Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 5 (5.5.1937)
- Date
- 1937-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite, 6 J ü d i s che Schulz ei t u n g Nümmer^SV Den Notwendigkeiten des Landes als Aufbaüland entspricht auch" die starke Betonung des Werkunterrichts, sowie des Gartenbaues. In den Moschavim z. B. begnügt man sich nicht damit, daß die Kinder ja doch gelegentlich bei den Kitern mitarbeiten, sondern man legt Schulgärten am, weist jeder Klasse einige Beete zu und wetteifert, damit möglichst großen Ertrag zu erarbeiten. Das Können des Schülers in körperlicher Hinsicht wird geweckt, und mir scheint, daß auch dies zu einem starken Wertbewußtsein des Kindes führt, das wiederum die übliche Schemadistanz zum Lehrer herabmindert. Maßstab für diese Distanz ist aber keinesfalls die Tatsache, wie nun die Lehrer in den einzelnen Schulen angerufen werden, ob mit dem Vornamen, oder als More, oder Mori, oder Adon! Wesentlicher ist schon, ob die Schüler gehalten sind, in der ersten Person oder in der dritten Person zum Lehrer zu sprechen. Hierin zeigt sich zuweilen Bewußtheit einer Haltung, die'wirklich die Nähe oder die Distanz betont. Wir sprechen von den Schulgärten. Wem ist der Ertrag gewidmet? Selbstverständlich dem 'Keren Hakajemeth. Denn hier weiß man, was der Keren Kajemeth wirklich bedeutet, besonders in Schulen, die auf K.K.L.-Boden errichtet wurden. Damit will ich allgemein ausdrücken, daß die Probleme des wirklichen Lebens an sich schon in die Schulen hineinreichen. Die Schulen sammeln für den Keren Hakajemeth, sie bereiten Feiern für ihn vor, die Schulkinder' werben für Gebrauch von Tozereth haarez, die Kinder — könnte man beinahe sagen — leben den Aufbau stärker mit als das Großteil der Erwachsenen. Die Lieder, die man singt, sprechen vom Aufbau des Landes, die Lesebücher erzählen von den früheren1 Alijoth und ihren Schwierigkeiten, die Feste, die man feiert und ausgiebig vorbereitet, es sind nicht abstrakte Zeremonien, sondern festlich gestaltete Momente aus dem Leben des Landes. Die Feiern des Tu-bischwat (15. Schwat) wurden in diesem Jahre, verschoben, bis die Mandelbäume wirklich blühten und die Regen vorbei waren, und in dem Moment, in dem ich hier sitze und schreibe, versammeln sich Hunderte von Kindern aus allen Schulen Haifas in den Mifrazsiedlungen, in Kirjath Bialik, Kirjath Motzkin und Kirjath Chajim, um dort Bäume zu setzen, an Orten, wo vor einigen Jahren noch Sanddünen waren und sonst nur Moskitos. Solche Feste und Feiern müssen ja lebendig sein, denn sie sind ein Stück starkpulsierenden Lebens selbst. Lebendig ist selbst der Rechenunterricht und wird auch so empfunden, denn er ist so konkret als möglich. Lebendig ist der ganze Lehrstoff. Man stellt sich in der Golah nicht vor, wieviel und wie intensiv hier Teiiach gelernt wird. Kinder von Mittelklassen wissen ganze Perakim auswendig zu zitieren, aber nicht seelenlos wie der Matmid einer Jeschiwah zuweilen, sondern die Kinder keimen vor allen Dingen die Beziehungen dieser Perakim zum Heute und noch mehr, diese Beziehungen sind ihnen gegenwärtig. Ueber die Methodik vielleicht ein andermal. Sie scheint mir wenig ausgeklügelt zu sein, manchmal sogar verspürte ich ausgesprochene Primitivität. Aber wie diese Einfachheit zu bewerten ist, weiß ich noch nicht. Denn andrerseits wird oft in untere und mittlere Schulklassen schon eine Tiefe des Denkens hineingetragen, die wahrhaft erhebend und großartig ist. So las ich in einem Lesebuch der zweiten Klasse den Randvers: „Kol halomed thora we eno chöser alehah, dorne leadam schesorea we eno kozer". Die Uebersetzung: „Jeder, der Thora lernt und nicht wiederholt, gleicht dem Menschen, der sät und nicht erntet, kann Sinn, Richtung und Pathos des Verses nicht wiedergeben. Ich will schließen mit der'wahrhaft dürftigen Uebersetzung eines midrascherfüllten Lesestückes zu Schawuoth, erzählt von J. Steinberg, zu finden im Lesebuch der