Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (1.2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Jeremiah 1× ep/1005299
- Job 1× ep/1005326
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Seite 6 Jüdische ,Schulzeitung Nummer 2 gleiche religionsschöpferische Wirkung haben wie der streng geschichtliche Bericht, so müssen doch bei reiferen Schülern die überlieferten Geschehnisse mit dem Wirklichkeitsgefühl verbunden sein, um ihre Vollkraft zur Auslösung gleicher oder ähnlicher Erlebnisse entfalten zu können29). Die unterrichtliche Behandkmg der Akeda im Bibellesen auf der Oberstufe denke ich mir in folgender Weise. Die Schüler wissen aus den voraufgegangenen Bibellesestunden, daß den Sagen der Genesis vielfach ein geschichtlicher Kern zugrunde liegt. Diesen gilt es auch in Kap. 22 herauszufinden. Das Kapitel wird leise gelesen; danach werden die Schüler verschiedene Meinungen vorbringen. Diese werden im gemeinsamen Unterrichtsgespräch gesammelt, geordnet und in der gefundenen Reihenfolge besprochen. So wird eine der Fragen lauten:. „Hat Gott wirklich befohlen, daß Abraham seinen Sohn opfern solle?" Antwort: nein, denn der allwissende Gott hat eine solche Prüfung nicht nötig; auch besagen die untereinander fast gleichlautenden Stellen Jer. 7, 31; 19, 5; 32, 35, daß es Gott nie in den Sinn gekommen ist, dergleichen zu fordern. (Vergl. auch Hamburger Realenzyklopädie für Bibel und Talmud, S. 560.) Also hat es das'eigene Gewissen dem Stammvater diktiert. Das ist auch durchaus begreiflich, weil das Kinderopfer fast in der gesamten Heidenwelt, namentlich auch in Kanaan verbreitet war und wahrscheinlich auch bei Abrahams eigenen Stammesgenossen vorkam. — Aus welchen Gründen opferten Eltern ein Kind? Die Stelle II. Kön. 3, 26 f., die von der Opferung des moabitischen Königssohnes handelt, wird gelesen, von der beabsichtigten Opferung Iphigeniens wird berichtet und die Abbildung eines Bauopfers (s. Kittel Die altt. Wiss. in ihren wichtigsten Ergebnissen oder Greßmann Altoriental. Texte und Bilder zum A. T.) vorgezeigt. Handelt es sich in diesen Fällen darum, eine der heidnischen Gottheiten menschlichen Zwecken dienstbar zu machen, so dürfen wir bei Abraham versichert sein, daß er, der gleich dem Priester Malkizedek bereits zu einem reineren Gottesglauben gelangt war. sich aus einem edleren Antriebe zur Hingabe seines teuersten Besitzes verpflichtet fühlte. — Lektüre: die Vorbereitungen zum Opfern, Abrahams Gespräch mit den Knechten, mit seinem Sohne. — Unbestimmte Hoffnung auf einen günstigen Ausgang.— Was bestimmt ihn, das Sohnesopfer zu unterlassen? Zweifel schon auf dem Wege; im letzten Augenblick die Gewißheit, daß Gott an einem Menschenopfer kein Gefallen.haben kann. Ersatz des Menschenopfers durch das Tieropfer. Wertung der Akeda: Sieg einer höheren Gotteserkenntnis und Gottesverehrung als dauernder Gewinn. Wiederaufleben des Kinderopfers in der Volksreligion und dessen Bekämpfung durch die Vertreter der legitimen Religion. Folgende Stellen werden gelesen: Richter 11 (Jephtas Gelübde), 1. Kön. 16, 34 (Hiels Bauopfer), 2. Kön. 16, 3 (Alias opfert seinen Sohn), 2. Kön. 21, 6 (sein Enkel Manasse tut das gleiche); 2. Kön. 23, 10 (Josia rottet den Molochkultus aus); Jer. 7, 31; 19, 5; 32, 35 (Jeremia bekämpft den wieder aufgekommenen Moloch dienst); Lev. 20, 2—5 (Todesstrafe für Ausübung des Molochkults. Michas Forderung der wahren Gottesverehrung gegenüber den Verirrungen eines zum äußersten getriebenen Sühnopferkults (Micha 6, 6—8) und Wertung dieses neuen Höhepunktes auf dem' Wege zu wahrer Gotteserkenntnis jind vergeistigter Gottesverehrung bildet den Abschluß dieses religionsgeschichtlichen Exkurses. „Es ist wertvoll", wie Richert (Handbuch für den Religionsunterricht erwachsener Schüler S. 162) sagt, „jugendliche Geister in das Ringen der Menschheit um immer höhere Gotteserkenntnis von ihren Anfängen an hineinschauen zu lassen, damit sie das, was sie als Selbstverständliches besitzen, nach seinem Wert schätzen lernen, indem sie einen Begriff von seinem langsamen Werden erhalten." Auch wird, wer eingesehen hat, wie schwer Glaubenswahrheiten errungen werden, nicht so leicht überkommenes Glaubensgut kaltherzig kritisieren oder