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Jüdische Schulzeitung · 1937-10-01 · 10 (1.10.1937) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
10 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdiseile Schulzeitung Nummer'IQ* hatten, daß er ja dem Geschichtsunterricht ganz allgemein nur bei den Völkern zugute kommt, die eben an den weltgeschichtlichen Entscheidungen selbst tragend beteiligt waren. Das „Grundübel", von dem unsere Ueberlegungen auszugehen haben, ist jedenfalls -die Unverbundenheit, mit der heute der Unterricht in jüdischer und der Unterricht in allgemeiner Geschichte nebeneinander herlaufen. Täuschen wir uns. doch nicht darüber: Wenn der Lehrer A, der "das Fach a gibt, die Stunde schließt, dann schließt auch der Schüler sorgfältig die für das Fach a bestimmte „Schublade" seines kleinen Ge-' hirns, und wenn nachher der Lehrer B die Klasse betritt, um das Fach b zu unterrichten, so öffnet sich im Hirn des Schülers eine andere Schublade, in der eben die auf dem Gebiet b erworbenen Kenntnisse Platz finden sollen. Eine Synthese beider Geschichtsverläufe, wenn sie getrennt dargeboten werden, fällt schon dem erwachsenen Laien schwer, und vom Kinde darf man sie demnach ganz gewiß nicht erwarten. Im Gegenteil isc damit zu rechnen, daß das etwa aufkeimende Geschichtsverständnis durch das Nebeneinander der beiden Geschichtsfächer wieder zerstört wird. Aus diesen Gründen ist ein Teil der Geschichtslehrer selbst für eine Verschmelzung beider Fächer eingetreten; oder es wird aus bestimmten Erwägungen heraus als praktisch gleichwertige Lösung, die Vereinigung beider Fächer in der Hand eines Lehrers empfohlen. Diese Lösung mag für den Unterrieht der höheren Schulen im großen und ganzen ausreichen; für die Volksschule ist sie ein gänzlich unzulänglicher Behelf. Denn im Volksschul- . lehrplan umfaßt der „allgemeine" Geschichtsunterricht nur die deutsche Geschichte, während an der jüdischen Geschichte außer dem Mitteleuropa der nachchristlichen Zeit noch ganz andere Zeiten und Räume wesentlich beteiligt sind. Man wird also mindestens für unsere Volksschule inabsehbarer Zeit eine amtliche Lehrplanänderung von der Behörde erbitten müssen. — Abgesehen davon aber ist es weder für die Volksschule noch für die höhere Schule einfach damit getan, daß man da, wo es sachlich möglich ist,' den Verlauf der allgemeinen und den Verlauf der jüdischen Geschichte im Unterricht zeitlich und räumlich aufeinander abstimmt. Einen Gesichtspunkt für die unterrichtliche Verknüpfung beider Geschichtsverläufe gewinnt man, wenn man — einer Anregung von Dr. Lotte Barschak (Berlin)*) folgend — in der jüdischen Geschichte den Gegensatz betont zwischen dem politischrechtlichen und wirtschaftlich-sozialen Lebensbezirk, in dem das Judentum der Zerstreuung der jeweiligen Umwelt völlig passiv und empfangend gegenüberstand, und der geistigreligiösen Sphäre, in der .es sich aktiv und gestaltend von der Umwelt zu lösen vermochte, — und man erhält darüber hinaus methodische Möglichkeiten von hohem praktischem Wert, so daß man sich gewiß über das etwa auftauchende Bedenken hinwegsetzen darf, daß diese Gegenüberstellung dem geschichtlichen Gehalt nicht durchweg gerecht wird. Und dennoch: Der Wert derartiger methodischer Anregungen, die wir stets dankbar aufnehmen, wird nicht verkleinert, wenn wir sagen, daß es uns noch auf etwas anderes ankommt: auf die Aufstellung eines den äußeren Bedürfnissen und der seelischen Lage unserer Schüler angemesenen „Bauplans" für die Neuordnung des Geschichtsunterrichts an unseren Schulen. Sind wir uns über die Grundgedanken. dieses Bauplanes im klaren, so werden Auswahl, Anordnung und Verteilung des Stoffes danach eingerichtet — nicht umgekehrt; d. h.: es kommt uns"nicht zu, unsern Plänen Vermutungen über die künftige Stellungnahme der vorgesetzten Behörde zugrunde zu legen. Die Pläne haben wir aufzustellen, wie es uns für die jüdische Schule in Deutschland sinnvoll zu sein scheint. Wenn es so' weit ist, daß die Pläne der Behörde vorgelegt werden können, so wird die Behörde die Pläne billigen oder ablehnen oder Abänderungen anordnen. Für einen solchen Bauplan bieten sich uns sofort zwei *) Jüdische Schulzeitung Nr. 10, Jahrgang 