Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (1.2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 2 J ü d ische Sch u 1 z e i tu n g Seite 5 /Innen!eben der Kleinen berichtet, die sich darüber ja nur höchst unvollkommen äußern können. — Und gibt sie nicht, selbst zu, daß bei den Kindern der harte Befehl den milden Zug in dem Gottesbilde fast ausgelöscht hat? Es ist auch gär nicht so selbstverständlich, daß, weil Gott den Isaak geschenkt hat, er ihn deshalb auch wiedernehmen darf.'Kindermoral urteilt, wie ich's aus meiner eigenen Jugend weiß: „Gegeben — genommen — in die Hölle gekommen!" Der bekannte Satz aus Hiob, auf den die Kollegin anspielt, besagt ja auch etwas anderes, als man, durch falsche Betonung verleitet, gemeinhin annimmt. Sein 'wahrer Sinn ist vielmehr: da es der Herr ist, der gegeben und genommen hat, sollen wir uns schweigend in seinen Willen fügen und seinen Namen preisen26). — Und was stellt sich denn ein siebenjähriges Kind unter „Opfer" vor? Die ganze •Handlung der Akeda spielt in einer ihm unverständlichen Welt. Und das Tragische ist, daß, wenn das Verständn.s der Geschichte eine gewisse Kenntnis des. Opferns in religiöser und technischer Hinsicht nötig macht, wir aus bekannten Gründen diesen jungen Kindern die ihnen fehlenden Anschauungen nicht klar vermitteln dürfen. — Nach allem Gesagten erscheint mir als die relativ beste Lösung, die Akeda erst auf der Mittelstufe durchzunehmen. Man hat es dann mit Kindern zu tun, d e das Leben schon etwas gehärtet hat und die der Geschichte neben einer noch naiven Gläubigkeit doch ein schon reiferes Verständn's entgegenbringen. Die Erzählung im Sinne Staudes gar erst der Oberstufe zuzuweisen, verbietet sich neben schon von Gottschalk angeführten Gründen auch deshalb, weil dieser Schrifttext in den Jugendgottesdiensten des Neujahrsfestes verlesen wird und weil auf der Oberstufe die Akeda noch in einer anderen unterrichtlichen Behandlungsweise dargeboten . werden soll. Bei einer so dramatisch verlauf enden Geschichte sollte man m. E. der erzählenden gegenüber der sonst auf der Mittelstufe meist angewandten entwickelnd-darstellenden Lehrform den Vorzug geben. Wir sollen auch nicht versäumen, die Freude über den Besitz des langersehnten Kindes recht anschaulich zu schildern, damit vor diesem Hintergrunde die Größe des geforderten Opfers den Schülern um so deutlicher bewußt werde. Wird die Geschnellte in größerer Ausführlichkeit, aber dennoch in möglichstem Anschluß an den Bibeltext gut erzählt, dann ist eine eingehende Besprechung nicht nur überflüssig,, sondern sogar von Uebel. Es genügt auf dieser Stufe die Kinder mit dem Gedanken zu erfüllen: der fordernde Gott und die menschliche Bereitwilligkeit, ihm auch das Teuerste ohne Murren zu opfern. Der bekannte Satz, der Hiobs fromme Ergebung ausdrückt, und die Lesung und kurze Besprechung des Kaddischgebets mögen den Abschluß der unterrichtlichen Behandlung bilden. Ein Anschauungsbild zur Akeda vermag die Freude an der Erzählung zu erhöhen und — falls der Künstler nicht ein bloßer Illustrator ist — sowohl Geist wie Gemüt der Kinder zu bereichern. Auch kann bei der Wiederholung das Bild dem schon bekannten Stoff neues Interesse abgewinnen. Ich empfehle für diese Stufe unter den mir bekannten bildnerischen Darstellungen der Akeda ein Werk des 29jährigen Rembrandt aus dem Jahre 1635. Drei Personen treten uns auf diesem Bilde vor Augen: rücklings mit gebundenen Händen über dem zum Brandopfer gespaltenen Holze liegend, der fast nackte Isaak; in der Mitte, das Gesicht von weißem Haar umrahmt, die kraftvolle Gestalt. Abrahams; darüber der in schnellem Fluge herniederschwebende Engel. Abrahams Hand, eine breite, schwere Männerhand, bedeckt das Gesicht des Knaben und preßt den Kopf des Kindes herunter, um den Hals bloßzulegen und ein etwaiges Aufbäumen zu verhindern. Viel Frömmigkeit liegt in dieser unerbittlichen Härte. Abraham unterdrückt mit übermenschlicher Energie seine Vatergefühle, um mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft den Gottesbefehl zu vollführen. Da erscheint im entscheidenden Augenblick der Engel. Mit der Rechten umfaßt er Abrahams Arm, daß diesem das Opfermesser entfällt, mit der Linken; deutet er an, daß ein Höherer ihn