Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1937-10-01 · 10 (1.10.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
10 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2825247-2825381-2825391--1235-2826915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

l13. lahrgdng Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 10 dische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichs Verbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) •Die Yilüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats 'Postbezugspreis: 0.75 pro Quartal. Mannheim, den i. Oktober 1937 Druck und Verlag Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Redakteur: Dr. Siegfried Braun K ö l n-S ü lz, Unkelerstraße 17 Zur Neuordnung des Geschichtsunterrichts an jüdischen Schulen von Wilhelm Speyer, früher Berlin Wer zur Neuordnung des Geschichtsunterrichts an jüdischen Schulen, Stellung nehmen will, bedarf zuvörderst der Klarheit über zwei allgemeinere Fragen: ■•', Welchen bildenden Wert hat für den (jüdischen) Erwachsenen die Beschäftigung mit der Geschichte? '. - Und: wieweit kann und soll die Schule den Heranwachsenden auf dem Weg zu diesem Bildungsziel führen? Zuerst also: was „lernt" der Erwachsene „aus der Geschichte?" Erkenrttnismäßig gewinnt er Abstand zum „Jetzt und Hier" und dadurch das Augenmaß für die Größenordnung geschichtlicher Vorgänge, das Augenmaß für geistige, machtpolitische und wirtschaftliche Größenverhältnisse in Vergangenheit und Gegenwart. Und bekenntnismäßig — wird ihm die Gewißheit zuteil, daß das geschichtliche Werden, nicht der .Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart und Zukunft angehört, daß der Mensch, wenn er nur den rechten Ansatzpunkt für sein Wirken findet, auch ein scheinbar übermächtiges Schicksal zu meistern vermag, und daß somit die Menschen selbst dafür verantwortlich sind, wenn die Welt im Zustand der Zerrüttung verharrt. ■ ( Diese Art, Geschichte anzusehen, wollen wir die messianische Haltung nennen, um dadurch gleich am Anfang unserer Ueberlegungen hervorzuheben, daß gerade solche Geschichtsbetrachtung nicht vom Judentum wegführt, sondern seinen sittlichen Gesetzen im tiefsten entspricht. Wendet sich also der jüdische Mensch von dieser Seite her gewiß gern der Geschichte zu, so wird ihm doch das Verständnis der Geschichte im allgemeinen durchaus nicht leicht, denn ihm fehlt oft in auffallender Weise jenes Augenmaß für die Größenordnung geschichtlicher Vorgänge, ohne das man sich schließlich auch in der gegenwärtigen Welt nicht zurechtfinden kann. Auch diese Erkenntnis unserer selbst dürfen wir nicht unterdrücken, vielmehr haben wir gerade als Juden dieser nüchterneren Seite der Geschichtserkenntnis doppelte Aufmerksamkeit zuzuwenden. — Um diese letzten Ziele der Beschäftigung mit der Geschichte muß man wissen, wenn sie auch den Knaben und Mädchen, mit denen wir Lehrer es zu tun haben, noch nicht zugänglich sind. Aus diesem Grund« scheinen sie allerdings als Leitgedanken für den Geschichtsunterricht wenig Bedeutung zii haben. Daß dem in Wirklichkeit nicht so ist, werden wir weiter unten sehen; hier,haben wir zunächst die bescheideneren Aufgaben des Geschichtsunterrichts — die Unterrichtsziele im engeren Sinn — abzugrenzen. Von der kindlichen Einstellung des Schulanfängers, der in der Vergangenheit nicht unterscheidet zwischen dem, was gestern, was vorige Woche, vor einem Jahr, in Großvaters Jugend oder vor vielen hundert Jahren war, ist es ein sehr weiter Weg bis zum wirklichen Geschichtsverständnis, das sich meist erst um das' zwanzigste Lebensjahr herum bildet — also allenfalls auf der obersten Stufe der höheren Schule umdi jedenfalls nicht während des Volksschulalters. Wir trennen also nach Schularten und Stufen: 1. Die Unterrichtsziele der Volksschule: Der Unterricht hat dem Schüler lebendige geschichtliche Kenntnisse zu übermitteln. Und: er hat den geschichtlichen Zeitsinn des Schülers zu wecken, d. h. der Schüler soll in der Volksschule so weit gefördert werden!, daß er zum „Jetzt und Hier" Abstand zu nehmenbeginnt. 2. Die Unterrichtsziele der höheren Schule:- a. der erste Lehrgang (Unter- und Mittelklassen) soH den Schüler von dem ersten Erwachen seines geschichtlichen Zeitsinnes ebenfalls zur Aneignung lebendiger geschichtlicher Kenntnisse führen und schließlich zum Erfassen eines begrenzten Sinnzusammenhangs geschichtlicher Ereignisse. b. der zweite Lehrgang (Oberstufe), der den Stoff des ersten wiederholt, soll darüber hinaus zum Erfassen, der großen Linien der geschichtlichen Entwicklung vordringen. Bemerkt sei hier: Das 9. und 10. Schuljahr der Volksschule entsprechen nicht in der Stoffauswahl, wohl aber im Unterrichtsziel dem ersten Lehrgang der höheren Schule. Die bislang besprochenen Aufgaben und die Methoden zu ihrer Bewältigung könnte die jüdische Schule im wesentlichen mit jeder nichtjüdischen gemeinsam haben. Hinzu treten, aber für unsern Geschichtsunterricht noch besondere Aufgaben, die nur der jüdischen Schule eigen sind; sie vor allem sollen hier erörtert werden — mit ständigem Blick freilich auf jene allgemeineren Unterrichtsgrundsätze, die wir nirgends verleugnen dürfen. Die jüdische Schule von heute betrachtet die Vergangenheit des Judentums nicht mehr ausschließlich im Hinblick auf das Religiöse, sondern sucht alle Lebensäußerungen des israelitischen und jüdischen Volkes in ihren Gesichtskreis einzubeziehen, so daß unsere Schüler es gar nicht mit dem Fach Geschichte zu tun haben, sondern mit zwei Fächern: der allgemeinen und der jüdischen Geschichte. Darin aber liegt die schädlichste — auf die Dauer unerträgliche — Belastung, die dem geschichtlichen Fassungsvermögen von Kindern oder Heranwachsenden überhaupt zugemutet werden kann. Dieses Grundübel ist verbunden mit einer anderen Beeinträchtigung, die unserm Unterricht aus der Seelenlage unserer heutigen Schüler erwächst: Die psychologische Forderung, den Gesichtskreis des Kindes Schritt für Schritt konzentrisch zu erweitern, die z. *B. im Erdkundeunterricht auch der jüdischen Schule im wesentlichen leitender Grundsatz bleiben konnte, läßt sich im Geschichtsunterricht der jüdischen Schule nicht mehr aufrecht erhalten, da ein selbstverständlicher Mittelpunkt, von dem aus sie Geschichte anzusehen haben, gerade unsern Schülern heute fehlt. Hier ist uns ein methodischer Vorteil verloren gegangen, den man gewiß nicht leicht zu hoch einschätzt, von dem wir aber vergessen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.