Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (1.2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Jüdische Schulz ei tung -Nummer 2 ham ibn Esra. Möses ibn Esra ist als Bußdichter bekannt; in Jehuda Halevi sehen wir den größten hebräischen Dichter des Mittelalters, der die jüdische Volksseele poetisch verklärt, und den bedeutenden Philosophen, der in seinen Gedanken über Juden und Judentum „Israel als das Herz der Menschheit" hingestellt hat; Abraham ibn Esra ist der große philosophisch-kritische Bibelerklärer, Sprachforscher und Dichter. In dem hervorragendsten Gesetzeslehrer und rationalistischen Religionsphilosophen des Mittelalters Moses Maimonides erreichen die verschiedenen Geistesrichtungen ihren Gipfel und ihre Vereinigung. Während dieser glanzvollen Entfaltung des jüdischen Geistes in Spanien werden die Juden in Italien (Tafeln VIII 1 Sp. 5) grundsätzlich vom staatlichen und wissenschaftlichen Leben ausgeschlossen; über die Juden Frankreichs und Deutschlands brausen die Stürme der Kreuzzüge dahin und vernichten die Blüte, der Gemeinden (Taf. VIII, 2 Sp. 3). „Ströme vergossenen Blutes, Jammergeschrei der Gemeinden, Tausende von Glaubensmärtyrern, stete Angst vor neuen Gefahren; diese furchtbaren Schicksale hielten den jüdischen Geist von der Außenwelt ab und trieben ihn nach innen, so daß er ganz im Talmudstudium aufging." Der berühmte Bibel- und Talmuderklärer Raschi, der schon vor dem 1. Kreuzzug seine Tätigkeit begann, bringt das jüdische Schrifttum dem allgemeinen Verständnis nahe; seine beiden Enkel, die Tossafisten Raschbam und Rabbenn Tarn haben in ihren Zusätzen und Erklärungen den Meister nicht erreicht. An Stelle philosophischer Denker wie Ibn Esra und Maimonides begegnen uns hier die Kabbalisten und ethischen' Schriftsteller R. Jehuda der Fromme aus Regensburg und Eleasar ben Jehuda aus Worms mit ihren n^stischen Erbauungsbüchern „Sefer Hachassidim" und „Rokeach". Statt der lyrischen und nationalen Dichtung Gabirols und Jehuda Halevis dringen hier aus gepreßtem Herzen erschütternde Töne des Jammers und der Klage an unser Ohr. Die Poesie erschöpft sich hier in ergreifenden synagogalen Dichtungen: Piatim (Hymnen), Selichot (Bußgebeten), Kinot (Klageliedern) von Simon ben Isaak, Meschullam ben Kalonymos, R. Mei'r u. v. a. Dem grauenvollen Martyrium entsprechend zeichnen zeitgenössische Chronisten wie Elieser bar Natan, Ephraim bar Jakob u. a. mit blutgetränkter Feder ihre Martyrologien auf. Wie Sp. 10 (VIII 2) dartut, bildet die Provence eine geistige Provinz für sich, in deren ruhiger Atmosphäre Juden Brücken schlagen zwischen arabisch-jüdischer Kultur und der nordfranzösischen Schule: Mitglieder der Familie Tibbon übersetzen die arabischen Werke der jüdischen Religionsphilosophen ins Hebräische, die Familie Kimchi in Narbonne fördert das grammatische Studium und die Bibelerklärung. Kehren wir zu den äußeren Verhältnissen zurück, so gewahren wir in Sp. 2 a und b, daß im 12. Jahrhundert selbst im christlichen Spanien, wohin Juden vor den Verfolgungen der BeStellSChein I Unfrankiert | { in den Post-;; kästen werfen! j Än das Postamt (Zcitungsstellc) avh (Eafe=$onÖttom Äreugltngen i)a$ gediegene §amtften*£afe 1145 Almohaden flüchten, Juden einer günstigen Lage sich erfreuen; in. Deutschland dagegen entwickelt sich; aus der Notwendigkeit des außergewöhnlichen Judenschutzes die allgemeine „Kammerknechtschaft" der deutschen Juden, -in England wird 1146, in Frankreich 1171 die Blutbeschuldigung zum erstenmal gegen Juden erhoben. Soweit das Beispiel sachlicher Vergleiche und pragmatischer Zusammenhänge. Nun noch ein paar Zahlen und Tatsachen synchronistischer Nebeneinanderstellung: Tafel IX, 1 Sp. 1. 