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Jüdische Schulzeitung · 1937-02-01 · 2 (1.2.1937) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
2 (1.2.1937)
Date
1937-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 J ü dische Sch ulzeitung Nummer;/2 Aber wenn selbst in unserm aufgeklärten 20. Jahrhundert da und dort manch totgesagter Aberglaube wieder sein unheimliches Wesen treibt, darf es uns da wundern, wenn in dem Auf und Ab der israelitischen Geschichte auch das Kinderopfer wieder aus der Versenkung auftaucht?. So hat der rauhe Kriegsmann Jephta, um ein unbedachtes Gelübde zu erfüllen, seine Tochter, sein einziges Kind, geopfert; hat in Ahabs Tagen Hiel aus Bethel beim Wiederaufbau Jerichos um den Preis seines Erstgeborenen den Grund gelegt, um den Preis seines Jüngsten die Tore eingesetzt (I. Kön. 16, 34). Und als in der späteren Königszeit sich durch hereinstfömende fremde Kultur ein religiöser Synkretismus ausbreitete, hat man an der Südostseite Jerusalems, im Tale Benhinnom19), dem scheußlichen Moloch20) Kinder geschlachtet und verbrannt. Selbst Könige, wie Ahas (iL Kön. 16, 3) und sein Enkel Manasse (II. Kön. 21, 6), haben sich solcher Greuel schuldig gemacht. Vergebens eiferten Jeremia und Ezechiel gegen diesen Rückfall in heidnische Naturreligion; vergebens bedrohte der israelitische Gesetzgeber in Lev. 20, 2 jedermann, der se'ne Kinder dem Moloch hingäbe, mit dem Tode. Und selbst Josias Reform, die mit scharfem Besen viel götzendienerisches Unwesen beseitigte, hat das genannte Uebel nur für kurze Zeit ausrotten können. In den unheimlichen Zeiten, da rohe Assyrerheere Tod und Verwüstung verbreiteten, mochte das verzweifelte Volk glauben, daß das Menschenleben von Mächten bestimmt werde, die nicht Liebe und Mitleid kennen, und daß man den zürnenden Gott nur durch Hingabe des teuersten Besitzes, nur durch das Opfer des Erstgeborenen oder einzigen Kindes besänftigen könne. In Micha 6, 6—7 spricht das verblendete Volk: „Womit soll ich vor den Ewigen treten, mich beugen vor dem Gott in der Höhe? . . . Soll ich ihm etwa meinen Erstgeborenen als Sühne für meine Missetat hingeben, meine Leibesfrucht für die Schuld meiner Seele?" — Und die klassische Antwort lautet: „Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: nichts anderes als Recht tun, Milde lieben und in Demut wandeln mit deinem Gotte." In diesem wundervollen Dreiklang, wovon, wie Sellin sagt, Arnos, Hosea und Jesaja immer einen Grundton variiert haben, ist auch das Tieropfer seelisch überwunden und wiederum eine tiefere Einsicht in das Wesen reiner und echter Gottesverehrung unter schweren Kämpfen und Leiden gewonnen worden. In den Tälern aber trieben die Nebel noch lange ihr Spiel: erst das Exil hat das Kinderopfer für alle Zeit aus Israels Mitte verbannt. Ein Kapitel von solch tiefreligiöser Eigenart und solcher religions- und weltgeschichtlichen Bedeutung verdient, ja erfordert, daß unsere jüdische Jugend aufs innigste mit ihm vertraut gemacht werde. Entsprechend den Altersstufen unserer Schüler empfiehlt sich eine dreifache Behandlungsweise: eine phantasiemäßige, bei welcher die Geschichte kindlich schlicht in Annäherung an den Bibeltext erzählt wird; eine wirklichkeitsgemäße unter Erarbe'tung des wahrscheinlichen Sachverhalts und der weiteren Geschichte des Kinderopfers in Israel-Juda; sowie endlich eine philosophische Behandlungsweise, bei der es -sich um religionsphilosophische Gedankengänge in Beziehung auf .den Stoff der Akeda handelt21). Die Phantasiestufe umfaßt die Zeit vom 6. bis 10. Lebensjahr, in der das Kind noch naiv-gläubig ist. Wegen ihres leicht faßlichen Motivs — Gott will einmal sehen, ob Abraham ihn von ganzem Herzen liebt —, wegen der kindertümlichen Art, mit der die himmlischen und irdischen Personen miteinander verkehren, und zuletzt auch wegen der plastisch-lebendigen Erzählweise möchte man diese Geschichte als geeignete Geisteskost schon unseren Jüngsten vorsetzen und sie darum dem Pensum der Unterstufe zuweisen. Dagegen aber erhebt s:ch vielstimmiger Widerspruch. „Die Opferung Isaaks", sagt der .als einsichtsvoller Religionspädagoge bekannte Hermann Tögel, „wirkt auf die Kinder grausam und quälend, obwohl ihr Sinn das Gegenteil bedeutet. Aber diesen S:nn verstehen kleinere Kinder nicht . . . Die Geschichte muß endgültig aus dem Unterricht der Kleinen verschwinden"22). Und in den Monatsheften für den evangelischen Religionsunterricht (Jahrg. 