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Jüdische Schulzeitung · 1937-07-01 · 7 (1.7.1937) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
7 (1.7.1937)
Date
1937-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Sc h u 1 zeitung Nummer 7 eines der Lexiken zu eigen hatten, auf, es'zum Sonntag vormittag mitzubringen. Und so begannen wir denn* die Nachschlagebücher mit Eifer ein paar Stunden zu wälzen. Ich ging nicht gleich in medias res; ich wollte einen Umweg einschlagen und dabei einmal ganz allgemein über das Lexikon sprechen. Man lernt auf derlei abseits liegendem Wegen oft besser den Stand des Wissens von Schülern kennen als im gewohnten Gang des lehrplanmäßigen Unterrichts. Wir gingen vom Titel des Philo- Lexikons aus. „Wer weiß etwas über Philo?" Daß es ein jüdischer Gelehrter gewesen sei, war im Augenblick den Jungens nicht gegenwärtig. Dagegen stieg in ihrem suchenden Geist irgendwie der Terminus „Philosoph" auf. Als indes die Kraft der Erinnerung nicht hinreichen wollte, die rechte Antwort aufzufinden, forderte ich die Klasse auf, sich zu überlegen, wo sie wohl Aufklärung werde finden können. Und schon blätterte einer der rasch auffassenden Knaben in dem Buch, und ein. zweiter im Knaur, und bald fand die Freude des Entdeckens lebhaften Ausdruck in den Gesichtern: das Stichwort „Philo" war gefunden. Die Meine Monographie wurde vorgelesen: „Philo von Alexandria, geb. um 20 v. (40 n. Führer einer j.-alexandrin. Gesandtschaft-bei Caligula), Theologe und Philosoph, klassischer Vertreter d. j. Hellenismus, Meister d. allegor. Schriftauslegung, vereinigt Sprach- und Gedankengut der griech. Philosophie (Plato) mit j. Offenbarungsglauben; im j. Bereich für lange Zeit singulär, wirkt er sichtbar zunächst auf die christl. Kirchenväter. Erhaltene Werke etwa 70 Schriften (griech.), Erklärungen zum Pent (insbes. zu G), Monographien über die Urväter, Darstellung der mosaischen Gesetzgebung u. a. (Dt. Uebers., L. Cohn und J. Heinemann, 1909 ff)". Das war fürwahr eine Fülle — teilweise allerdings schwierigen — Materials zum Thema, das wir behandeln wollten, zugleich auch eine ganze Ausdeutung des Hellenismus in nuce. Das Vorlesen des Textes machte den Knaben Schwierigkeiten. Die im Gebrauch des Lexikons geübten Jungens wußten von früher her, wie man sich helfen könne; sie schlugen die Seite vorn im Buch auf, auf der die Abkürzungen erläutert werden, und die Lektüre konnte, soweit sie nicht über das Verständnis der jungen Menschen hinausging, bald zum guten Ende geführt werden. Ich. erklärte, gleich auf die Einzelheiten des Gehörten zurückzukommen, denn ich wollte noch einen Augenblick bei dem Wort „Lexikon" halten bleiben — wir hattens ja nicht eilig. Natürlich wußten alle, was das Wort besage; dennoch kam einer auf den Gedanken, doch einmal in den Büchern selber nachzuschauen. Im Philo Stands nicht; dagegen im Knaur: Lexikon (griech.), Wörter- und Nachschlagebuch, Mehrz. Lexikai, just wie manchmal auf einem Bild das Bild selber lustig noch einmal gemalt erscheint. „Könnt ihr euch vorstellen, wie solch ein Buch gemacht werden mag?" Nun beginnt ein Raten und Ueberlegen, aber auch ein Verwundern über die Schwierigkeiten, die der Bearbeitung entgegenstehen. Ich erzähle, daß mehr als 200 Männer das 5bändige „Jüdische Lexikon" geschaffen haben. Wir schlagen die Seite auf, auf der -die Mitarbeiter verzeichnet sind. Und immer, wenn ein bekannter Name erscheint, geht ein merklicher Ruck durch die Reihen: „Ja, den kennen wir; der hat einen Vortrag gehalten; der ist In unserer Gemeinde Rabbiner: der hat dies und jenes Buch geschrieben usf. usf." — „So, Jungens, nun ists damit genug: nun wollen wir mal richtig lernen, wie sichs in der Schule gehört! Schlagen wir doch noch einmal unsern Philo auf!". „Woher war er doch?". „Aus Alexandria". Und schon will ein besonders Eifriger das Stichwort A. aufschlagen. Ich gebiete indes Halt und frage, wer angeben könne, wo A. liege. Afrika ist noch nicht durchgenommen, und ich erhalte keine richtige Auskunft. Also schlagen wir nach, in beiden Lexiken. Das Philo-Lexikon: Alexandria, ca. 25 000 J 4,5%. Im Altertum Sitz d. größten Gem. d. j. Diaspora (im 1. Jhd. v. nach zweifelhafter Schätzung Mill. J) u. Zentrum d. j.-hellenist. Kultur (griech. Bibelübersetzung; d. Philosoph Philo); während d. jüd.