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Jüdische Schulzeitung · 1937-04-07 · 4 (7.4.1937) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
4 (7.4.1937)
Date
1937-04-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Sch'u 1 zeitung Nummer 4 sehen Erfolges zu glücken schien, aus der Ruhe heraus und zwangen ihn, wiederum zum Wanderstab zu greifen. In dem Zeitraum zwischen 1493 und 1503, also innerhalb eines Jahrzehnts, wohnte er in Messina auf Sizilien, auf der Insel Korfu, in Monopoli an der Ostküste des Königreichs Neapel und schließlich in Venedig, der Hauptstadt der Republik gleichen Namens. Wenn auch an keinem Ort seine Tätigkeit als Staatsinann ganz ruhte, so fand er doch hinreichend Muße, die wissenschaftlichen 'Arbeiten fortzuführen, die er einmal m fernen Zeiten begonnen hatte und sich um die Zukunft seiner jüdischen Gemeinschaft, die in alle Welt hineingetrieben worden war, zu kümmern. Sechs Jahre waren Don .Isaak in Venedig noch in Ruhe zu leben vergönnt. Er fand ein friedvolles Heim im Hause seines Sohnes, der als Arzt in Venedig tätig war. Noch einmal rief man ihn zum diplomatischen Werk; er -sollte einen Handelsvertrag zwischen der Republik und seinem einstigen Vaterlande Portugal zustandebringen. Mitten in der erfolgreichen Arbeit sank die. Hand nieder, die so oft Fäden von Volk zu Volk geknüpft hatte; Isaak Abravanel, der vom Schicksal auf die Höhen menschlichen Daseins emporgehoben und dann hinabgestürzt worden war in die Tiefe menschlichen Elends und Jammers, der Mann, der einem König gleich über die Erde gegangen und auch königlich in seiner Haltung blieb, wenn ihn das Glück verlassen hatte, er schloß die Augen im Jahre 1508 zum ewigen Schlummer und fand Ruhe fernab der Heimat in der venetianischen Stadt Padua. * Es ist hier das Leben Don Isaaks Abravanel i in den Hauptzügen so darzustellen versucht worden, wie es Schülern der Oberstufe einer Volkschule eingängig sein dürfte. Nur berührt wurden seine wissenschaftlichen Arbeiten, weil sie in ihrem philosophischen Teil außerhalb der jugendlichen Interessensphäre liegen, und weil ihr exegetischer Teil der Volkstümlichkeit entbehrt, die allein ein Eingehen in der Schule rechtfertigen könnte. Dagegen findet das Reinmenschliche Abravanels, sowie seine Rolle als Staatsmann die innre Teilnahme der hier in Frage stehenden Altersstufe. Es ergreift schon aufs tiefste jedes Schicksal eines durch die Welt getriebenen Menschen, um wievieLrnehr aber das eines Menschen eigenen Fleisches und Blutes. Die Marranin Donna Gracia Mendesia, deren nur in einem engen Sinne exemplarisches Leben jüngst hier dargestellt und unterrichtlich ausgewertet wurde, unterscheidet sich doch in wesentlichen Bezügen von Don Isaak. Sie hat nie Armut und Elend kennen gelernt; sie blieb die reiche Kaufherrin auch in Zeiten, da ihre persönlichen Pläne auf Schwierigkeiten stießen. Abravanel aber verlor mehrere Male, was an irdischen Gütern sein eigen war, und überwand und obsiegte dennoch. Ihn trug, so mages den Schülern aus seinen „Konfessionen", die zerstreut in seinen Schriften zu finden sind, vorgelesen werden, ein fester Glaube an den göttlichen Beistand durch die Fährnisse hindurch; ihn hielt, nicht minder stark in ihm wirkend, ein Wille und wohl auch ein ihm zugeborener Trieb zur großen Geste, zur königlichen Gebärde und zur Bewältigung höchster Aufgaben in jeder Lage aufrecht. Man gewinnt aus Darstellungen der Persönlichkeit Abravanels zuweilen den Eindruck, als sei er nur unter Zwang von außen her, sozusagen widerwillig,Vaus. der Einsamkeit des Gelehrtentums herausgetreten auf die Bühne, die wirklich die Welt bedeutet. Es will scheinen, als verkenne man da die wahre Sachlage. Naturen wie die eines Abravanel kommen erst zur vollen Entfaltung, wenn sie auf dem Platz stehen, der ihnen zugeordnet ist. Widerwillig läßt sich Großes nicht vollbringen. Sicherlich trifft das Urteil den wahren Sachverhalt, wenn es Abravanel als einen genialen Finanzier bezeichnet, der erst in zweiter Linie Sch'tadlan und in letzter Gelehrter war. Die dem Verfasser dieser Studie zugängigen Schriften sagen nur Spärliches über Don Isaak als Betreuer seiner Gemeinschaft aus. Vielleicht gibt der Gedenktag Veranlassung, uns in deutscher Sprache einmal dokumentarisch aufzuzeigen, in welcher Weise der Organisator