1914, S. 151) klagte eine bekannte Frankfurter Lehrerin, daß viele Religionslehrer, ohne sich dessen bewußt zu sein, durch eine gefährliche Anschaulichkeit bei Kindern mit lebhafter Phantasie oder von großer Sensibilität oder' denen alles Häßliche, Gewaltsame, Rohe bisher von sorgenden Eltern ängstlich ferngehalten wurde, schweren Schaden anrichten. — Auf jüdischer Seite bemängelt Göttschalk23) die Manipulation mit dem Schlachtmesser, und auch er fordert, ähnlich wie die Vorgenannten, daß alles, was Schrecken und Grausen erregt, den - Kindern fernbleibe oder umschrieben werde.- Doch will er die Akeda im Unterricht der Kleinen nicht missen, weil sie für "den Charakter Abrahams bezeichnend ist, und weil — ein seltener Fall in der biblischen Geschichte —- hier ein Kind handelnd auftritt, das darum Abrahams Angst und Freude doppelt leicht begreiflich macht. Gottschalk hat daraufhin die ganze Opferhandlung gestrichen und bietet nun einen, wie ermeint, „einwandfreien Text, in dem der Hauptgedanke zu seinem Rechte kommt." Das letztere trifft aber durchaus nicht zu, da durch Wegfall des spannenden Details das dürftige Gerippe die Kinder unbefriedigt läßt und sowohl das Gemütanregende wie die moralische Wirkung verloren geht. — Nicht so weit wie Gottschalk geht Staude24), der in seinen in zahlreichen Auflagen erschienenen Präparationen gegenüber „dieser wegen ihrer Kraßheit und wegen ihrer Gottes Vorstellung oft beanstandeten Geschichte" die Forderung erhebt, 'daß auf jeden Fall das Hauptgewicht nicht auf den unvermeidlichen Ritus des eigenhändigen Schlachtens, sondern auf den Sinn dieses Ritus, d. h. auf das freiwillige Hingeben einer wertvollen Gabe an Gott gelegt werde. Doch erklärt sich Staude ganz damit einverstanden, daß man diese Geschichte auf der Unter- und Mittelstufe, wegläßt und sie der Oberstufe vorbehält, wo sie gleich religionsgeschichtlich gefaßt und geklärt werden kann. — Zurhellens und einige andere Methodiker fürchten, das zarte Pflänz-: chen kindlichen Gottvertrauens könne unheilbaren Schaden nehmen, würde man so jungen Kindern erzählen, der liebe'Gott habe von einem Vater verlangt, ihm seinen Sohn zu opfern. Sie stellen deshalb die Geschichte so dar: Abraham will nach dem Beispiel seiner Umgebung dem lieben Gott sein Liebstes hingeben, doch Gott lehnt unter Anerkennung der von Abraham bewiesenen Gottesliebe das Sohnesopfer ab. — Aber die erziehliche Wirkung wird auf dieser Stufe doch stark beeinträchtigt, wenn das Motiv für Abrahams Tat nicht Glaubensgehorsam, sondern ein Glaubensirrtum ist.—•Wir wollen zum Schluß noch anführen, was Susanne Tank, eine Meisterin ihres Faches, über eine Durchnahme dieser Geschichte mit Kindern des zweiten Schuljahres berichtet25). Sie hatte erwartet, daß die Erzählung bei so jungen Kindern Schwierigkeiten bereiten würde, und war nun überrascht, daß ihre Befürchtung nicht eintraf. „Es war keiner da, der sich darüber entsetzt hätte, daß der Vater den eigenen Sohn töten will. Ich hatte fast gefürchtet, den Einwand zu hören: „Aber das darf er doch nicht!" Im Gegenteil': die Kinder verstanden durchaus seinen demütigen Gehorsam. Auch die Gottesforderung: „Opfere mir deinen einzigen Sohn!" hatte für sie 'nichts Abstoßendes. „Der liebe Gott hat ihm Isaak geschenkt,, dann kann er ihn auch wiedernehmen." Aber es ging doch ein erlösendes Aufatmen bei dem versöhnenden Schluß durch die Klasse, und Abrahams Freude über den wiedergeschenkten Sohn konnten sie doch tiefer nachempfinden als sein hingebendes Gehorchen. „Gott wollte nur sehen, ob Abraham ihm ganz gehorsam ist" — - und damit erhielt auch das Gottesbild einen milden Zug, den sein harter Befehl fast ausgelöscht hatte. Auch darin stehen die Kinder dem antiken Erzähler doch wundersam nahe, daß sie in dieser Härte nichts Abstoßendes finden." Auch der anscheinend gelungene Versuch Susanne Tanks kann die Bedenken derjenigen nicht zerstreuen, die die Geschichte für die Unterstufe noch für verfrüht halten. Kann die Lehrerin wirklich mit aller Sicherheit behaupten, keiner habe sich darüber entsetzt, daß der Vater den einzigen Sohn töten will? Wer sagt ihr, daß nicht die Aengstlichen sich fürchteten, die Innerlichen aus einer gewissen Scham-heraus sich scheuten, ihre Gefühle vor der Klasseriöffentlichkeit zu offenbaren? Ueberhaupt überrascht, .mit welcher Sicherheit sie von dem

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