1936. ■• Möglichkeiten dar, die beide für sich ins Feld führen Löhnen, daß sie vom Judentum ausgehend an die Geschichte her- , antreten. Die eine läßt den darzubietenden Stoff auch der all-' gemeinen Geschichte im ganzen unverändert, unterwirft ihn ' aber einer einheitlich wertenden' Betrachtung; Wertmaßstab ist dabei für Lehrer und Schüler die biblische Ethik. Bei aller Ehrfurcht vor Martin Buber, der diesen Gedanken zur Erörterung gestellt hat, müssen wir den'Vorschlag, im Geschichtsunterricht künftig einheitlich wertend und zwar bibelgemäß' wertend zu verfahren, von vornherein ausscheiden, da er mit den Notwendigkeiten-des elementaren Geschichtsunterricht^ wie wir ihn nun einmal zu geben haben, unvereinbar ist. — Die andere — auf den ersten Blick vielleicht noch näherliegende — Möglichkeit besteht darin, künftig den Gang des jüdischen Volkes durch die Zeiten einfach zum Mittelpunkt un-. serer Geschichtsbetrachtung zu machen, so wie eben in öffentlichen Schulen das Schicksal des deutschen Volkes im Mittelpunkt" des% Geschichtsunterrichts steht. Allein: so natürlich dieser Vorschlag zunächst klingen, mag — er verfehlt völlig das eine Zieldes Geschichtsunterrichts: die Schulung des „Augenmaßes für die Größenordnung geschichtlicher Vorgänge". Dem Schüler würde die grundlegende Erkenntnis entgehen, daß .fast stets .nur Großvölker als handelnde Personen im Drama der Geschichte auftreten, er würde ein Kleinvolk und sein Ausnahmeschicksal als Regel ansehen und versuchen, das Weltgeschehen daran zu messen; das aber hieße ihn zu Geschichtsverneinung erziehen. Wir können der Folgerung nicht ausweichen, daß der Jude sich genau so zur Geschichte einzustellen hat, wie jedes Kleinvolk sich zur Geschichte ein- , stellt: nämlich er hat sich für jeden Zeitraum der eigenen Vergangenheit (und natürlich auch für die Gegenwart) die geschichtlich aktiven Mächte der Umwelt und" die Gesetze ihres Handelns klarzumachen und aus dieser Umwelt das Schicksal des eigenen Volkes zu begreifen. Finden wir uns damit ab, daß wir der Judenfrage nur näher kommen, wenn wir sie von außen einengen; dann wird die Einzigartigkeit im Schicksal des jüdischen Volkes eindrucksvoller sichtbar werden als bei jeder noch so wohlgemeinten „judäozentrischen" Geschichtsbetrachtung. ■. ' : ' : ' 1 < - Es bleibt also dabei, daß wir die Geschichte der U m - weit zu lehren haben und den Schüler erst von da aus an die jüdische Geschichte heranführen können. Aber durch diese Feststellung wird nur eine bestimmte Fehllösung ausgeschaltet, kein neuer Weg gewiesen. Alles spitzt sich jetzt zu auf. die Frage: welche Umwelt haben wir denn zum Gegenstand unseres Geschichtsunterrichts zu machen, wenn unser, neuer „Bauplan" den „äußeren Bedürfnissen und der seelischen Lage unserer Schüler angemessen" sein soll und wenn für unsere Schüler zu den äußeren, und inneren Erfordernissen die Aneignung „lebendiger geschichtlicher Erkenntnisse" gehört? Welchen Schicksalen gehen denn die Jungen und Mädchen entgegen, die wir zu betreuen haben? Sie werden in Palästina oder in Uebersee versuchen, ihre Zukunft zu gestalten. Der . Geschichtslehrer, der sich das Ziel setzt, allen seinen Schülern das Zurechtfinden. in ihrer jetzigen und künftigen Umwelt zu erleichtern, muß. sich dazu entschließen, im umfassendsten und * grundsätzlichsten Sinne W eltgeschichte zu lehren. Dieser Entschluß bedeutet nun aber nicht, daß er die Geschichte aller Völker, oder auch nur aller Großvölker als gleichberechtigt. nebeneinander stellen solle; das wäre nicht nur methodisch unausführbar, sondern wenn es ein Hexenmeister der Methodik möglich machen könnte, ohne bildenden -Wert und damit sinnlos. Vielmehr steht und fällt unser „Bauplan" mit der Anerkennung dreier Grundsätze, von denen der eine die Auswahl,-die zwei anderen die unterrichtliche Verarbeitung des geschichtlichen Lehrstoffes bestimmen. Unser Auswahlgrundsatz lautet: Für jeden Zeitraum heben wir aus der unübersehbaren Fülle des Geschehens diejenigen weltgeschichtlichen Spannungen heraus, die für die Entwicklung des Judentums wirksam gewesen sind, an denen es mitgestaltend oder empfangend Anteil gehabt hat. Die Völ-

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