leichtfertig über Bord werfen. ' Die Kinder sollen ferner erfahren, wie das von Abraham und Isaak gegebene Beispiel in Zeiten der Verfolgung vorbildlich gewirkt hat, und schließlich sollen sie die hohe Bedeutung der Akeda für den jüdischen Gottesdienst an Beispielen aus der Liturgie kennen lernen. Vielleicht könnte auch" eine der Akedot — etwa. M'falti eli — im Original oder in der Uebersetzung gelesen werden. Religionsphilosophische Themen im Anschluß an die Akeda zu behandeln, ist im Religionsunterricht wohl nur mit Schülern der Oberklassen höherer Schulen möglich, die geistig genügend geschult sind und den Wunsch haben, religiöse Probleme in ihrer gedanklichen Tiefe zu erfassen. Der Religionslehrer wird, wenn er in größerem Zusammenhange die Angriffe gegen das Alte Testament behandelt, mit den Schülern auch die Einwürfe gegen die Akeda besprechen und einen gerechten Maßstab für die Beurteilung dieses so häufig mißverstandenen Kapitels zu finden suchen. In der Akeda handelt es sich um die Prüfung eines Frommen. Damit reiht sich die Akeda in einen Zusammenhang mit dem Buche Hiob und Goethes Faust, wo in beiden Fällen ebenfalls ein Knecht Gottes einer Bewährungsprobe unterworfen wird. Bei der eingehenden Behandlung, die das Buch Hiob seiner religiösen und religionsphilosophischen Bedeutung wegen im Religionsunterricht erwachsener Schüler erfährt, bietet sich wied'erholt Gelegenheit, vergleichend auf die Akeda Bezug zu nehmen. Wir deuten hier einige Gesichtspunkte an: 1. In der Akeda, im Prolog-und Epilog des Hiobbuches, wie im Prolog zum Faust handelt es sich um das Problem: gibt es eine uneigennützige Frömmigkeit?30). 2. In der Akeda ist es Gott selbst, der den Frommen versucht, im Hiobbuch und in Goethes Faust — ein religionsgeschichtlicher Fortschritt! — ein dienender Geist, dem Gott Macht über den Gottesknecht verleiht und vor dem dieser sich , zu bewähren hat. Ich stelle anheim, ob man Benno Jacobs Exegese zu Gen. 22, 1 und ihre Verwendbarkeit für das rechte Verständnis des Schrifttextes mit den Schülern zu prüfen, für zweckmäßig hält oder darauf verzichten will. 3. Das Buch Hiob berichtet uns des Dulders Klagen und Anklagen nicht wegen dessen Leiden als solcher, als vielmehr wegen der-vermeintlichen Sinnlosigkeit .dieser Leiden, da Hiobs sittliches Verhalten Gott nicht berechfgte, so schwere Heimsuchungen über ihn zu verhängen. Erst das Erscheinen und die Rede Gottes stillen den Sturm in des Schwergeprüften Brust. — In der Akeda bedurfte es nichferst dieser Auseinandersetzung zwischen Gott und Mensch: Abraham unterwirft sich ohne Widerspruch dem Willen Gottes. 4. Im Buche Hiob liegt die Lösung des Problems 'der Theodizee nicht darin, „daß Gott über alle sittlichen Maßstäbe erhaben ist; die Einsicht in die Unbegreiflichkeit Gottes und seiner Pläne wird vielmehr zum Mittel, das Vertrauen auf die Sinnhaftigkeit seines Willens, auf den Ursprung seiner Fügungen in einer uns nicht mehr durchdringlichen Liebe und Gerechtigkeit festzuhalten. Auch bei dieser größten Annäherung an den Gedanken der Irrationalität des göttlichen Willens bleibt doch die Ueberzeugung von seiner letzten Sinnhaftigkeit bestehen, und auch seine Verständlichkeit für den Menschen wird wohl begrenzt, aber nicht aufgehoben"31).— In der Akeda scheint diese Einsicht bereits die Voraussetzung für Abrahams Verhalten zu sein. Auch Abraham ist ein Ringender gewesen. Man erzieht sich nicht von heute auf morgen zu schweigender Unterwerfung unter die schwerste aller Prüfungen. Gen. 17, 17 zeigt uns. daß auch Abraham einmal gezweifelt hat. Und Abraham hatte, obwohl nur Staub und Asche, Gott gemahnt, sich nicht über sittliche Maßstäbe hinwegzusetzen (18, 25b). Aber er war in den Prüfungen des Lebens gewachsen. Er wankte nicht, als der Segen, der ihm Gott verheißen hatte, ausblieb und er genötigt war, vor der Hungersnot aus dem Lande der Verheißung nach Aegypten zu flüchten; er harrte geduldig, daß Gott sein Versprechen erfüllen und ihm nach langer, unfruchtbarer Ehe einen Leibeserben schenken werde; und er glaubte noch, als dieser Glaube Torheit zu werden schien. Und als Gott, seine Zusage erfüllte und Abraham der langersehnte Sohn beschieden war, da traf ihn die härteste aller Prüfungen,