Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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die mit unzureichenden Vollmachten eine Art jüdischer Politik trieben; aber es"gab noch keine „ReichsVertretung" und auch noch keinen „Landesverband", sondern nur Einzelgemeinden, deren .schulpolitische Erfolge von vielerlei Zufälligkeiten abhängig waren. . . Es kam die Zeit heran, da ein großes Hinsterben im Bereich derjüdischen öffentlichen und privaten Schulen einsetzte. Die Abwanderung vom flachen Lande in die großen Städte und der Geburtenrückgang haben viele Dutzende von Volksschulen zugrunde gehen lassen und damit kulturelle Kraftquellen zum Versiegen gebracht Dieser Auflösungsprozeß nahm in den letzten drei Jahren einen sprunghaften Fortgang. Die gesetzgeberischen Maßnahmen des neuen Deutschland haben dem jüdischen Schulwesen in den Gemeinden über Nacht manche Entfaltungsmöglichkeiten gebracht und bewirkt, daß die Judenheit auf sich selbst gestellt wurde, daß mit einem Mal alle ressentimentartigen Abneigungen gegen jüdische Schulen verschwanden, die vorhandenen als freudiger Besitz begrüßt wurden, und daß nach und nach dank der Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder, eine größere Anzahl jüdischer privater Volksschulen eingerichtet wurde, denen die Landesverbände und namentlich die Reichsvertretung der Juden in Deutschland durch Beratung und materielle Hilfe dauernd ihre Förderung zuteil werden lassen. Die Not hat es zuwege gebracht, daß die Gemeindeverwaltungen, indem sie sich freiwillig einer Zentralinstanz unterordneten, der Reichsvertretung die Möglichkeit gaben, in planvoller Arbeit eine fruchtbare Schulpolitik in die Wege zu leiten. Sie gründet nicht nur Schulen, sondern sie baut sie auch der Zeit entsprechend aus. Ein neuntes und sogar ein zehntes Schuljahr sind mancherorts eingeführt; Vorlehre-Kurse sollen die Schularbeit sinnvoll fortsetzen, und Lerntagungen, die in Gemeinschaft mit den Lehrervereinen abgehalten werden, den Lehrern das Rüstzeug in die Hand geben", den neuartigen Erfordernissen unserer Tage zu entsprechen. Welcher Art diese Erfordernisse sind, das darzulegen, muß unter dem Motto „Einst und jetzt" geschehen: Denn die jüdische Volksschule vonjieute zeigt sozusagen ein Doppelgesicht. Sie trägtrdem Gesetz des Beharrungsvermögens entsprechend, noch sehr deutlich die _Züge jdes nicht mehr gültigen Ideals ruhigerer Zeitläufte; sie weist aber "auch "schön Merkmale auf, die ihr von der aufgewühlten, alle Bereiche des jüdischen Daseins mächtig bewegenden Gegenwart aufgeprägt und — fast möchte man sagen — tagtäglich hinzugeprägt werden. Die jüdische Volksschule der Vergangenheit war im Kernhaften'eine allgemeine Schule, in der jüdische Kinder von jüdischen Lehrern , nach den behördlichen Lehr- und Stundenplänen betreut wurden. Was an Jüdischem Eingang fand, das wirkte nicht von der Mitte her ins Ganze hinein, es trat als Randerscheinung hinzu, deren innerer Gehalt aber keineswegs so gering gewesen ist, wie es eine verallgemeinernde Rückschau zuweilen darstellt. Nicht in dem Religionsunterricht an Höheren Schulen fand die jüdische Tradition ihre Hüterin und Mehrerin, sondern in dem oft anspruchslos und eng anmutenden Wirken des jüdischen Volksschullehrers. Was an jüdischem Erbgut heute noch in den Gemeinden lebendig ist und fortwirkt, das ist der Fundus jüdischer Kenntnisse, den die Männer und Frauen einmal in den schlichten Räumen irgendeiner Volksschule zu eigen erhielten. Dennoch besteht die Auffassung zu Recht, daß diese Volksschule das Schwergewicht ihrer Bemühungen nicht auf das Jüdische legen . konnte, sondern daß sie gehalten war, den Forderungen nachzukommen, die von der/Staatsgewält an alle Volksschulen gestellt wurden. De jure besteht diese Verpflichtung auch heute noch, nicht nur innerhalb des Bereiches der vom Staat und den Städten unterhaltenen öffentlichen jüdischen Volksschulen, sondern auch für alle Privatschulen, die ja nur mit Zustimmung der staatlichen Behörden gegründet werden dürfen, und deren-Lehrpläne von ihnen zu genehmigen sind. Allein, de facto hat es die jüdische Volksschule schwer, ihren Verpflichtungen unverkürzt nachzukommen. Denn die Grundsätze der Vom Staat geregelten Erziehung sowie die Prinzipien für-äie. Auswahl und Gestaltung der Unterrichtsstoffe sind ausschließt lieh auf die deutsche Jugend zugeschnitten. So. ergibt es sich;! daß die jüdische Volksschule heute eine Institution' z;w, i s c h e n d e n Zeiten, ist,- eine Schule,- in der die jüdische?