Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 9 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13. Jahrgang Verlagsort: Mannheim 2. Nummer 9 üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) . Die „Jüdische Schulleitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.75 pro. Quartal. Mannheim, den i. September 1937 Drude und Verlag: Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Redakteur: Dr. S i e g f r i e d Br a an Köln-Sülz, Unkelerstraße 17 Die jüdische Volksschule Von Siegfried Braun Die jüdische Volksschule ist, wie alle jüdischen Bildungsstätten westeuropäischer-Prägung, in den hinter uns liegenden Jahrzehnten heftig umkämpft worden. Als infolge des Mendelsohn'schen Wirkens die ersten Schulen gegründet wurden, in denen die Jugend sich jüdisches und profanes Wissen aneignen sollte, da wandten sich die Altfrommen gegen diese nach ihrer Ueberzeugung unzulässigen Neuerungen auf kulturellem Gebiet. Die unerbittliche Wirklichkeit ging rasch über ihre Proteste hinweg, und es entstanden nacheinander jene bekannten Erziehungs- und Unterrichtsanstalten, die der Forderung der Zeit gerecht zu werden versuchten. Es galt ein Geschlecht heranzuziehen, das von allgemeinem und jüdischem. Kulturgut so erfüllt war, daß es ohne Schwierigkeiten sich der Umwelt anpassen konnte. Der Assimilationsprozeß vollzog sich in unerwarteter Schnelligkeit, und in wenigen Dezennien schien er seiner Vollendung nahe zu sein. Selbst die unter der Führung eines Samson Raphael Hirsch stehende Neuorthodoxie wägte den folgenreichen Schritt zur modernen Schule. , ' Es waren vorwiegend gesellschaftliche Ambitionen, die die Haltung der Elternschaft Schulfragen gegenüber bestimmten. Allen Juden gemeinsam war wohl der Wunsch, das kommende Geschlecht auf sozial, aufsteigender Linie zu sehen. Dieser Aufstieg konnte indes nur erfolgen, wenn die Jugend sich eine höhere Bildung erwarb, d. h. wenn sie die höhere Schule besuchte. Aus der Notwendigkeit, Schulgeld zu bezahlen und viele Lehrmittel anzuschaffen, ergab sich der Zwang zum Verzicht auf den Besuch der höheren Schule in den minderbemittelten Kreisen von selbst, und so_erhielten die Volksschulen, namentlich in den großen Städten, oft den Charakter von Armenschulen. Dazu trugen in nicht geringem Maße die Vorschulen bei, die den höheren Schulen angegliedert waren, und erst mit dem Tage, an dem sie aufgelöst wurden und alle Kinder die Grundschule besuchen sollten, wich das Odium der Armut von'dem Antlitz der Volksschule. Es herrscht vielfach die Meinung, die jüdischen Bevölkerungsschichten seien opferwilliger gewesen, wenn die Frage zu entscheiden war, in welche Schule die Kinder gehen sollten. So habe es sich ergeben, daß ein höherer Prozentsatz jüdischer Schüler die höheren Lehranstalten besucht habe als christlicher Schüler. Diese Auffassung scheint uns irrig zu sein. Dfe Opferwilligkeit ist in christlichen Kreisen gewiß nicht geringer gewesen, und wenn trotzdem die Statistik recht haben sollte, so nur aus dem Grunde, weil die in langer Tradition erworbenen Neigungen zu geistiger Arbeit im jüdischen Menschen besonders stark wirkten. Immerhin gab es in den Großgemeinden so viele minderbemittelte und arme jüdische Familien, daß ihr Dasein in der Errichtung einer oder mehrerer jüdischer Volksschulen hätte offenkundig werden müssen. Das hätte insbesondere in den Gebieten des Reiches geschehen müssen, in denen die konfessionelle Trennung der Volksschüler durchgeführt war. Aus zwei Gründen entwickelten sich die Dinge anders: die christlichen Schüler konnten leicht in den Bezirks-Volksschulen untergebracht werden, in deren Umkreis sie gerade wohnten; die Frage der Länge des Schulwegs spielte hier keine Rolle. Die jüdischen Familien siedelten zwar in einer bemerkenswerten Regelmäßigkeit in bestimmten Stadtvierteln und in einer Reihe bevorzugter Straßen.*) Allein diese Jagen nicht selten weit auseinander, und eine Zusammenfassung der Schulpflichtigen in einer zentral gelegenen Schule war wegen der Entfernungen nicht durchführbar. So übergab man sie, „der Not gehorchend", den christlichen Volksschulen, die in kurzer Zeit erreicht werden konnten. Wollten wir, das Zitat ergänzend, hinzufügen: „nicht dem eigenen Triebe", — so träfen wir nicht den wahren Sachverhalt; denn es gab "nicht wenige Eltern, denen die Zwangslage willkommen war, weil sie aus mancherlei Gründen von einer jüdischen Volksschule nichts wissen wollten; bei fast allen stand im Untergrund der Ueberlegungen die Angst vor einer gesellschaftlichen Abschließung ihrer Kinder. In den Mittel- und Kleingemeinden haben sich die Dinge anders entwickelt. Es entstanden zwar auch hier vielerorts keine jüdischen Volksschulen, weil sich auch hier ähnliche Gedankengänge wie in den Großgemeinden hindernd in den Weg stellten. Immerhin erwiesen sich die örtlichen Verhältnisse häufig als günstiger, und in den Städten und Dörfern, in denen Volksschulen ins Leben gerufen wurden, zeigten sie nicht die Züge der Armenschule. Auch die Kinder des Mittelstandes und der reichen Juden besuchten sie, wenigstens die Grundschulklassen, und selbst nach dem Uebergang zur örtlichen höheren Schule wurde durch den Besuch des Religionsunterrichts der Volksschule der Zusammenhang mit dieser gewahrt. Nicht ohne spürbaren Einfluß auf die Gestaltung des jüdischen Volksschulwesens im Reich blieb die behördliche Schulpolitik. Sofern sie sich von dem Gedanken der konfessionellen Schule leiten ließ, zeigten sich die Behörden durchweg geneigt, Anträgen auf Errichtung jüdischer Volksschulen zuzustimmen. In vielen Fällen riefen sie selbst öffentliche jüdische Volksschulen ins Leben, weil die gesetzlichen Bestimmungen derlei Gründungen zuließen. Sie übernahmen auch nicht selten private jüdische Schulen auf den öffentlichen Etat und gaben namhafte Beihilfen zu deren Unterhaltung. Wir dürfen rückwärtssefoauend sagen, daß sich die jüdischen Volksschulen einer besonderen Pflege und Fürsorge seitens der Aufsichtsbehörden erfreuten, und sowohl die .Lehrer als auch die Schulvorstände hatten oft das Gefühl, der Gerechtigkeit in persona gegenüberzustehen, unter deren Fittichen man wohlgeborgen war. Um so niederdrückender war das Bewußtsein, nicht eingefügt zu sein in eine jüdische Gemeinschaft, die eine umfassende Einheit mit einer verhandlungsfähigen repräsentativen Spitzenbehörde bildete. Zwar haben sich in Notzeiten viele Gemeinden zu Verbänden zusammengeschlossen, *) Eine instruktive Untersuchung, die diesen Sachverhalt aufwies, brachte vor Jahren die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" von Dr. ing. Pinthus.