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Jüdische Schulzeitung · 1937-06-01 · 6 (1.6.1937) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
6 (1.6.1937)
Date
1937-06-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nummer 6 Jüdische Schulz ei tung Seite 5 darf, wenn es meint, es hätte noch etwas, sehr Wichtiges zu sagen: Gewiß eine schmerzliche Erfahrung für ein jüdisches Kind. Aber trotzdem muß , das Kind lernen, sich einzufügen, es muß es lernen, ohne daß ihm die Freude an der Schule und an der Schularbeit verloren geht. . Sehen wir uns die einzelnen Arbeitsgebiete des Deutschunterrichtes an. Da ist zunächst der Sach- oder Anschauungsunterricht. Er-ist die lebendige Quelle für den gesamten Deutschunterricht. Er geht aus von dem, was das Kind im täglichen Leben sieht, beobachtet und erlebt. Dabei fallen alle die Stoffe weg, die zwar im Gesichtsfeld des Kindes liegen, es aber wegen seines Judeseins nichts angehen. Das Haus, die Familie, sind zunächst Gegenstand unserer Betrachtung. Themen wie z. B.: „Wir helfen zu Hause", sind unerschöpflich. Auch wenn man zwei oder mehr Schuljahre vereinigt hat, wird man erleben, wie freudig die Kinder mitgehen bei solchen Gesprächen, die gerade heute so aktuell sind. Daß wir hier auch (erzieherische Arbeit, leisten können, ist' klar. Denn oft wirkt das, was die Schule einmal sagt, mehr als das, was das Kind zu Hause täglich hört. Wir erweitern unsere Besprechung dann zu der Frage: .Wie helfen wir anderen, wie helfen wir uns untereinander? Auch diese Frage ist wichtig, wenn man an die Psyche der 6—10jährigen Kinder denkt, wenn man weiß, wie gern sie sich gegenseitig verklatschen, wie sie Barrikaden um sich aufbauen möchten, um nur ja ihren Nachbarn nicht abschreiben zu lassen. Daß sich Hilfsbereitschaft und Höflichkeit auch auf nicht jüdische Menschen zu erstrecken hat,-ist bei den Kleinen besonders zu betonen. —. Liebe zu Tieren und Freude an der Natur versuchen wir bei unsern Kindern zu wecken, wenn wir mit ihnen von Hunden und Katzen, Vögeln und Insekten, von Blumen, Wald und Wiese sprechen. Man wundert sich manchmal, wieviel die Kinder zu berichten haben von dem Hund ihrer Nachbarn oder von den Schwänen und Enten der Anlagen. Für Blumen interessieren sich naturgemäß wieder die Schüler, die einen eigenen Garten haben. Hat die Schule einen Garten, so kann man von Zeit zu Zeit einen Gang dorthin machen. Wenn die Kleinen sehen, wie ihre älteren Kameraden graben und pflanzen und als Lohn für ihre Mühe ernten können, bekommen auch sie vielmehr Ehrfurcht vor dem Wachsen und Werden in der Natur. Immer sind wir bestrebt, daß wir den Zusammenhang mit der jüdischen Welt nicht verlieren. Wir weisen auf die schwere Arbeit des Landmannes in Palästina hin, wir sagen den Kindern, wie man dort arbeiten muß, um ernten zu können. Die Kinder der Grundschule sollen zur Naturbeobachtung angehalten werden. Die Jahreszeiten, das Wetter, der Wechsel von Tag und Nacht, Sonne, Mond und Sterne, alles ist für die Kinder unendlich interessant. Bei Besprechungen über die Natur ist die Verbindung mit Palästina sofort hergestellt. Wenn von den Jahreszeiten die Rede ist, glaubt bestimmt das eine oder andere Kind zu wissen, daß es in Palästina keinen Winter gäbe. Ein Mitschüler wird es sicher berichtigen und erzählen, daß man dort eine Regenzeit hat. Wir sprechen von der Sonne, die in unseren Gegenden, so sehnlichst erwartet wird, die in Liedern und Gedichten verherrlicht wird und stellen dann fest, daß in Palästina der Regen lebenspendend ist, daß die Juden beten um Tau und Regen. Schließlich bringt das jüdische Jahr eine Fülle der Arbeit. Da ist zunächst zu reden vom Freitag Abend in der Familie und vom Schabbat. Auch hier vergessen wir nicht, den Kindern vom Schabbat in Erez Israel zu erzählen. Wie unfaßbar erscheint es ihnen, wenn sie hören, daß in Tel-Aviv am Schabbat das Leben einer , ganzen. Stadt ruht, daß nicht, wie. wir es von hier gewohnt sind, eine Minderheit inmitten einer werktätigen und werktäglichen Umwelt feiert.. Alle jüdischen Fest- und Feiertage, die Bräuche, die mit jüdischem Leben zusammenhängen,, beziehen wir in unseren Unterricht ein.. Die Religionsstunden allein, würden gar nicht ausreichen, um alles das zu erarbeiten, was erarbeitet werden muß. Wir lassen die Kinder -erzählen, wie man. in .ihrer Familie die Festevorbereitet und