reformation führt uns dann auf die Niederlage Spaniens im Ringen mit den Niederlanden und England. Soviel von der 2. Klasse. Der Lehrstoff der 1. Klasse „Vom Beginn des Maschinenzeitalters bis zur Gegenwart" bietet, wie mir scheint, der unterrichtlichen Bewältigung geringere Schwierigkeiten als der. der 2. Klasse, wenn — er durch den Unterricht der vorangehenden Klassen zielbewußt vorbereitet