Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 J ü d is ch e Schulzeit u ng Nummer-9 unwirtlichen und harten Bodens, zum Ertragen ungewohnter Temperaturen und tückischer Sumpfkrankheiten und zur Besiegung vielfältiger Widerstände, von deren Beschaffenheit nur vage Vorstellungen vorhanden sind. Aus dieser Sicht heraus fördern wir in der Volksschule mehr als sonst die turnerische und sportliche Betätigung, gewähren wir allen Einrichtungen zur Pflege der Handfertigkeit unsere Unterstützung und suchen wir den Plänen zu Aufbauklassen für die Berufsvorlehre zur Verwirklichung zu verhelfen. Mit besonderem Nachdruck aber bemühen wir uns, die Knaben und Mädchen geistig zur Aus-- Wanderung vorzubereiten durch Einführung des Fremdsprachenunterrichts und der Auswanderungskunde. Wir Lehrer wissen nicht, in welche Länder unsere Schüler einmal übersiedeln werden, und die Kinder wissen es häufig selber nicht. Es ist deshalb schwer, die Frage zu beantworten, welche Fremdsprache gelehrt werden solle. Uns scheint es, es sei zweckmäßig, den Unterricht in Hebräisch und in Englisch als ordentliche Lehrfächer in die Schularbeit "einzufügen, im übrigen es den Eltern und Kindern anheimzustellen, andere Sprachen in privaten Kursen zu erlernen. Die Versuchung liegt nahe, dem Hebräisch-Unterricht eine bevorzugte Stellung einzuräumen, weil er nicht nur einem, praktischen Zweck dient, sondern weil er den Zugang zur Kultur des eine Wiedergeburt erlebenden jüdischen Volkes in Erez Jisrael freilegen hilft. Allein, so sehr, wir wünschen, daß es so sein könnte, so sehr sind wir uns der Grenzen des Möglichen bewußt. In der Völksschule ist kein Raum für zwei Fremdsprachen, und deshalb muß den Eltern die Entscheidung darüber eingeräumt werden,- an welchem Unterricht ihre Kinder teilnehmen sollen, ob am englischen oder am hebräischen. Die Aus Wanderungskunde ist ein Kind unserer Zeit dazu ein Gebiet das aus verständlichen Gründen der Arbeit gerade unserer jüdischen Volkschule zugewachsen ist. Es wartet freilich noch auf eine gründliche methodische Durchdringung. Ihre natürlichsten und ertragreichsten Anknüpfungspunkte findet die Auswanderungskunde in der Geographiestunde; doch liefern auch geschichtliche und biologische Sachverhalte ihr wichtige Bausteine. Leo Baeck hat in einer Rede auf die Horizontweitung hingewiesen, die unsere Kinder erfahren haben. Sie lebten, so meinte er, mit ihren Gedanken nicht mehr im engen Bereich der Heimat allein, sondern in der Weite der Welt schlechthin. Diese tiefe Wahrheit führt uns zu der Erwägung hin, ob es nicht angebracht sei, im geographischen Unterricht die Behandlung der europäischen Länder zugunsten Palästinas und der überseeischen- Welt einzuschränken. Es kann keine Meinungsverschiedenheit darüber herrschen, daß die P_aJläjs t i n aJk u nide aufs gründlichste gepflegt werden muß. Ganz abgesehen davon, daß sich eine erhebliche Anzahl von Knaben und Mädchen einmal wird einfügen dürfen in die große und ans Heiligste unseres Judeseins rührende Bewegung der nationalen Wiedergeburt, sollen auch die jungen Menschen, die in andere Himmelsstriche versetzt werden, seelisch aufs innigste verknüpft bleiben mit dem Kern ihres Volkes, soll sie an keinem Tage ihres .Lebens das Bewußtsein verlassen, jenem Volke anzugehören, das nach tausendjähriger unruh- und leidvoller Wanderschaft sich aufgerafft hat auf eigener Scholle seinem Auftrag zu dienen. In diesem Sinne ist Palästinakunde mehr als ein Teilstück der Ausw_anderungskunde, ist sie., ein. Gesinnungsfach_ von Jhöchstem Range. Das schließt nicht aus, sie einzuordnen auch in den umfassenden Komplex der Auswanderungskunde; denn auch das tägliche Leben in Palästina "mit seinen vielen Anliegen verlangt ein nicht geringes Maß von Kenntnissen, die den Kindern schon hier beigebracht werden können, und die man ihnen nicht vorenthalten sollte, weil ihrer genug der Schwierigkeiten warten, wenn sie den Fuß auf Palästinas Boden setzen. Soweit rein ins Praktische gerichtete Ueberlegungen in Frage stehen, ist die Vertrautheit mit der Länderkunde für Uebersee