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Jüdische Schulzeitung · 1937-02-01 · 2 (1.2.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
2 (1.2.1937)
Date
1937-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nummer 2 Jüdische Sc hui zeit ung Seite 3 Taten abgewinnen kann". Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Kraft, und - : r ■ Dunkeln muß der Himmel rings im Runde, Daß sein Sternenglanz zu leuchten wage; Stürmen muß das Meer bis tief zum Grunde, Daß ans Land es seine Perlen trage; Klaffen muß des Berges offne Wunde, * Daß sein Goldgehalt ersteh' zu Tage; Dunkle Stunden müssen offenbaren, Was ein Herz des Großen birgt und Klaren v (Anast. Grün). Aber jedes Opfer, das der Fromme willigen Herzens bringt, stärkt in ihm zugleich auch die Kraft der Ueberwindung15) und verbindet ihn inniger mit seinem Gotte. — M'.t der Akeda empfing Abrahams Lebenswerk seine Krönung und seinen eigentlichen Abschluß. Nur noch konnte sich's für ihn darum .handeln, den Ertrag seines gotterfüllten Lebens auf die Nachwelt im Sinne von Gen. 18, 19 sicherzustellen. Und die Nachwirkungen dieses gesegneten Patriarchenlebens, insbesondere der uns hier beschäftigenden Opferung Isaaks, sind wahrlich nicht gering. Abraham eröffnet die stolze . Reihe jener großen israelitischen Persönlichkeiten, die in heroischer Leidenschaft den vernommenen Gottesruf mit einem rückhaltlosen „Ich will" beantworten, die nichts von den Ausflüchten wissen, mit denen schwächere Naturen sich ein kategorisches Sollen zu erleichtern suchen. — Bei weitem mehr als die Heldentaten der Makkabäer, denen Israel doch seinen Fortbestand verdankt, hat sich Abrahams Glaubenstat dem Gedächtnis seiner Nachkommen eingeprägt. An dem Beispiel Abrahams und Isaaks haben die Glaubenstreuen in allen den zahlreichen Verfolgungen und Austreibungen der jüdischen Vergangenheit ihren Glaubensmut gestärkt und aufgerichtet. „Isaak ist das Haupt der Gebundenen und Gemarterten", heißt es darum im Midrasch. — Und was die jüdische Volksseele lebendig empfand, hat zu allen Zeiten im Gebet und Lied vielfältigen Ausdruck gefunden. An 30 Akedot-Dichter haben nach Zuntz die Opferung Isaaks besungen. Das Neujahrsfest weckt in besonderem Maße durch Tora-Vorlesung, Widderhorn und Gebetesworte die Erinnerung an die Akeda, um daran die Bitte zu knüpfen, Gott möge am Tage des Gerichts Lim dieser verdienstlichen Tat des Stammvaters willen sich unser erbarmen und seinen Zorn über unsere Verfehlungen unterdrücken, wie Abraham seine Vaterliebe unterdrückt hat. — Im Christentum galt die Opferung Isaaks als Vorbild des Sohnesopfers und der Menschheitserlösung am Kreuz. Diese Auffassung, von den Kirchenvätern Ambrosius und Augustinus begründet, ward bis ins späte Mittelalter hinein durch exegetische und homiletische Beweismittel gestützt. — Auch Mohammed preist in Sure 37 „Ibrahims" Opfertat; doch ist es hier nicht Isaak, sondern Ismael, an dem die Opferung vorgenommen werden sollte16). — Der Stoff der Akeda hat die bildende Kunst zu unzähligen Schöpfungen angeregt: die kirchliche Kunst schätzte ihn wegen der ihm von der Kirche beigelegten christologischen Bedeutung, während neuere Meister unter dem Eindruck der dramatisch-bewegten, bei aller Realität der geschilderten Vorgänge tiefbeseelten Erzählung uns neue Schönheit offenbarten. Doch hat keiner so ergreifend wie der große Bibelfreund und Seelenkünder Rembrandt uns Abrahams Opferbereitschaft in Bild (1635) und Radierung (1655) vor Augen geführt. Auf jüdischer Seite' enthalten die Haggada von Sarajevo aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und die ziemlich gleichzeitige Haggada des Britischen Museums Darstellungen der Akeda. Dagegen hat der klassische Stoff, der jüdisches Denken und Dichten so stark beherrscht hat, bei modernen jüdischen Meistern nur geringe Beachtung gefunden17). Neben dem individualpsychologischen Motiv der Glaubensbewährung Abrahams enthält die Akeda gleichzeitig noch ein entwicklungsgeschichtliches Moment, nämlich die Läuterung der Gotteserkenntnis und die Ueberwindung des Kinderopfers. (Baudissin bemerkt mit Recht, daß die moralische und die religiöse Entwicklung stets in Israel gleichen Schritt gehalten haben.) —Noch vor einem halben Jahrhundert sahen