Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 4 (7.4.1937)
- Date
- 1937-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4- J üdische Schulzeit ung Seite 5 Gefühl der Text zu schade! Die Stellen, die gelesen werden, müssen so ausgewählt sein, daß sie sprachlich undinhaltlich keine allzugroßen Schwierigkeiten bieten; Dann kann man mit Wörterbuch und Vokabelheft arbeiten, den Inhalt hebräisch erfragen oder in einfachere Formen umändern. Entweder gibt der Lehrer die unbekannten Vokabeln vor Beginn der Lektüre mit Uebersetzung an der Tafel, oder die größeren Schüler präparieren zu Hause vor. Man darf sich für eine Stunde nicht zu viel vornehmen, der Chumasch Unterricht geht oft nur langsam vorwärts — aber lieber wenige Sätze gründlich und lebendig als viele mechanisch eingepaukt, lieber sogar einmal ein schwierigeres Stück nur vorlesen oder gut, d. h. mit exakter Betonung lesen lassen und deutsch auf den Inhalt öder sprachliche und stilistische Schönheiten eingehen, als Geist-und Text durch mechanisches Vorsagen und Nachsprechen totzuschlagen.^ Ob Chumasch in sephardischer oder aschkenäsischer Aussprache unterrichtet wird, dürfte in diesen Üebergangsjahren nicht so wichtig sein; es wird bei älteren Schülern oft von der seitherigen Ausbildung abhängen. 5. Ich komme zur Behandlung des Gebetes im Unterricht. Gebetbehandlung bietet oft große Schwierigkeiten, und hier liegen die Verhältnisse ähnlich wie beim Chumaschunterricht — Gebetbehandlung besteht oft nur aus Lesen und mechanischem Uebersetzen. Gebete sind nicht für Kinder geschrieben und .sind oft schon in der deutschen Uebersetzung viel zu abstrakt. Was stellt sich ein Kind unter Gunst, Gnade,' Barmherzigkeit oder beispielsweise. unter dem Satz: „Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches" vor? Deshalb muß gerade die Gebetbehandlung auf den verschiedenen Altersstufen vollständig verschieden gehandhabt werden. Bei den Kleinen des 2. Schuljahres wird man von dem ausgehen, was die Kinder schon von Hause aus mitbringen. Wir sagen eine B'rocho, das Schema, den Anfang des Tischgebetes, ein Stück Morgen- und Abendgebet. Wir lernen es auswendig, erklären, wann man es zu Hause oder im Gottesdienst sagt und sprechen von dem, was darin gesagt ist, deutsch natürlich. Bei größeren Schülern wird systematisch in der Tefillah gelesen: Gebete für Freitag Abend, Sabbatgottesdienst usw. Wichtig ist das Auffinden der Gebete in der Tefillah — das muß geübt werden — und die Reihenfolge der Gebete. Auf dieser Stufe . wird man beim Lesen auf bekannte Wörter und Sätze achten, sie herausgreifen und an ihnen und aus' ihnen den Inhalt zu erklären suchen. Erst wenn genügend sprachliche und grammatische Kenntnisse vorhanden sind, kann man ein Gebet eingehend behandeln. Aber auch hierbei heißt es, vorsichtig sein. Wenn man. es in seine Bestandteile zerlegt hat, um sprachlich jede Form zu klären, dann muß man es zum Schluß wieder zusammenfügen, es als Ganzes betrachten, als ein Stück hebräischer Poesie. Psalmen sind zum Analysieren von Verbformen zu schade, auf keinen Fall dürfen Eigenart und Schönheit des Stils darüber zu kurz kommen. So lange unser Gottesdienst in aschkenasischer Aussprache abgehalten wird, lesen wir in der Tefillah aschkenasisch. Viel lesen tut not, denn mit dem geläufigen Lesen steht es nach meinen Erfahrungen auf allen Stufen schlecht, bei den Aelteren oft noch schlechter als bei den Jüngeren. Deshalb üben wir immer wieder laut und zusammenhängend lesen, wobei auf etwas besonders zu achten ist, worauf man seither leider nicht immer genügend Wert gelegt hat — auf eine korrekte Betonung, auch beim aschkenasischen-Lesen. Bei der Gebetbehandlung wurde eine Frage berührt, die heute besonders aktuell ist, die Frage: Sephardisch oder aschkenasisch? In der Praxis löst sich die Frage leichter, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Alle Schüler in den Klassen Sexta bis Obertertia, die ich in diesem Jahre unterrichte, hatten Hebräisch in der aschkenasischen Aussprache gelernt, nur die Grundschulklasse hat sephardisch begonnen, denn hier kommt ja das Lesen von Gebeten noch nicht