1348-49 Schwarzer Tod in Europa. Sp. 2. * (Siehe Text in den Vergleichenden Zeittafeln.) Spanien 1348 *Sp. 3. Deutschland, Oesterreich, Böhmen. *Sp. 4. *Frankreich. Sp. 6. Italien: Papst Clemens VI. erklärt die Juden für unschuldig am Verbrechen der Brunnen Vergiftung. Sp. 7. Polen: Starke Einwanderung aus Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Tafel IX 2 Sp. 1. Baseler Konzil Sp. 2. Gemäß judenfeindlicher Beschlüsse des Baseler Konzils. Job. de Capistrano in Spanien fördert Bekehrung der Juden. Sp. 3 Deutschland, Oesterreich, Böhmen, Joh. de Capistrano bewirkt durch Hetzptedigen Vertreibung aus Bayern, Franken, Mähren, Schlesien, Sp. 6. Im Sinne des Baseler Konzils judenfeindliche Bullen. Sp. 7. Auf Veranlassung Capistranos Reohtsbeschränkung der Juden in Polen. Tafel X, 2 Sp. 6. 1648-49 Aufstand der Kosaken; Untergang von 300 jüdischen Gemeinden. Sp. 9. Sabbatai Zewi gibt sich 1648 in Smyma als Messias aus, Sp. 6. 1666 Polen: Verkündigung der Ankunft des Messias und des Gottesre.chs, Sp. 9. 1666 Das messianische Jahr; Reise von Sabbatai Zewi nach Konstantinopel, Sp. 4. 1666 Holland: Die Sephardim in Erwartung der messianischen Erlösung. Tafel XII 2 Sp. 2. 1894—1900 Dreyfusaffäre, Sp. 3. Theodor Herzl „Judenstaat", 1897 Erster Zionisten-Kongreß in Basel. Tafel XIII 1. Jüdischer Nationalismus, Antwort auf Antisemitismus und Parallelbewegung zur Nationalbestrebung der Tschechen, Polen u. a. Tafel XIII 2 Sp. 3c. Hebräische Literatur, Zusammenhang mit jüdischem Nationalismus. Tafeln XII 2 Sp. 6. 1881-82 Pogrom in Südrußland, 3. Mai 1882 Maigesetze, 1905 Oktoberpogrome, Massenauswanderung nach Nordamerika. Tafel XIII. Wanderbewegung: Sp. 8. 1881 bis 1898 etwa 600 000 Einwand. 1906 Pogromjahr 153 748 Einwanderer, höchste Ziffer. Tafel XII 2 Sp. 1. 1933 Umbruch "in Deutschland. „Das Dritte Reich". Sp. 3. 1933 Aufstellung des Rassengrundsatzes für das gesamte staatliche und öffentliche Leben: „Arier-Gesetze"; hierdurch grundstürzende Aenderung der Lage der Juden in Deutschland. Tafel XIII Sp. 6. Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Tafel XII 2 Sp. 8 Palästina 1933 Starke Einwanderung, deutsche Alijah. Tafel XIII 1 Sp. 8. Jüdische Wanderbewegung; 1932 14 000 Seelen, 1933 43 000 Seelen, 1934 50 000 Seelen. An diesen Beispielen glaube ich hinreichend gezeigt zu haben, daß die Vergleichenden Zeittafeln unbegrenzte Möglichkeiten bieten und der Denkarbeit und dem Einfühlungsvermögen des Lehrers und Schülers einen weiten Spielraum lassen. Möge sich das Buch, wie an anderer Stelle gesagt, als guter Führer auf den vielverzweigten Wegen der jüdischen Geschichte und Literatur im Rahmen der menschheitlichen Entwicklung erweisen und dazu beitragen, das Verständnis für die große Vergangenheit zu mehren und zu vertiefen. Der Einblick in die Vergangenheit soll uns mit Stolz erfüllen und uns Kraft für die Zukunft geben. . _ Hier Die Fortsetzung des Aufsatzes über Brasilien muß aus technischen Gründen zurückgestellt werden. Die Schriftleitung.