Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (1.2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nummer 2 jüdische Schulzeitung Seite 7 wie sie größer, keinem Sterblichen je. auf erlegt ward. Aber sie traf ihn vorbereitet. Nicht erst durch höheres Eingreifen wie bei Hiob, sondern durch eigenes Gottsuchen und nach inneren Kämpfen war Abraham „die Einsicht in die Unbegreiflichkeit Gottes und seiner Pläne zum Mittel geworden, das Vertrauen auf die Sinnhaftigkeit seines -Willens, auf den Ursprung seiner Fügungen in einer uns nicht mehr durchdringlichen Liebe und Gerechtigkeit festzuhalten." Darum rechtete er nicht mit Gott, sondern tat schweigend, wie Gott geheißen hatte. Das ist das Ende' der Philosophie, zu wissen, daß wir glauben müssen. 5. Um sich wie Abraham und Hiob, der mit Gott um Gott kämpfte, in den schwersten Prüfungen, die Gott uns auferlegt, zu bewähren, bedarf es ständiger Uebung unserer religiössittlichen Kräfte, denn auch die Besten und Gefestigsten können einmal in einer schwachen Stunde versagen. Das wurde mir besonders deutlich zum Bewußtsein gebracht, als ich mich an einem Tischabeaw beim Besuch eines Friedhofes an dem Grabe eines Großen in Israel befand. Ein Mann, der, wie sich's später zeigte, dem Heimgegangenen besonders nahe gestanden hatte, wandte sich ebenfalls dieser Stätte zu. „Haben Sie den großen Zaddik gekannt?" fragte er meinen Begleiter und mich. Als wir es verneinten, erzählte er uns folgenden Zug aus dem Leben des Verewigten. „Einmal ward diesem ein geliebtes Kind durch eine Krankheit dahingerafft. Da ließ der unglückliche Vater sich zu dem Ausruf hinreißen: „O, Gott, warum mußtest Du mir dies antun!" Diesen Mangel an Gottvertrauen nahm sich der Choßid so sehr, zu Herzen, daß er .in der Folge stets einen Tag in der Woche als Fasttag beging". — Der Stärkung der religiös-sittlichen Kräfte diente im alten Israel das Opfer. Denn da nur Haustiere geopfert werden durften, die dein israelitischen Bauern- und Hirtenvolk ein kostbarer Besitz waren, so bedeutete die Hingabe eines Ochsen, Schafes oder -einer Ziege jedesmal die Ueberwindung der entgegenstehenden egoistischen Triebe. — An die Stelle des Opfers trat als Mittel der Willenserziehung die Askese. Die Askese bezwckte im Judentum nicht wie im Buddhismus die Abtötung des Willens, sondern die Beherrschung der Triebe des zum Herrscher über die Natur — auch über die sinnliche Menschennatur — bestimmten göttlichen Ebenbildes. Es ist der, Traum von Utopisten, zu meinen, daß unser geistiges Selbst allein und ohne die Trainierung des Willens stark und klar genug sei, sich das Niedere zu unterwerfen32). „Selbsterziehung, die sich Kleines zu versagen strebt, um zu großen Opfern gerüstet zu sein,, bringt zur wahren Höhe des Menschentums." (Richert.) So war auch die Kraft des Martyriums in Israel nicht ein Geschenk Gottes, sondern das Resultat eines Erziehungswerkes, das täglich und stündlich den Sohn Israels mahnte, das Ol malchut schamajim auf sich zu nehmen.—Es liegt ein tiefer Sinn in dem Ausspruch der Alten, Abraham habe schon alle Gebote der schriftlichen und mündlichen Lehre gekannt und erfüllt33). Ein Abraham, der in beharrlicher Selbsterziehung es' dahin gebracht hatte, in der schwersten aller Prüfungen seinen Willen mit Selbstverständlichkeit unter den göttlichen Willen zu beugen, ein Abraham, der edelste Menschenliebe ohne Unterschied der Person an Nah- und Fernstehenden übte — der hat die Tora gehalten, ehe noch die Tora offenbart war. Anmerkungen: A) Kutna in Ost und West Jahrg. 1908, 2. Heft. 2) Vgl. Steinthal, Zu Bibel und Religionsphilosophie: „Es wäre eine Preisfrage für alle größten Dichter der Weltliteratur von Aeschylus bis auf Shakespeare und bis auf Goethe: „Was sagten sich Abraham und Isaak einander, als sie miteinander zur Stelle gingen, wo der Vater den Sohn opfern sollte?" und er urteilt nach einer Vergleichung mit anderen Dichterwerken: „Hier ist die einfachste und absolute Lösung der Frage." 