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Jüdische Schulzeitung · 1937-09-01 · 9 (1.9.1937) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
9 (1.9.1937)
Date
1937-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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jNummer -9, J üdische Schul2ei tung Seite 3 gehören, die Trägerin eines werthältigen Geschichtsprozesses (dsfcfond deshalb einer Aufgabe zu dienen hat. Dabei ist es ganz ^gleichgültig, in welchen Formen sich dieses Bewußtsein äii- •Jtert. Genug, daß es da ist" und irgendwie wirkt. Das ist die ideelle Seite der Problematik,.vor die unsere Volksschulen hingestellt wurden. Es herrscht heute keine Meinungsverschiedenheit mehr darüber, daß die jüdische Jugend wird auswande^^riüsieni auch nicht darüber, daß sie wird versuchen müssen, ein Leben als Bauern und Handarbeiter zu führen unter Inkaufnahme eines Rückschrittes im Bildungsmäßigen. Indem die Volksschule ihren Blick auf beide Sachverhalte > hingerichtet hält, formt sich ihrneuartiges Gesicht. Was immer - sich als geeignet erweist, das Geschichtsbewußtsein zu stärken und damit den Volksleib gesund zu erhalten, das findet Aufnahme in der:Volksschule. Es versteht sich von selbst, , :.daß hier der „Religionsunterricht" in seiner Blässe und seiner Abseitigkeit keinen Raum mehr hat. Schon die Richtlinien kennen diesen Terminus nicht mehr, und es ist bemerkenswert, daß keine der versuchten -Wortneuprägungen, die in sich fassen sollten, "was gemeint ist, einen/unumstrittenen Platz in dem Vokabular der jüdischen Pädagogik hat finden können, "nicht der Ausdruck „Judentumskunde" und auch nicht die Bezeichnung „jüdischer Unterricht'*. Dennoch steht dem jüdischen Lehrer seine Aufgabe klar vor Augen. Er hat im Rahmen des Erreichbaren, ohne sich in utopischen Zielüberspannungen zu ergehen, den Boden zu bereiten, auf dem das Maß an Wiß- . barem erwachsen kann, aus dem sich jüdisches Leben in seiner einzigartigen Struktur erbaut. Aus Kindern soll man nicht durchaus Gelehrte machen wollen,, sondern aufgeschlossene Menschen, mit einem gediegenen Schatz von Kenntnissen erfüllt, deren Quantum und deren Qualität zwar fortdauerndes :„Lernen" ermöglichen, die aber — so verlangt es des Volksschülers Natur — sich* im Bereiche des leicht Eingängigen halten.. Das gilt namentlich vom ynterricht in Hebräisch, soweit er. der'Einführungen die Welt der Bibel und des Gebetbuches dient. Es wird ein unfruchtbares Bemühen bleiben, wenn hier . nach den streng gefügten Prinzipien des Fremdsprachenunterrichts vorgegangen wird. Der Zutritt zu der ganz einmaligen vom Religiösen her bestimmten Atmosphäre, der Thora und des Siddur ist in tausendfältiger Wiederholung immer auf dem Wege vom hebräischen zum nichthebräischen Wort erfolgt, und was an Seelischem in diesem Prozeß hinüber und herüber schwingt, das ist nicht auch mit dem umgekehrten Verfahren des modernen Sprachunterrichts verknüpft. Dieses anzuwenden bleibe der Unterweisung in der hebräischen Umgangs- . spräche —. das Wort in gutem Sinne genommen — vorbehalten, die als jüngstes Fach ihren Platz auch in der Volksschule zu erobern begonnen hat, und über die in anderm Zusammenhang noch ein Wort gesagt sein soll. . Dem Ziel, das jüdische Geschichtsbewußtsein zu stärken, dient in besonderer Weise der Unterricht in jüdischer Geschichte und in ihrem Endglied, der jüdischen Gegenwartskunde. Wir stehen hier noch am Anfang der Versuche,, die rechte Auswahl zu treffen und das Ausgewählte in geeigneter Weise darzubieten. Wir werden —■ wieder in nüchterner Abschätzung der kindlichen Natur und Fassungskraft — darauf bedacht sein müssen, uns von unersprießlicher Anhäufung geistesgeschichtlicher Erörterungen fernzuhalten. Noch fehlt auch das Schulbuch, das uns hier helfen könnte, und wir sind auf die schöpferische Eigenarbeit angewiesen, die zu leisten indes nur wenigen gegeben ist. TJeber all das hinausgehend hat der Lehrer das Jüdische schlechthin zum übergreifenden Thema werden zu lassen, von dem Her di^GesämfärKirSni'er Völksschule^ihre Belichtung und ihre Sinngebung erhalten .soll. Das bedeutet freilich eine Erschwerung der Arbeit, die in- . des gemildert werden könnte durch die Einengung, die der Unterricht auf dem Gebiet der allgemeinen Fächer erfahren hat, erhöben sich nicht auch da neue Schwierigkeiten, die