gesandt hat. Wie Abraham zu dem Engel emporschaut, ist in seinem Gesicht kein Schimmer von Freude zu lesen. Ganz energiegeladen, ganz erfüllender Wille, sieht er sich durch den Hirhmelsboteri in seinem Vorhaben gestört, und verwirrt scheint er zu fragen: „Was noch will Gott, das ich tun soll?" — Das Schlachtmesser und der den Opfertod erwartende Knabe haben nun nichts Schreckhaftes mehr für den jugendlichen Beschauer, denn der Bann ist gelöst: im nächsten Augenblick wird Abraham den »wiedergeschenkten Sohn unter Freudentränen in die Arme schließen, und dankbar werden die beiden schwergeprüften Menschen die göttliche Gnade preisen, die sich mit der opferbereiten Gesinnung zufrieden gibt. Um eine wirklichkeitsgemäße Behandlung, also um biblische Geschichte, handelt es sich auf der Oberstufe der Volksschule und den entsprechenden Klassen der höheren Lehranstalten. Wenn sich der junge Mensch mit zunehmend sichgeltendmachendem Verstände anschickt, vom Kinderzum Männer- bzw. Frauenglauben zu schreiten, dann gilt es, ihn gegen die Gefahren des religiösen Zweifels wie gegen die Gefahren der Aufklärung durch Personen und Schriften — zu immunisieren. Die Erfahrung beweist, daß die Sagengeschichten der Bibel leicht zu Anstößen des Glaubens werden. Ein Lehrer, der nicht Vogelstraußpolitik treiben, sondern' reifenden Menschen in ihren Denk- und Gewissenskrisen ein hilfsbereiter Freund und Berater sein will, wird darum Kabischs schönen Ausspruch beherzigen: „Dann hat der Lehrer seine Pflicht erfüllt, wenn die Kinder der obersten Klasse die biblischen Sagen mit dem Verstand als solche erkannt, mit dem Gemüte als feinste Dichtungen liebgewonnen und als Hüllen wertvollster religiöser und sittlicher Wahrheiten mit Ehrfurcht betrachten gelernt haben"27). Es bedeutet für uns auch einen unterrichtlichen Gewinn, daß die Erzväter uns wieder geschichtliche Persönlichkeiten geworden sind, daß insbesondere Abraham, religionsgeschichtlich betrachtet, wieder als „der Fels, aus dem wir gehauen", als der Träger einer höheren Gotteserkenntnis in vormosaischer Zeit erkannt worden ist. Es ist ein Irrtum Kirschsteins28), wenn dieser ausgezeichnete Schulmann in seinen geistreichen Ausführungen über die Akeda erklärt: „Die Menschen, die niemals ein leibhaftes Leben gehabt, die Ideale des Volksgeistes stehen an Wirksamkeit durchaus nicht hinter denen zurück, die körperhaft durch das Leben geschritten und mit ihrem Geiste der Nation und der Menschheit sich eingelebt haben". Es sei daher, meint Kirschstein, der unter dem Einfluß Wellhausens und se:ner Schule in den Vätergeschichten nur Erfindungen aus späterer Zeit sieht, durchaus gleichgültig, ob beispielsweise Teil eine historische Person oder ein Sagengebilde, ob der körperbehaftete oder der von der Volksphantasie gezeugte Mann als Träger und begeisterndes Vorbild aller Mannes- oder Bürgertugenden seiner Nation und der Menschheit voranleuchte.— Die durch Abrahams und Isaaks Opferwilligkeit zum höchsten Martyrium Entflammten haben die Wirklichkeit der Akeda keinen Augenblick bezweifelt; aber man frage sich, ob bei denselben Menschen die Wirkung die gleiche gewesen wäre, wenn sie in Abraham nur eine Gestalt der Dichtung gesehen hätten? Oder man vergegenwärtige sich den freilich unwahrscheinlichen Fall, es sei eines Tages festgestellt, der christliche oder der islamische Religionsstifter habe nicht gelebt. Welche ungeheuren Folgen würde eine solche Erkenntnis für den religiösen Glauben unzähliger Menschen haben! Selbstverständlich können Personen, die nicht gelebt, und Geschichten, die nie und nirgends sich begeben haben, von hohem erziehlichen Wert sein, denn im Religionsunterricht kommt die Frage nach der Geschichtlichkeit der erzählenden Stoffe erst in zweiter Linie in Betracht. Aber schon ein frühreifes Kind, das ttei einer Erzählung, die seine unmittelbare Erfahrung übersteigt, die Eltern oder den Lehrer fragt: „Ist das wahr?" rührt unbewußt an etwas, was Goethe „die ungeheure Macht der Gegenwart" nennt. Religiöse Gefühle sind — im Gegensatz zu den ästhetischen Gefühlen — in stärkster Weise von Seinssetzungen abhängig. Mag deshalb im religiösen Anschauungsunterricht auf der Unter- und Mittelstufe der nur der Form nach geschichtliche Stoff zumeist die