Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 5 (5.5.1937)
- Date
- 1937-05-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 5- Jüdische. Schulzeitung Seite 5 Eine solche. Gemeinschaft wird den besonderen Gefühlsgehalt ihres Erlebnisses niemals verlieren. Kein Wunder, daß Driesen. diese Wirkungsmöglichkeit immer und immer wieder angriff und, allen Schwierigkeiten zum Trotz, mit geeigneten Mitarbeitern durchführte. Und wiederum wird die Schule zum Leben geführt, wenn aus der Summe der Klassen eine ^Gemeinschaft wird im Gesamtunterricht. Auch im Leben ist keine strenge Scheidung zwischen Altersklassen: wieviel verdanken sich gegenseitig Aeltere und Jüngere! Auflockern ist auch hier der pädagogische Ausgangspunkt, Leben schaffen, das Ziel. Und wie im Geistigen, so im Gebiet des Körperlich-Willensmäßigen. Hier beginnt das Werden des Schulsportvereins, der das ganze Schulwerk, Volks- und höhere Schule in einem Bande umspannt und alle Schüler hinführt zu einem Ziel: zu Zähigkeit, Mut und Tüchtigkeit in der Gemeinschaft. Alle diese wahrhaft pädagogisch gedachten Einwirkungen sind nichts Unverbundenes, sondern in voller Absicht unterstellt sie Driesen dem großen Gedanken der Freude als einer besonders wichtigen Triebkraft der Erziehung. So erweist sich Driesens praktische Arbeit nicht als ein Zufallsergebnis, sondern als Durchführung eines pädagogischen Systems, das folgerichtig und zäh in vielen Teilen verfolgt wurde. In vielen, nicht in allen. Manches hat dieser gedankenlind einfallsreiche Pädagoge bisher nur geplant. Gerade im Ruhestand wird der Mann, der in setner Geistesfrische lange nicht so alt ist wie der Kalender es anzeigt, noch manchen Gedanken zur Tat werden lassen. Dr. Albert Hirsch. Aus dem Schulleben Erez Jisraels Eindrücke von Issi Bayer, Haifa (früher Bingen) Allzuviele Berichter lieben dicke Farben, insbesondre Avenn sie aus dem Orient berichten. Aber hier ist, wie einmal ein Witzbold sagte, weder Europa noch Orient, sondern einfach Palästina, will sagen ein Sonderfall in jeder Hinsicht. Ueber das Schulleben las ich noch in Deutschland mancherlei Berichte; der kurioseste verstieg sich bis zur Behauptung, <3aß hier die Lehrer gerade noch von den Schülern geduldet wären und jeder Schüler gerade arbeite, was ihm beliebe, wenn er überhaupt arbeite. Ich' habe mich ziemlich in Schulen liier umgesehen und glaube zu einem Bericht berechtigt zu sein, wenngleich ich nicht alle Orte und Schulen besucht habe. Den Gesamteindruck habe ich im Titel schon formuliert. Ich sagte nicht Schulwesen, sondern Schulleben, denn lebendig fand ich es in allen Schulgattungen. Das meint nicht die Lautstärke der Schülerkehlen auf den Schulhöfen, sondern die Tatsache, daß überall inneres Leben und Mitleben spürbar ist, wie es stärker kaum gedacht werden kann. Das soll im Einzelnen beschrieben werden. Der äußere Rahmen des Schulwesens dürfte bekannt sein: es existieren die Schulen der Agudath jissrael, des Misrachi, der Alliance, viele Privatschulen, aber das Bild prägen die beiden großen Schulgrüppen der Mach'Ieketh hachinuch des Waad leumi — vorherrschend in den Städten und Moschawoth — und des Merkas lachinuch der Histadruth — absolut herrschend in den Kwuzoth und Moschavim, aber auch zu finden in den Städten und natürlich in Arbeitersiedlungen. Der Geist der Histadruth ist bis in die unterste Schulklasse des kleinsten Moschav noch spürbar, in der Machleketh hachinuch merkt man das Weltanschauliche weniger, was auch natürlich ist,, denn der Waad leumi kann weder sozialistisch noch bürgerlich, sondern Höchstens national-jüdisch sein. Viele Schulen der Machleketh hachinuch (Erziehungsabteilung nämlich des Waad leumi) werden aber genau im Stile des Histädruthschulen geführt. Die Mittelschulen sind fast alle privat. Gemeinsam ist den meisten Schulen: der Mangel an Räumen und Mitteln. Ich kenne Schillräume, passend für 40 Schüler, in denen 60 lernen. Und dennoch gibt es viele Kinder, für die überhaupt keine Schule da ist, oder die nur in Nachmittagskursen unterrichtet werden können. Man