zu meistern bisher nicht zufriedenstellend gelungen ist. Das gilt namentlich für die Gesinnungsfächer Gesehichte und Deutsch. Es gilt aber auch mit gewissen Einschränkungen für alle anderen Fächer. Jeder ältere jüdische Lehrer verspürt in seiner Seele einen herbstimmenden Rest des Bewußtseins, er habe das Historische, das er an die Jugend heranträgt, aus einem Bezirk entnommen, der ihn irgendwie angehe, in dem er selber "einmal gestanden, in den einzutreten jedoch den jungen Menschen verwehrt sei. Da tut sich eine. Diskrepanz zwischen dem darstellenden Wort und der Situationswirklichkeit auf, die noch fühlbarer wird angesichts der Tendenzen, welche heute in der Umwelt dem Geschichtsunterricht seinen sachlichen Gehalt und seinen erzieherischen Schwung verleihen. Die jüdischen Volksschüler —• das seihier als psychologische Eigenart vermerkt — spüren diese Spannungen nicht: sie liehen die deutsche Geschichte; ja, sie bringen ihr nicht selten mehr Interesse entgegen als der jüdischen, in der so Vieles unverständlich bleibt. Und so helfen sie, wie so oft, ihren Lehrern über, psychische Hemmungen hinweg. Dennoch bleibt es dem jüdischen Lehrer auferlegt, Distanz zu wahren und mit pädagogischem Takt an die Behandlung der deutschen Geschichte heranzutreten. Nur mit Vorsicht wird etwa eine Verknüpfung der deutschen mit der jüdischen Geschichte im Unterricht hergestellt werden dürfen, und es soll hier nicht verschwiegen werden, d'aß Versuche nach dieser Richtung bisher fragwürdigen Wertes geblieben sind. — Die deutsche Dichtung ist immer ein Lieblingskind der jüdischen-Volksschule gewesen. Und was je und je an klar und edel gefügtem Sprachgut in Prosa und Vers der jüdischen Jugend nahegebracht wurde, das fand die Ohren und die Herzen weit geöffnet, das ward ins Gedächtnis eingeschlossen, und es hat Tausende von jüdischen Menschen, mit Jakob Grimm zu sprechen, „einem guten Engel gleich" in die weite Ferne geleitet. So soll es auch weiterhin bleiben. Es ist uns nicht verwehrt, von dem alten Schatz zu zehren, auch nicht verwehrt, den Kindern das in die deutsche Sprache gegossene Werk jüdischer Männer und Frauen 'nahezubringen. Das neue Reichslesebuch ist nicht für jüdische Schulen geschaffen. Eine kurze Frist noch werden sie "die alten Bücher benutzen müssen. Dann aber soll ihnen ein Lesebuch für jüdische Schulen zur Verfügung stehen, zu dem in Gestalt einer Fibel die Vorstufe bereits vorhanden ist, und dessen 1. Teil (5. und 6. Schuljahr) in allernächster Zeit erscheinen wird. Wir wollen uns nicht verhehlen, daß es keinem jüdischen Schriftsteller deutscher Zunge . gegeben war, einem Claudius, einem Kleist, einem Unland und Hebel gleich zu Erwachsenen und zu Kindern zu sprechen. Nur so ist es erklärlich, daß auf der Suche nach geeignetem Lesestoff für die jüdische Schule viel des Mittelmäßigen gefunden, und diesem so viel des Minderwertigen an „Jugendliteratur" zugesellt wurde. Ganz von selbst richtete sich da die Aufmerksamkeit einsichtiger Erzieher auf die Volkskunst des jüdischen' Ostens und Palästinas, aber auch auf Darstellung und Bericht jüdischer Menschen längst vergangener Zeiten. Wenn es gelingt, hebräisch geschriebenes Edelgebild treffsicher zu übertragen und volkstümlich geformtes Altgut aufzuspüren, dann werden die jüdischen Volksschulen Ersatz finden für die Dichtungen, zu denen ihnen der Zugang verwehrt ist. Beschließen wir in dem Bewußtsein, Lücken zu lassen, diesen Teil unserer Darlegungen und wenden wir uns der Erörterung einiger Gedanken zu, die uns beschäftigen, wenn wir uns vor die Aufgabe hingestellt sehen, unsere Jugend lebenstüchtig zu machen. * Ganz von selbst taucht dann vor uns das vom Schein des Unheimlichen umkleidete Wort „Aus wander ung'* auf. Nicht der eine und nicht der andere unter den uns anvertrauten Schülern wird in kurzer Zeit in die Fremde ziehen, sondern alle, die heute noch in der Klasse vor uns sitzen, die noch die Luft Deutschlands atmen, die sich in deutscher Sprache mitteilen, und zu denen wir in deutscher Sprache reden. Ihrer aller wartet-ein schweres mühereiches Leben, und uns Lehrern ist es auferlegt, zu unserm Teil daran mitzuhelfen, daß sie alle tüchtig werden zum Führen der Pflugschar, zum Schwingen des Hammers und des Beils, zur Eroberung V»4yä»Är?'ä䣣2_

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