großer Wanderzüge und der Fürsprech für Gefährdete gewirkt hat. Mancher Zug im Leben Don Isaaks bedarf auch der Aufhellung. Es wird berichtet, daß er noch in Venedig freundschaftliche Beziehungen zum König Ferdinand von Spanien gepflegt habe. Das dürfte namentlich Kindern merkwürdig erscheinen, auch wenn sie erfahren, wie. sehr der König bemüht gewesen, seinen Finanzberater am Hofe festzuhalten. * ' Soweit zur Charakteristik der Persönlichkeit Abravanels. Kulturgeschichtlich taugt zunächst die Frage auf, wie es gekommen sein mag, daß zu Zeiten, die derartig erfüllt gewesen sind mit Unglück und Leid, jüdische Menschen eine so bedeutungsvolle Rolle im öffentlichen Leben spielen haben dürfen; Ein historischer Rückblick zeigt den Schülern, daß schon im alten Rom, dann später bei den Karolingern, in Spanien und Italien der jüdische Geldgeber eine bekannte Figur im wirtschaftlichen, politischen und höfischen Leben gewesen ist. Es fehlte bis nach den Kreüzzügen ein einheitlich durchgebildeter Kaufmannsstand in Europa. Merkantile Tätigkeit war charakteristisch für die orientalischen Menschen. Dazu kam das Zinsverbot innerhalb der Kirche. Dazu kam ferner das Faktum weitreichender geschäftlicher und menschlicher Beziehungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Dies alles zusammengenommen ergab mit einer gewissen Folgerichtigkeit, daß jü- . dische Persönlichkeiten von Begabung, Fleiß und Unternehmungslust in den Vordergrund aller Vorgänge traten, die irgendwie den Besitz von Geldmitteln größern Umfanges erforderten. Die Entwicklung dieses Sachverhaltes kann bis in die Neuzeit hinein verfolgt werden. Es läßt sich aber auch sehr deutlich nachweisen, wie in raschem Tempo der jüdische Finanzier in den Hintergrund gedrängt wird und am Ende zu weitgehender Bedeutungslosigkeit herabsinkt. Gemessen _an den Idealen der jungen jüdischen Welt ist dies eine Entwicklung, die in gewisser Hinsicht als Gesundungsprozeß erachtet . wird. Reifere Schüler werden Erwägungen nach dieser Richtung sicherlich anzustellen und in dem angedeuteten Sinne zu beenden geneigt sein: Als zweites Thema kulturgeschichtlicher Art betrachten wir die Rolle des Schtadlan in der Vergangenheit, auf die bereits hingewiesen wurde. Der Schtadlan handelte früher nicht als Beauftragter einer Gemeinschaft, sondern aus eigener Initiative, kraft seiner Stellung gegenüber den Mächtigen der Erde. So fehlte den Interventionen der Fürsprecher das moralische Gewicht einer sie tragenden politisch aktiven nationalen Gemeinschaft. Damit aber war immer die Folge verknüpft, daß die Juden in einer äußerst labilen Lage verblieben, deren Beschaffenheit abhängig war von dem Ansehen und der Einflußfülle, über die je und je der Schtadlan verfügte. Erst zu Ende des letzten Jahrhunderts begannen die Bestrebungen, aus der Schwäche der Vereinzelung herauszukommen zu einem volkhaft zusammengefaßten Kollektiv, in dessen Auftrag eines Repräsentanz die res publicain voller Oeffentlichkeit führen sollte. Hier werden wir mit den Schülern auf die Bemühungen Don Isaaks und Theodor Herzls reflektieren. Wir werden natürlich auch sehr eingehend auf die Verhältnisse unserer Zeit eingehen und von allen Bemühungen innerhalb und außerhalb Deutschlands um das Schicksal der Juden sprechen. Zum Abschluß der Unterrichtseinheit wollen wir versuchen, in angemessener Begrenzung den Erdraum der behandelten Geschehnisse geographisch und geschichtlich zu betrachten. Wir werden damit der Forderung gerecht, die gerade heute in bezug auf den jüdischen Geschichtsunterricht gestellt wird: ihn mit dem in allgemeiner Geschichte zu verknüpfen. Eine Faustskizze zeigt. deutlich den Wanderweg des Don Isaak an. Sie belehrt die Schüler, daß in jenem Zeitalter der in Frage stehende Erdraum politisch anders aufgeteilt gewesen ist als heute. Spanien strebte seiner Einheitlichkeit entgegen. Italien war noch in eine Reihe kleiner Staatengebilde aufgeteilt, unter denen das Königreich Neapel und die Republik Venedig eine besondre Rolle spielten'. In Unr teritalien (haben nacheinander., gesiedelt Römer, Karthager* Goten, Griechen, Deutsche, Sarazenen, Normannen, Franzosen und Spanier. In der Zeit, da Isaak Abravanel lebte, versuchten die Franzosen das Gebiet an sich zu reißen. Der Feldzug gegen

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