feiert und .führen sie in Gedanken nach Palästina, wo das-Festefeiern einen-neuen Sinn erhalten hat. . . . Was wir uns im Sachunterricht an Kenntnissen erworben haben, wird durch das Lesen in der Lesestunde vertieft. Das Lesebuch spielt im Schulleben des Grundschulkindes eine wichtige Rolle. Das Kind glaubt noch unkritisch an das, was es s6hwarz auf weiß gedruckt liest. Es sagt von Anfang an nicht, das ist nur eine Geschichte, nein, für das Kind liegt Wirklichkeit und Wahrheit im Buch. Deshalb freut es sich doppelt, wenn es liest, daß der Leo aus der Fibel eine jüdische Schule besucht, daß Mirjam in die Synagoge geht. Es liest mit Freuden die Geschichten aus Palästina und erzählt dann: Ja, das hat mein Onkel auch aus Palästina geschrieben und in Ejn Charod wohnt meine Tante. Das Kind ist glücklich, wenn es sich mit dieser im Buch geschilderten Welt identifizieren kann. — Daß wir eine jüdische Fibel haben, ist also ein Glück. Für das zweite Schuljahr, wo mit der zunehmenden Lesefertigkeit auch die Lesefreudigkeit sich einstellt, fehlt das jüdische Lesebuch. Es fehlt auch für das dritte und vierte Schuljahr, und die Reichsvertre'tung hat uns auch bis jetzt keinerlei zusätzlichen jüdischen Lesestoff etwa in Form von Leseheften beschert. Und doch wäre es gerade hier angebracht. Wir können uns natürlich aus jüdischen Kinderbüchern, Kinderzeitungen usw. selbst Stoff zusammentragen. Aber was nützt es uns, wenn nur der Lehrer ein Exemplar hat oder allenfalls noch zwei oder drei Schüler. Uns ist es ja nicht nur um den Inhalt zu tun, denn den haben wir im Sachunterricht besprochen, und auch die Form ist nicht die Hauptsache, wir sollen auf dieser Stufe zunächst das technische Können üben. Wenn wir ein Gedicht jüdischen Inhalts lernen lassen wollen, so müssen wir es von der Tafel abschreiben lassen. Wie zeitraubend und umständlich das ist, weiß, nur der Lehrer, der in Unterklassen unterrichtet. Ein jüdisches Lesebuch oder allermindestens zusätzlicher jüdischer Lesestoff wäre also eine Gabe, die jedem Grundschullehrer willkommen wäre. Bis es dazu kommt, benutzen wir also noch unser Lesebuch „Am klaren Quell".'Wir verwenden es in der Ausgabe aus den Jahren vor 1933. Aber selbst diese Ausgabe, die wir neu heute gar nicht mehr bekommen, isi nur teilweise für uns zu benutzen. Dieses Lesebuch ist darauf "angelegt, im Kinde die Heimat- und Vaterlandsliebe zu wecken und es fest im heimatlichen Boden zu verwurzeln. Demgemäß nehmen die auf die Landschaft bezüglichen Stoffe den breitesten Raum ein. Sagen aus allen Teilen Hessens, vom Rhein und Thüringen, das Nibelungen- und Gudrunlied werden ausführlich behandelt. Für das jüdische Kind genügt es, wenn es einige Sagen aus seiner engeren Umgebung kennt. In der Lesestunde soll nicht nur die Lesefertigkeit geübt werden, das Kind soll auch lernen, das Gelesene nachzuerzählen. Im ersten Schuljahr wird man sich damit zufrieden geben müssen, wenn man merkt, daß das Kind den Inhalt verstanden hat. Man kann die Kinder auch noch im Dialekt erzählen lassen, wenn sie es anders nicht können, die Hauptsache ist, daß man sie überhaupt daran gewöhnt, zusammenhängend zu sprechen. Nach und nach wird man dazu übergehen, den sprachlichen Ausdruck zu verbessern, wo es nötig ist. Dabei stößt man gerade in der jüdischen Volksschule auf große Hindernisse. Kinder, die von Hause aus an gutes Sprechen gewöhnt sind, sitzen neben Kindern aus ostjüdischem Milieu. Die einen bringen eine oft geradezu beängstigende Sprachfertigkeit mit, die anderen setzen dem heißesten Bemühen um ein bißchen richtiges Deutsch einen hartnäckigen Widerstand entgegen. Da heißt es einerseits bremsen und die Sprachbegabten nicht zuviel reden lassen, andererseits müssen die im-Sprechen Gehemmten immer wieder ermutigt werden. Wir müssen bei unsern kritiklustigen jüdischen. Kindern -auf der Hut sein, daß sie durch ihre Kritik; nicht die Unbegabteren an die Wand drülcken. Dann können wir es auch erleben, daß die Schwächeren von den guten Schülern lernen und allmählich, ohne daß ein besonderer Druck von Seiten des Lehrers nötig, ist,, in - ein ^richtiges. Sprechen, hineinwachsen. . Hand in Hand mit der mündlichen Sprachpflege geht die Uebung - im.-schriftlichen. Gebrauch . der deutschen Sprache. Vom Sprechen-zum Schreiben ist bekanntlich ein weiter Weg,

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