zweiten Volksschulklasse: Da heißt es: „Im dritten Monat des Auszugs der Bne. Israel aus Mizrajim — das ist also der Monat Siwan r— kamen die Bne Jisrael zum Sinaiberge. Und der Berg brannte im Feuer. Gott stieg herab zum Sinaiberge und Mosche stieg hinan zu Gott, Und 60 Myriaden und ihre Frauen und Kinder standen unten am Berg, warteten zu h'ö'ren die Gottesstimme, redend aus dem Feuer. Es blitzte der Blitz —da wurden scharfsehendi alle Blinden der Welt. Es donnerte der Donner — da öffneten sich die Ohren aller Tauben. Es wehte der Wind — da reinigte! sich die Welt von aller Unreinheit und . alle Kranken wurden, gesund und flink. Dann-sprach Gott zu Mosche, Und in diesem Augenblicke piepste kein Vögelein, flog kein Vogel, muhte kein Ochse, kein Windhauch wehte, das Meer war reglos,; Geschöpfe verlauteten nichTs, wer saß erhob sich nicht, wer" stand setzte sich nicht. Die ganze Welt verharrte schweigend-: Dann kam die Gottesstimme, erfüllend die ganze Welt: „Ich bin der Ewige Dein Gott, der Ich Dich herausgenommen aus dem Lande Mizrajim". Noch decktder Alltag vielfach solchen Hall zu; ich sehe aber hier eine Tendenz zur Tiefe, die weiterzuverfolgen und zu stärken es sich lohnt. Hier wächst ein im besten Sinne altneues Judentum heran. Friede in Breslau Wie wir der „Jüdischen Zeitung" vom 16. April entnehmen, hat ein Schiedsgericht den Schulkonflikt, über den wir in unserer Aprilnummer berichteten, beseitigt und damit den Frieden wiederhergestellt. Die Einigung ist auf folgender Grundlage zustandegekommen: Der Streit um die Rechtmäßigkeit der Kündigungen, die der Neue Jüdische Schulverein e. V. vor etwa zwei Monaten an den größeren Teil der Lehrerschaft des Schulwerks Am Anger gerichtet hatte, war, wie bekannt, einem von den Parteien vereinbarten Schiedsgericht zur Entscheidung vorgelegt worden. Im Laufe des schiedsgerichtlichen Verfahrens hat ein Teil der gekündigten Lehrkräfte neue Verträge mit dem Schulverein geschlossen, ein anderer Teil, der die ihm angebotenen neuen Verträge nicht schließen wollte, den Widerspruch gegen die Kündigung zurückgezogen. Die Herren Studienrat i. R. Rudolf Schaff er, Studienrat i. R; Alfred Cohn, Studienassessor i. R. Dr. Herbert F i scher und Studienassessor i. R. Paul J a c o b y haben am 12. ds. Mts. unter Mitwirkung des Schiedsgerichts mit dem Verein einen Vergleich geschlossen, inhalts dessen sie in beiderseitigem, gütlichem Einvernehmen aus ihren Stellungen am Angerschulwerk ausscheiden. Diesem Vergleich ist folgende von beiden Teilen unterzeichnete Erklärung vorausgeschickt: „Die Vertragschließenden haben sich durch die Aussprache während des schiedsgerichtlichen Verfahrens davon überzeugt, daß ein erheblicher Teil der gegenseitigen Vorwürfe auf Mißverstehen zurückzuführen ist. Sie schließen sich der ihnen zum Ausdruck gebrachten, einmütigen Auffassung des Schiedsgerichts an, daß die Kündigungen lediglich auf sachlichen Gegensätzen beruhen. Demgemäß erkennen die Kläger an, daß die Kündigungen nicht aus jüdisch-politischen Gründen erfolgt sind, und nehmen alle gegen den Vorstand des beklagten Vereins erhobenen Vorwürfe zurück. Der beklagte Verein erklärt, daß ungeachtet -der vorhandenen sachlichen Gegensätze auf Grund . der von den Klägern im Schiedsgerichtsver-- fahren abgegebenen Erklärungen sämtliche, gegen die: Kläger erhobenen Vorwürfe nicht mehr aufrecht erhalten. werden." Wie wir dem -oben genannten Blatt weiter entnehmen,. wollen die gekündigten Lehrkräfte sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen und, ähnlich wie im Jahre 1933, eine eigene Schule oder eigene Unterrichtskurse einrichten. So wird ihnen die Möglichkeit bleiben, Brot und Arbeit nicht zu verlieren. * Es ist schier unmöglich, daß ein Außenstehender ein klares Bild gewinnen kann von den bedauerlichen Vorgängen in; Breslau. Es bleiben namentlich die weltanschaulichen und' per-, sönlichen Hintergründe des Konfliktes verborgen. Aus diesen"