3) Mader,die Menschenopfer der alten Hebräer und der benachbarten Völker S. 14—97. 4) Greßmann Palästinas Erdgeruch in der israelitischen Religion S. 29—32. Kittel, Die alttestamentliche Wissenschaft in ihren wichtigsten Ergebnissen mit Berücksichtigung des Religionsunterrichts S. 42 f. 5) Abraham seelenverwandt ist der Verfasser des 73. Psalms, der sein wahres Glück im Einssein mit Gott findet und deshalb sprechen kann: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde." ,!) Segel Morija und Golgata S. 21. 7) Daselbst S. 8. 8) Zurhellen, Wie erzählen wir den Kindern die biblischen Geschichten? 2. Aufl. 'S. 248. 9) En na ela laschon bakascha. 10) Raschi zu Gen. 22, 2. 11) Ausführlicheres hierüber siehe weiter unten. 12) „Israels Gang durch die Weltgeschichte glich dem Marsche des Bergführers, an dem sich ein Straucheln oder ein Verirren am ersten und schwersten rächt." (Ed. König.) 13) Hirsch, Der Pentateuch 1. Teil S. 352. u) Kohler, Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums auf gesch. Grundlage S. 70. Noch präziser König: „Gottes Vorauswissen wird in Gen. 15, 13—16 anerkannt, aber daß die Allwissenheit Gottes auch die Möglichkeiten des menschlichen Freiheitsgebrauches umspannt, wird ."xchi immer den Menschen klar. So kam es zu der Ausurucksweise von V. 12 b." König, Die Genesis. Vgl. auch 2. M 16, 4; Richter 2. 22; Ps. 26, 2. 15) „Was mich nicht umbringt, das macht mich stark.' Nietzsche. 1U) A. Geiger, Was hat Mohammed aus dem Judentum aufgenommen? S. 131. 17) Vgl. Kutnas Aufsatz Die Opferung Isaaks in der bildenden ' Kunst (Ost und West Jahrg. 1908), eine Arbeit, die durch die Beherrschung des weitverstreuten Materials wie durch die wohlabgewogene, geistreiche Beurteilung der angeführten Kunstwerke dauernden Wert besitzt. 1S) Robertson Smith (Die Religion der Semiten S. 280) behauptet, daß, wo immer die Lehre sich finde, daß das Leben eines Tieres als Ersatz für das eines Menschen eintrete, sich auch Beispiele von wirklichem Menschenopfer finden, die bisweilen auf Zeiten der äußersten Gefahr beschränkt seien, bisweilen aber auch als feierliche Riten alljährlich geübt werden. Auch Kainphausen, Dillmann, Baudissin, Orelli, Greßmann, Gunkel und Kittel meinen, in der Erzählung Gen. 22 schimmere deutlich durch, daß die alten Hebräer einst bezüglich des Kinderopfers auf gleicher Stufe mit den Kanaanitern und anderen Semiten gestanden haben. Auerbach (Wüste und gelobtes Land, Band II, S. 98) nimmt gar an, daß ein solches Opfer, so schaurig und ungewöhnlich es auch war, noch in den Tagen Jesajas und Michas als dem Jahwedienst nicht zuwiderlaufend beurteilt wurde(?). Vgl. Kamphausen, Das Verhältnis des Menschenopfers zur isr. Rel. S. 26 f und den Artikel „Kinderopfer" im Jüdischen Lexikon. l!)) Robertson Smith zeigt an mehreren Beispielen, daß auch in anderen Ländern das Menschenopfer nicht auf dem Altar im Heiligtum verbrannt, sondern daß es in eine abseits gelegene Schlucht geworfen oder draußen verbrannt wurde. R. Smith, Die Religion der Semiten S. 287. 20) „Melech" König ist sein Eigenname. Die Aussprache Molech schiebt die Vokale von boschet Schande unter, welches als Euphemismus für fremde Gottesnamen gebraucht wird. Stade Gesch. des Volkes Israel I S. 610. 21) Diese drei Behandlungsweisen werden empfohlen in den Richtlinien für die Lehrpläne der preußischen höheren Schulen vom 6. April 1925. S. auch Reukauf, Methodik des ev. Religionsunterrichts S. 254. 22) Tögel, Vom Religionsunterricht in der Schule S. 29. 23) Gottschalk, Meth. Fragen des jüdischen Religionsunterrichts. *34) Staude, Präparationen für den ev. Religionsunterricht. 35) Susanne Tank, Vätergeschichten. 26) Vgl. Kautzsch, Die Poesie und die poetischen Bücher der Bibel S. 94.