selbst besonnene Vertreter der Bibelwissenschaft in Abraham nur eine Phantasiegestalt der dichtenden Volksseele, nur die- Projektion der verschiedenen nachmosaischen Perioden in die ideale Heroenzeit des Volkes. Aber immer mehr hat sich, namentlich auf Grund der neugewonnenen altorientalischen Daten, die Annahme befestigt, daß diejenigen, die uns diese Berichte in der Genesis überlieferten, von dem wahren Gange der Dinge mehr wußten, als es die alttestamentliche Wissenschaft der letzten 50 Jahre zugeben wollte. Daß die Vätergeschichten nicht freie Erfindungen — Erfindungen zu dem Zweck, um die Vergangenheit des israelitisch-jüdischen Volkes zu verherrlichen — sondern daß sie als Berichte auf Grund richtiger geschichtlicher Ueberlieterung anzusehen sind, erweist schon der Umstand, daß das Milieu der Vätergeschichten vortrefflich zu den Kulturverhältnissen paßt,- wie sie uns die Keilschriftforschung für jene Zeit vor Augen führt; aber ferner auch, daß der Text sich von künstlicher Idealisierung fernhält, was nicht der Fall wäre, wenn es sich um freie Dichtungen der Königszeit handelte. Halten wir mit Elias Auerbach, Böhl, Cornill, Dillmann, Ewald, Jeremias, Jirku, Kittel, König, Lötz, Oettli, Procksch, Rothstein, Strack und Wilke Abraham für eine geschichtliche Persönlichkeit, so ist damit keineswegs gesagt, daß auch alle geschilderten Einzelzüge geschichtlich sein müssen. Vergessen wir nicht, daß Volkssagen nicht Geschichtsquellen im strengen Sinne sind, daß mancher geschichtliche Einzelzug im Laufe der Jahrhunderte mündlicher Ueberlieferung übermalt oder weiter ausgemalt sein kann. Daß deshalb bei Prüfung aller vorliegenden Daten mehrere Beurteiler zu abweichenden Resultaten gelangen können, ist nur zu begreiflich. So erklärt Gunkel, daß die Geschichte von der Opferung Isaaks weiter nichts als ein Charakterbild — die Versuchung des Gerechten — zeichnen wolle und darum jeder Polemik entbehre, während andere Gelehrte, wie Baudissin, Camphausen. Cornill, Franz Delitzsch, DMlmann, Ewald, Kittel, König, Mader, Marti, Meinhold, Procksch, Reuß, Wilke und auf jüdischer Seite Abraham Geiger, Julius Fürst und Max Wiener darin einen Protest gegen das Menschenopfer erblicken. Wie mir scheint, handelt es sich in unserm Kapitel 22, das weder buchstäblich zu nehmende Geschichte noch ganz freie Dichtung ist, um folgenden Sachverhalt. Wahrscheinlich war in prähistorischer Zeit auch unter Israels Vorfahren, den Vorfahren der von Mose zum Volke Israel zusammengefaßten Stämme, das Kinderopfer ein — wenn auch selten geübter — Kultbrauch18). So bedurfte es für Abraham nicht erst des Beispiels seiner heidnischen Umgebung, um sich zu entschließen, den ihm von Sara geschenkten und nach der Entlassung Ismaels einzigen Sohn auf der berühmten Kultstätte des Moria seinem Gotte zu opfern. Aber schon auf dem Wege dahin mögen ihm Zweifel an der Berechtigung dieses grausamen Brauches aufgestiegen sein. Als dann der todgeweihte Knabe gebunden auf dem Opferholze lag, als Abraham in das angstverzerrte Gesicht des unschuldigen Kindes blickte und vielleicht auch dessen Angstruf ihm in den Ohren gellte — da schrie es in ihm auf: „Mord ist's, was du vorhast, kein frommes Opfer! Dein Gott ist kein gefühlloser Dämon, der an der Vernichtung eines blühenden Menschenlebens Freude haben könnte!" Und Abraham befreit das gequälte Kind und opfert einen Widder an seines Sohnes Statt. — Große moralische und religiöse Fortschritte sind niemals durch eine allmähliche Vervollkommnung des volkstümlichen Bewußtseins entstanden. Wenn nun das Kinderopfer schon in Moses Tagen außer Uebung war, so kennen wir in vormosaischer Zeit keine religiöse Persönlichkeit, der wir die Befreiung von dieser traurigsten alier menschlichen Verirrungen mit größerer Wahrscheinlichkeit zuschreiben können, als dem ersten Stammvater. — Jene Schicksalsstunde Abrahams, in der unter Leid und Graus eine neue Gotteserkenntnis entbunden ward, war zugleich eine Schicksalsstunde der Menschheit: mythische und naturhafte Züge, die dem Gottesbilde anhafteten, sind geschwunden; eine dieses vergeistigten Gottes würdigere Gottesverehrung ist, zunächst in kleinerem Kreise. Selbstverständlichkeit geworden.

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