notwendiger als die mit Palästina. Denn drüben in Amerika und in Afrika oder wo immer fehlt vielfach die volkhaft zusammengefaßte jüdische Gemeinschaft, die die Neuankömmlinge seelisch und wirtschaftlich zu tragen vermöchte. Keinem Kinde in Deutschland ist Erez Jisrael eine Terra incognita; dagegen verschlägt der Zufall Tauseride von jüdischen Menschen in Gebiete, die ihnen nicht' einmal dem Namen nach bekannt sind. Deshalb muß die Volksschule die Materialien durcharbeiten, die ihr heute mehr denn je von der Publizistik zufließen, und die weit mehr auf die Bedürfnisse des Unterrichtes zugeschnitten sind als die Lehrbücher für. Erdkunde, die auf anderen Prinzipien aufgebaut sind. Es sind keine'leicht zu bewältigenden Aufgaben, die hier aufgewiesen werden. Die jüdische Volksschule in ihrer gegenwärtigen Gestalt wird sie nur in einem sehr bescheidenen Ausmaße lösen können. Erst eine tiefgreifende Umwandlung ihres Lehrplanes, die zu erfolgen hätte nach Uebereinkunft mit der Aufsichtsbehörde, gäbe der Lehrerschaft die Möglichkeit- Neuland auf dem Felde der Unterrichtspraxis zu beitreten. So wenig Neigung besteht, auf irgendein Bildüngsgut der vergangenen Geschichtsepoche zu verzichten, so sehr drängt doch die Entwicklung dahin, eine Reihe von Fächern in ihrem stofflichen Umfang und in ihrer zeitlichen 'Beanspruchung einzuschränken, um so Platz zu schaffen für eine intensive Arbeit im Sinne unserer Darlegungen. Unsere Lehrerbildungsanstalten werden es sich angelegen sein lassen, die Studierenden so vorzubereiten, daß sie mit all den Kenntnissen versehen sind, über die die ältere Lehrergeneration durchweg nicht verfügt,, und ohne deren Besitz kein Erzieher seiner Aufgabe gewachsen sein kann. Die Lehrerschaft, die ihre Ausbildung unter andersgearteten - Zielsetzungen erhalten hat, — das darf hier gesagt werden — hat keineswegs die Hände in den Schoß gelegt und ist nicht im altgewohnten Trott durch diese Zeit hindurch geschritten. Sie hat tapfer zugegriffen und neuen Aufgaben gegenüber sich aufgeschlossen gezeigt. Dennoch weiß sie es sehr wohl, daß alles, was ihr der Jugend von heute zu geben möglich ist, gering an Umfang und innerem Gehalt bleiben muß, gemessen an der Fülle von neuartigen Aufgaben, denen die jüdische Volkschule unserer Tage gegenübergestellt ist. Es geht in dieser Zeit ein unruhvolles lastenreiches Suchen und Planen durch die Reihen nicht nur der Lehrer, sondern auch aller" jüdischen Menschen, die es auf sich genommen.' haben, die Welt des Kindes vom "Jüdischen her zu formen. Allmählich erst fügen sich die Wissensgebiete, um die es geht, in ihrer Breite und in ihrer Tiefe überschaubar nebeneinander, und aus dem Aspekt auf das große Ganze springt uns alle die Erkenntnis an, es könne nur Stückwerk bleiben, was uns zu erreichen beschert ist, Stückwerk freilich, das seinen vollen Wert erhalten kann, wenn es errungen wird in einer vom amor fati getragenen, Hingabe ans Werk. Hebräische Schreibschrift Ein Bericht von M. Hbraham-Berlin Die hebräische Schreib- oder Kursivschrift hat wieder große Bedeutung und interessierte Beachtung erlangt. Im großen ganzen haben die meisten Buchstaben eine feste überlieferte Form; nur einige wenige schwanken unter dem Einfluß von Vorbildern, die vom ehemaligen Rußland hergekommen sind. Die Erlernung der hebräischen Schreibschrift bedeutet weder für die Großen noch für die Kleinen eine Schwierigkeit. Doch wäre es zu begrüßen, wenn für die Lernenden in Deutschland eine anerkannte Normalform geschaffen werden könnte. Darauf zielt wohl. die von der Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin herausgegebene Schrifttafel nebenbei auch ab, und das erstrebt ganz ersichtlich und in ausgeprägtem Grade Herr Kohn-Asülay in Mannheim durch sein „Schriftsystem", das er in zwei Größen vorlegt.*). Die nachfolgenden Ausführungen nehmen nur auf die ■*) A. M. Kohn-Asulay, Mannheim, E 1, 1, Selbstverlag. (Postscheckkonto: Ludwigshafen a. Rh. Nr. 3321.) ,. Wandtafel, 60x80 cm 2,50 RM; kleine Tafel, 15 x 23 cm 0.20 RM; bei Bestellungen für mehrere Klassen Rabatt.