-röm. Kämpfe (zuletzt unter /Trajan) dezimiert. Ueber die Lage sagt uns also der Philo nichts, wir suchen Hilfe beim Knaur. Aha, alte Hauptstadt Aegyptens am nordw. Rand des Nildeltas. Hafen für fast die ges. ägypt. Ausfuhr (Baumwolle); 573 000 E, dtsch. Konsulat. Von Alexand. d. Gr. 331. v. Chr. gegr., zweitgrößte Stadt des Altertums, berühmt wegen seines Handels usf. Landkarte und Atlas helfen die Stadt auffinden, und nun sind wir mitten in der Arbeit am Thema. Der Name: Alexander ist ganz wie von selbst in den Vordergrund des Interesses gerückt, und wir brauchen nach dem Stichwort nicht lange zu suchen; es findet sich fast unmittelbar vor dem eben betrachteten Alexandria. Doch, verweilen wir noch ein wenig bei der Stadt und ihrer Behandlung in den beiden Büchern. Der Knaur ist weltlicher, der Philo religiöser in seiner Darlegung. Die Texte ergänzen sich ausgezeichnet. Da die Judenlgemeinde im Altertum so groß war, dürfen wir annehmen, daß A. eine Millionenstadt gewesen ist. Warum sie es heute nicht mehr ist, sagen uns die Daten über den Rückgang ihrer Bedeutung nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien. Wir machen rasch eine Rechenübung. 25 000 Juden sind nach dem Philo 4,5% der E. Es gibt demnach rund 22 mal so viel Einwohner als Juden, also 550 000, etwas weniger als die Zahl, die im Knaur genannt ist. So, jetzt wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem Stichwort Alexander zu. Philo: Alexander d. Gr., dessen Weltreich .d. größten Teil d. damaligen Judenheit umfaßte, ist einer d. Helden d. j. Sage (Legenden bei Josephus u. im T.. mittelalterl. h. A.-Romane). A. wurde j. Vorname (jidd. Sender); sein Beiname Mukdan (= Mazedonier) verbreiteter Nachname. Der Knaur bringt vier Zeilen mehr über A. Seine Darstellung ist stark machtpolitisch ausgerichtet, während die des Philo mehr kulturhistorisch malt, was wir freilich, nicht als Vorteil empfinden.. Die Schüler haben das Gefühl, der Bericht lasse allzuvieles in der Ebene der Zeitlosigkeit; es fehle das Präzise, an dem — wie Hans Driesch zu sagen pflegte — das Tönungszeichen des In-Ordnung-Seins. hafte. — „den größten Teil der damaligen Judenheit" — Wir fragen: „Damalig? wann war denn das?". „Einer der-Helden der jüdischen Sage". Weiter nichts? Wo bleibt das Weltreich Alexanders? Wo seine gewaltigen Eroberungszüge? Wo sein abenteuerliches Leben? Da dient uns der Knaur besser. Seinekurzen Daten lassen von ferne etwas aufleuchten von dem Riesenunternehmen dieses antiken Helden, so wie wirs brauchen, wenn wir seinen Eingriff in die jüdische Geschichte verstehen wollen. A. d. Große, mazedon. Kg. (356 bis 323 .v. Chr.), drang ab 334 auf seinem Eroberungszug über Kleinasien, Palästina, Aegypten (Gründung von Alexandria) Persien und Indien bis z. Indus vor. ... Da Landkarten zur Hand sind, begleiten wir den Eroberer auf seinen Zügen. Ausgangspunkt: Mazedonien. Der Knaur gibt Auskunft über Mazedonien, das die Schüler zumeist nicht kennen. Nun taucht Palästina in seinem Leben auf. Daran mag das Philo-Lexikon denken, wenn es von A.-Sagen spricht. Da es auf Josephus hinweist, schlagen wir dieses Stichwort auf. Wir finden, daß dieser Mann mehr als drei Jahrhunderte später gelebt hat als A. d. Gr. Er ist den Schülern aus dem Kampf der Römer gegen Judäa wohlvertraut. Sie wissen auch einiges von seinen Werken. Ich habe seine „Jüdischen Altertümer" mitgebracht und lese die Sage von seinem Einzug in Jerusalem vor. Immer mehr gewinnen die Züge des Mannes an Leben und Plastik, aber auch die Zeit, der er das Gesicht aufprägte, wird deutlicher. Wir kehren im Fortgang unseres Arbeitens immer wieder auf die verschiedenen Stichwörter zurück, diesmal auf Alexandria. Es war, so lesen wirs im Philo, Zentrum der jüdisch-hellenistischen Kultur; in seinem Dunstkreis entstand die Septuaginta, wirkte der Gelehrte und Staatsmann Philo, litten unter dem Joch römischer Gewaltmenschen die Juden der Stadt. Es begegnen uns die Namen Trajan und Caligula, über die wir im Knaur nachlesen, und allmählich rundet sich das Bild einer wichtigen Epoche jüdischen Schicksals, und wenn wir. dann nach ein paar Stunden die Bücher schließen, mag diese Arbeitsgemeinschaft wohl von der Empfindung beseelt sein, nicht ohne Gewinn den Wegen gefolgt zu sein, die hier die waltende Geschichtsmacht gegangen ist. Sie mag -aber auch mit Respekt auf die bedeutende geistige .Leistung hinblicken, die in diese kleinen Bändchen eingetän worden ist.

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