- Jugend noch immer von zwei Quellen her ihre Bildungremps; fangen soll, in der ■ indes die jüdische Komponente stärker;- herausgearbeitet werden darf, weil das" den Intentionen nichtnur der jüdischen Gemeinschaft,. sondern auch denen der,, nichtjüdischeii Instanzen entspricht. Diese Vorwegnähme einer-;: gesetzlichen Neuregelung hat der jüdischen Volksschule ..die - Möglichkeit gegeben, ihre Lehrpläne stark zu modifizieren.; Auf der einen Seite müssen in den allgemeinen Fächern The- ' men unberücksichtigt bleiben, die die jüdische Jugend nicht berühren; auf der andern Seite darf der geistigen Bewältigung der jüdischen Welt in all ihren Bezügen weit mehr Raum gegeben werden als bisher, und so weist heute der Ge- : samtunterricht in der'jüdischen Volksschule schon Merkmaleauf, wie sie jene Ideal-Institution kennzeichnet,^ dje Märtinä Buber die jüdische Wesensschule genannt hat. : ' Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die neuartigen Aufgaben, die unsere Zeit an die jüdische Schule stellt,-gedanklich herauszuarbeiten und. in ein lehrplanartiges System einzufassen. Hier.sind insbesondere die Richtlinien der Reichs-, Vertretung der Juden in Deutschland zu neu- : nen, die ein großes Gewicht .deshalb erhielten, weil viele>. Schulen von der Reichsvertretung begründet wurden' oder " materiell oder ideell betreut werden. Diese Richtlinien wurdenanfangs des Jahres 1934 gegeben, zu einer Zeit also, da das hergebrachte Bildungsideal keine volle Gültigkeit mehr hatte, und viel Unsicherheit und Ratlosigkeit auf dem Felde der Pädagogik herrschte. Man spürt denn auch beim Lesen der Rieht.-., linien die Unausgeglichenheit der Anschauungen stark heraus. Zielangebend ist in ihnen der einleitende Absatz: „DieJüdische Schule erfährt ihre_be_sjmdere Prägung aus dem döppelterrUrejlebnis, das jedes in Deutschland lebende-Kind in sich trägt:"- dem jüdischen__und dem deutschen. Diese beiden Grunderleb- - nisse sind"gleichmaßfg "zu "entwickeln und ins Bewußtsein zu heben; sie sind in ihrem Neben-.und Miteinander wie auch in ihrer Spanung fruchtbar zu machen und zu entfalten." Dieser. Wegweisung entsprechend empfehlen die Richtlinien die Bearbeitung der Stoffgebiete gemäß den Lehrplänen der allgemeinen Schulen unter stärkerer Berücksichtigung der Forderungen, die vom Judentum her an die Jugend-herantreten." Allein, die Voraussetzungen, unter denen die Reichsvertretung ihre Kundgebung erlassen hatte, waren einem Wandel unter-, worfen, der sich unerwartet rasch vollzog. Es erfolgte die völlige Ausgliederung der Juden aus der deutschen Kulturgemeinschaft und damit Hand in Hand gehend die Herausbildung einer jüdischen Eigenwelt. Es begann die Wanderbewegung innerhalb Deutschlands und über seine Grenzen hinaus nach Palästina und nach Uebersee; das ganze Gefüge , der jüdischen Welt geriet in bedenkliche Schwankungen, und alles Planen und Sorgen geschah für den Tag und heischte immerfort der Korrektur. Wir stehen mitten in diesem schicksalträchtigen Prozeß, der seine Spuren tief auch in das Antlitz der" Schule eingraben mußte. Die Richtlinien und alle Auffassungen, die ihnen ähnlich waren, haben so nur noch in einem Teilbezirk Gültigkeit, und schon heute arbeitet die jüdische Lehrerschaft nach andersgearteten Zielsetzungen, die diktiert sind von den sich zwangsläufig ergebenden Konstellationen, und die. nicht darauf warten, bis sie eine vor irgendeiner Autorität sanktionierte Fassung erhalten haben. Zwei Sachverhalte sind es, die der Arbeit in der jüdischen Schule die Richtung geben. Die Juden in Deutschland sind zu Objekten gesetzgeberischer Maßnahmen geworden, die eine klare Scheidung zwischen dem deutschen Volke und den Juden herbeiführen sollten. Dieser Prozeß mußte bestimmte Folgeerscheinungen innerhalb der Juden hervorrufen. Sie bestehen darin, daß in den Einzelgliedern unserer Gemeinschaft das historische Gedächtnis wieder lebendig geworden ist, daß ein jeder sich wieder, erinnert, einer Menschengruppe anzu-