sagt, es seien derzeit ca. 300 Lehrer arbeitslos oder in anderen Berufen tätig. Wären erst mal alle Kinder eingeschult und die Klassen normal organisiert, so wäre sicherlich Lehrermangel. Es gibt aber auch moderne große Schulhäuser, mit lichten Räumen und großen Höfen, die jeden Vergleich aushalten. Wie ist es mit der Disziplin? Ich fand überraschend viel „Individualitäten". Aber vielfach erstaunliche Disziplin. Ja, es gab Zeiten im Lande, die noch allzusehr dem „Jahrhundert des Kindes" im platten Sinne angehörten, aber dieser Radikalismus hat heute einer gesunden Mittelhaltung Platz gemacht. Mir sind Schulen bekannt, in denen Kinder, die grundlos ohne Schularbeiten erscheinen, wochenlang vom Unterricht ausgeschlossen wurden. Die körperliche Strafe ist verpönt, aber andre Strafen sind oft sehr sehr streng und unerbittlich. . Hier in Haifa z. B. in den berühmten und wirklich vorzüglich geleiteten Biram-Schulen wird das Scouting (Hebräisch: Zofiuth) sehr gepflegt, und die Zofiuth bestimmt auch den Geist der Schule, die Haltung von Lehrer zum Schüler und umgekehrt. Das ist kein Soldatentum, aber straffe Haltung und schärfste Disziplin, die sich da ergibt. Voraussetzung ist aber eine allgemein gute Durchorganisierung des Schulbetriebs, frei von Improvisationen, die man noch oft im Lande findet. Eine andere hiesige Schule bevorzugt das chawerische Verhältnis von Lehrer zum Schüler und umgekehrt. Nach meiner Meinung sind aber dafür die meisten Schüler noch nicht reif, und ich glaube, daß diese Schule — will sie nicht in typisches Privatschulmilieu im schlechten Sinne verfallen — bald eine Revision vornehmen muß. Warum überhaupt spricht man dann so viel von der Disziplin in den jüdischen Schulen Palästinas? Wie mir scheint, liegt eine Verwechslung vor. Man hört soviel von Waadoth aller Spielarten, von „Schülerräten" könnte man beinahe sagen und von Thoranuthvon Ordnerschaft aller Art. Das erweckt beim oberflächlichen Beobachter die Meinung, es regiere der Schüler. Diese Meinung mag mehr berechtigt sein bei einem Institut wie dem Kinderdorf Ben Schemen. Aber dort bildet die Schule wirklich nicht nur eine Lerngemeinschaft, sondern eine Lebensgemeinschaft. Und das Prinzip, dem Schüler Verantwortung durch Mitarbeit aufzuerlegen und umgekehrt seine Mitarbeit durch Ueberantwortung von Aurgaben zu steigern, muß ein solches Kinderd'orf zu einer 'Kinderrepublik machen. Verantwortung geben — nicht Kommandogewalt geben — das ist das Prinzip, das hier stark in den Vordergrund tritt. Ordner in wechselnder Reihe hatten wir auch in Deutschland und gibt es überall. Aber hier ist es fast überall mehr, ials nur nach Unterrichtsschluß Schwamm und Kreide einordnen und die Tafel sauber machen, hier heißt es oftwirklich den Schulsaal reinigen und für den nächsten Unterrichtstag vorbereiten, denn einen Schuldiener können sich sehr wenige Schulen leisten. Und wo es sich um Unterklassen handelt, da wechseln die Mütter ab und reinigen wechselweise die Klassen. Dieses System kann natürlich in den Städten nicht angewendet werden, jedoch auf dem Dorfe sehr gut. Was die Thoranuth für das Aeußere des Schullebens bedeutet, das ist das System der Waadoth für das geistige Leben der Schulen. Die Eltern-Waadoth sind nicht gemütliche Kreise, die monatlich einmal sich bei Kaffee und Kuchen versammeln, sondern Kommissionen, die sich wirklich mit dem Lehrstoff, dem Schülermaterial und dem Lehrermaterial befassen, vielleicht nicht immer sachlich aber oft mit einer starken inneren Anteilnahme, die weiß, daß das Schulwesen mehr ist als nur Wissensvermittlung, daß es in diesem Aufbaulande einen richtunggebenden Aufbaufaktor darstellt. Und so wie es Waadoth der Eltern und Aelteren gibt, so auch Waadoth der Schüler selbst, insbesondre für Tarbuthfragen. Da wird von den Schülern sehr ernsthaft diskutiert, welche Bücher einer Bibliothek angehören sollen, wie dies und jenes Fest gefeiert werden soll usw. Kurzum: man versucht den Schüler zur Mitarbeit und Selbständigkeit zu erziehen, wie dies den Bedingungen des Landes entspricht.