In Betracht. Alle Schüler, haben sich vor 1—V/o Jahren in wenigen Stunden auf. die neue, sephardische Aussprache umgestellt. Alles rein Sprachliche und das Lesen einer modernen Lektüre machen wir in sephardischer Aussprache, Chumasch sephardisch oder aschkenasisch, Tefillah aschkenasisch. Da wir mit einem buchlosen Vorkursus beginnen, fangen wir selbstverständlich mit der sephardischen Aussprache an —- hierbei ist ein. Entweder-Oder heute überflüssig, denn diese Frage ist bereits entschieden: Wo auch immer Hebräisch gesprochen wird, geschieht es in sephardischer Aussprache. Wenn wir zum Lesen im Buche übergehen, fügen wir der sephardischen noch die aschkenasische Aussprache bei. Wer mit Lesen und Uebersetzen beginnt und erst später aus der Lektüre heraus zu einem freieren, selbständigen Gebrauch der Sprache kommt, kann mit Aschkenasisch beginnen und dann erst zu Sephardisch übergehen. Doch halte ich persönlich den ersten Weg für den riehtigeren,, er ermöglicht nach meinen Erfahrungen einen lebendigeren Unterricht und verschafft den Schülern eine schnellere, freudigere Bindung an das Hebräische. Außerdem ist es der Weg, den wir in allen anderen Sprachen schon lange einschlagen. Ich komme zum Schlüsse meiner Ausführungen. Ich habe wichtige Teilgebiete des hebräischen Unterrichts und wichtige methodische Fragen nicht berührt — ich hatte aus der Praxis des hebräischen Unterrichts zu berichten. Der hebräische Unterricht hat in den letzten Jahren eine einschneidende Umgestaltung durchgemacht, noch sind viele Schwierigkeiten zu überwinden, viele Probleme zu lösen; wir müssen bereit sein und in gemeinsamer Arbeit immer neue Möglichkeiten suchen. Die jüdischen Schulen können nur langsam der äußeren Entwicklung und Umgestaltung folgen. Aber wir müssen gerade in diesen Üebergangsjahren die Geduld nicht verlieren. Es fehlt an genügend gut vorgebildeten Lehrern, viele jüdische Lehrer stehen noch immer abseits; die Fülle der neuen Schüler aus städtischen Schulen, die bis jetzt kein Hebräisch gelernt hatten, hemmt den Unterricht sehr stark. Aber es gibt kein Zurück mehr und kein Stillstehen; alles Neue, Lebendige muß in den Unterricht einbezogen werden, wenn er dadurch reicher, leichter und freudiger für die Schüler wird. Deshalb müssen wir Hebräisch als Sprache der Bibel und des Gebets lehren, wie wir es seither schon getan haben, aber auch Hebräisch als S p r a c h e des Landes, in dem viele deutsche Juden eine Zuflucht gefunden haben und vielleicht viele-, unserer Schüler noch finden werden. Daß die Sprache erhalten bleibt in ihrem Formenreichtum und ihrer ursprünglichen Schönheit, daß sie als Sprache der Thora und der Propheten im Munde unserer Schüler wieder lebendig wird, das muß Ziel unserer Arbeit sein. Don Isaak Hbravanel Eine Unterrichtseinheit (Schluß) Wie zu jeder Zeit zeigte sich Don Isaak groß auch in dieser Unglücksstunde. Der König wollte ihn an seinem Hofe halten, auf daß er ihm auch weiterhin in gewohnter Weise diene. Don Isaak aber trat in die Reihen seiner unglücklichen Brüder und verließ mit ihnen das Land, das er hatte großmachen helfen. Sie schauten zu ihm als zu einem Führer in der Not auf, und es ist kaum auszusagen möglich, wie sehr er vielen das Leid hat erleichtern helfen. Zu Anfang des Juli schiffte sich Don Isaak mit seiner Familie und einer großen Zahl von Vertriebenen in Valencia ein, um nach Neapel auszureisen. Es war ihm gestattet worden, l 000 Golddukaten, eine Anzahl Schmuckstücke aus Edelmetall und seine kostbare Bibliothek mitzunehmen. Neapel war damals noch keine italienische Stadt im Sinne unserer Zeit; es war die Hauptstadt eines Königreiches gleichen Namens, das Unteritalien umfaßte. Der König wußte von dem Schicksal Abravanels, mit dem er wohl häufiger hatte Unterhandlungen führen lassen, als er noch Finanzminister in Portugal und Spanien war. Er zeigte sich dem Ankömmling gewogen, und wir dürfen annehmen, daß Don Isaak auch in Neapel zu Rang und Würden gekommen wäre, hätten nicht Kriegswirren seinem Aufenthalt bald ein Ende gesetzt. Sie rissen den Mann, dem zum dritten Male in seinem Leben der Aufstieg zur Höhe irdi-