Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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J4. lahrgang Verlagsort; Mannheim 2 Nummer J Jüdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am i. eines jeden Monats. Postbezugspreis; 0.75 pro Quartal. Mannheim, den 1. Januar 1938 Drude und Verlag- Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh, Redakteur: Dr.SiegfriedBföun KöU-Süh, UukeierstraBe 17 Zur Neuordnung des Geschichtsunterrichts an jüdischen Schulen von Wilhelm Speyer, fitiher Berlin (Fortsetzuno) Soviel von der Auswahl und Anordnung des Stoffs der ■X Klasse; für die unter rieh fliehe Verarbeitung; stehen uns natürlich alle methodischen Hilfsmittel zur Verfügung, die wir auch bisher im Geschichtsunterricht anzuwenden pflegten und die hier nicht noch einmal aufgezählt zu werden brai.icJ.ten. Besondere methodische Möglichkeiten bieten sich, für d'e Lösung der Aufgabe, die nahe Verwandtschaft zwischen Juden und Arabern anschaulich zu machen. Die Schüler brauchen noch nicht einmal viel Hebräisch zu können, urn zu Wörtern wie Ii — Gott, Islam Friede (durch Hingabe an Gott), Salarn — Friede, nabi —- Prophet, ihn — Sohn, abu -~ Vater, Ahd-er-^achmän. - Knecht des Erbarmers, die verwandten hebräischen Wörter zu finden. Die Behandlung islamischer Glaubenssatze, ■ beginnend mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis, das in seiner ersten Hallte („kein Gott außer d e 111 Gott") fast wörtlich mit dem jüdischen übereinstimmt, festigt die Erkenntnis, daß das Judentum dem Ishtm viel näher steht als dem Christentum. So mag in den Schülern auch die Hoffnung wachsen, daß in einer nahen Zukunft Araber und Juden wieder so friedlich miteinander werden leben können, wie sie es in einer für beide großen Vergangenheit schon einmal getan haben.' Für den hier beschriebenen 'Unterrichtsgang der 4. und 3. Klasse lagen eigene Unterrichtserfahrungen vor; sie mußten unvollkommen sein angesichts der Kürze der für praktische Erprobimg zur Verfügung stehenden Zeit, aber heute, wo alles im Fluß ist und wir keine Zeit haben, neue Pläne langsam ausreifen zu lassen, ist es gerechtfertigt, auch unvollkommene Wahrungen auszutauschen. Für die 2. und 1, Klasse habe ich einen Unterrichtsgang: nach den neuen Grundsätzen noch nicht durchgeführt; und mag sich der Lehrer seinen Jahres plan noch so sorgfältig ausarbeiten — das Unterrichts er geh nis entspringt doch immer erst der Wechselwirkung zwischen ihm und der Klasse, und damit erst hat er für die Berichtigung seines ursprünglichen Entwurfs wirklich festen Boden unter den Füßen. Obwohl mir also diese Voraussetzungen für die 2, und 1. Klasse fehlen, will ich doch den Unterrichtsgang für diese beiden Klassen wenigstens ganz roh skizzieren, damit nicht der gesamte Entwurf ein Torso bleibt. ............ Am Anfang unserer lieber legung en haben war u. a. davon gesprochen, daß wir im Geschichtsunterricht der jüdischen Schule die psychologische Forderung, den Gesichtskreis des Kindes Schritt für Schritt konzentrisch zu erweitern, nicht mehr erfüllen können, weil ein selbstverständlicher Mittelpunkt, von dem aus sie Geschichte anzusehen haben, gerade imsern Schülern heute fehle. Wir dürfen aber von unserm hier dargestellten Entwurf sagen, daß er jener Forderung wenig» stens in einem übertragenen und bescheideneren Sinn entspricht. Zur Einführung in die Geschichte gingen wir vom Biblischer], aus, das für das Kind ein heimatlicher Bezirk ist, und stellten dem jüdischen Volk die bedeutenden Völker des Altertums, mit denen es Berührung gehabt hat, nacheinander gegenüber. Da in diesem Zeitalter das jüdische Volk, selbständig war, lag in diesem Verfahren nichts Geschichts widrig es, und so konnten wir auf eine einfache Weise die Vorstellungen ..Umwelt'" und ,AVeit überhaupt" im Kinde wachrufen. Mit der 3. Klasse begann die dem Kinde schwer verständliche Geschichte der Juden in der Zerstreuung: die Jitdenheit als Ganzes greift nicht mehr handelnd in das Geschehen ein; ihr Schicksal ist nun ganz in die Weltgeschichte eingebettet. Die Vorstellung des Kindes von der Weil wird in dieser Klasse geographisch sehr erweitert (außerhalb der Betrachtung bleiben eigentlich nur die fernöstlichen und die amerikanischen Hoch kulturell, zu denen aber auch die letzten Bilder bereits überleiten); vor allein aber wird die VorstoUung von der Welt geistig vertieft durch die antithetische Dar Stellung von Morgenland und Abendland, durch die die Umwelt der Judenheit als ein großes Kraftfeld zwischen Pol und Gegenpol sichtbar gern acht wird, Dafür muß manches in'den Hintergrund treten oder ganz wegfallen, worauf jeder Lehrer, der die mittelalterliche deutsche Geschichte liebgewonnen hat, nur sehr schweren Herzens verzichten, wird, so Konrad 11. und Herzog Ernst, Heinrich IV. und Heinrich V. oder Barbarossas Gegenspieler Heinrich der Löwe, und von dem Kampf zwischen Kaiser L.nid Fürsten oder von der Kolonisierung der osteibischen und der baltischen Gebiete können wir nicht viel mehr als die F r g e bnis s e mit t e i 1 en. Mit dem Fintritt in die 2. Klasse erweitern wir nun die Vorstellung des Schülers von der Welt zum zweiten und letzten Mal; denn jetzt gibt es keinen Teil der Erde, den wir ganz im berück sieht igt lassen können. 'Reim U ebergang von der A zur L KUs.W' erfolgt in dieser Hinsicht kein neuer Schritt, mehr. Die frühere Benennung des Lehrstoffs der 2. Klasse „Vom Zeitalter der Religionskämpfe bis zum Sturz Napoleons IA ersetzen wir durch die unserer Betrachtungsart angemessenere „Vom Aufstieg Englands und Rußlands zu Weltmächten bis zur Los!ö:sung der Neuen Welt von Europa'1. Freilich sind wir uns darüber klar, daß durch diese Umbenennimg z, B. die Gestalt Napoleons nichts von ihrer überragenden Bedeutung für uns einbüßt, und geben uns auch nicht der Täuschung hin, daß das so schwer durch sc hau bare innere deftige dieser drei Jahrhunderte jetzt auf einmal mühelos durchleuchtet werden, könnte. Hat doch beinahe jeder Vorgang in diesem Geschichtsabschnitt ein doppeltes Gesicht. Aber gerade deshalb muß sich der Lehrer zuallererst fragen, was denn Wesentliches hinter der Vielfalt der Erscheinungen in diesem Zeitalter steht. Sein innerer Gehalt und zugleich sein Uebergangscharakter prägt sich am deutlichsten darin aus, daß die europäischen Völker, die sich schon im späteren Mittelalter aus der großen Gemeinschaft der abendländischen Christenheit loszuringen begannen, nunmehr die entscheidenden Schritte auf dem W<jg der nationalen Sonderung und Verselbständigung tun — doch überwiegend, ohne den Begriff der Nation selbst in ihr Bewußtsein aufzunehmen; die aus der Sonderung sich ergebende