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Jüdische Schulzeitung · 1937-02-01 · 2 (1.2.1937) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
2 (1.2.1937)
Date
1937-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 J üdische Schulzeit ung 'Nummer 2-- Hand bereitet er, besonnen und ohne Hast, als kaum der Morgen graut, alles für die Opferhandlung Nötige vor; aller Widerstreit der Gefühle und Gedanken auf der dreitägigen Reise kann seine Bereitschaft nicht erschüttern, und selbst als die Erfüllung des schier Uebermenschliches fordernden Auftrags immer näher rückt, vernehmen wir aus Abrahams Munde keine Klage, kein Gebet um Zurücknahme des göttlichen Ansinnens oder die Bitte, sich selbst für Isaak hingeben zu dürfen: ein Schauspiel, das nach einem alten Wort die Scharen der Himmlischen mit inniger Anteilnahme und staunender Bewunderung verfolgten. Diesem Kapitel von antiker Größe ist Tadel und Ablehnung nicht erspart geblieben. Die Feindschaft gegen das Alte Testament erblickt in dieser Erzählung ein Beispiel für die Minderwertigkeit jüdischer Denk- und Gefühlsweise und will sie deshalb aus dem Religionsunterricht verbannt wissen. Aber auch von einem weniger voreingenommenen Beurteiler des Alten Testaments wird eingewandt: „Die Geschichte der Opferung Isaaks widerspricht unserm natürlichen Empfinden geradeso wie unserer Gottesvorstellung. Ein Gott, der von einem Vater verlangt, daß er seinen einzigen Sohn ihm opfern soll, ein Vater, der hingeht, diesen Einzigen auf abgelegener, einsamer Bergeshöhe wie ein Opferlamm zu schlachten, der ohne Frage ihm das Messer ins Herz gestoßen hätte, wenn nicht im letzten Augenblick das befreiende Wort an sein Ohr gedrungen wäre, einer jener Texte des Alten Testaments, gegen den sich unser ganzes menschliches Empfinden, unsere sittlichen Begriffe auflehnen, unter ihnen allen vielleicht der abstoßendste"7).— Auch Else und Otto Zurhellen, die Verfasser des weitverbreiteten Händbuches „Wie erzählen wir den Kindern die biblischen Geschichten?" bemängeln: „Um den Glauben eines Menschen zu erproben, sein Vaterherz derart grausam zu foltern, ist nie und nimmer sittlich recht und von Liebe tausend Meilen entfernt. Alle Bewunderung der Glaubensgröße des Abraham hilft über dies Empfinden nicht hinweg: ja der Glaube Abrahams wird eher als ein unwürdiger Kadavergehorsam empfunden"8). Wenn der Text dieses Kapitels wirklich unserem ganzen menschlichen Empfinden und unseren sittlichen Begriffen Hohn spräche, wie erklärt sich's dann, daß ungezählte junge und alte Menschen, die sich im Laufe der Jahrtausende mit ihm beschäftigten, darob keinen Schaden an ihrer Seele genommen haben, ja daß diese Geschichte in religiöser, sittlicher und künstlerischer Hinsicht unendlich segensreich gewirkt hat? — Gewiß ist den beiden biblischen Personen Ungeheures aufgebürdet worden, aber geben uns manche andere Menschenschicksale aus alter und neuer Zeit weniger schwierige Rätsel auf? So konnte in Tagen der Religionsverfolgung die Mutter Hanna klagen, Vater Abraham habe nur einen Altar gebaut, um ein Kind darauf zu opfern, sie aber habe deren sieben errichtet. Da nun auch kein Engel des Himmels den Henkern wehrte, starben die arme Mutter und ihre sieben Söhne den Märtyrertod für ihren Glauben. Und während des Judenmordens in der Zeit der 'Kreuzzüge geschah es nicht selten, daß jüdische Väter ihren Kindern das Messer ins Herz stießen, um ihnen Schlimmeres zu ersparen. „War das von Gott sittlich recht und nicht von Liebe tausend Meilen weit entfernt?" könnten mit gleichem Recht — oder Unrecht! — Zurhellens fragen. — Dabei ging es in der Akeda noch verhältnismäßig glimpflich zu. Gott befiehlt nicht diktatorisch, sondern spricht in bittendem Tone9), gleichsam als fühlte er den Schmerz, den er dem Stammvater bereitete; Gott überfällt den1 Abraham nicht mit dem harten Ansinnen, sondern bereitet ihn allmählich auf das Schwere vor10); er nimmt seine Forderung zurück und gibt sich mit der opferbereiten Gesinnung zufrieden, und er erneuert, bekräftigt und erweitert seine früheren Verheißungen.— Und wie steht es mit Abrahams „Kadavergehorsam?" Wer Abrahams stumme; Opferbereitschaft mit diesem Namen bezeichnet, wird weder dem Stammvater noch dem Wesen wahrer Frömmigkeit gerecht. „Kadavergehorsam" wäre es gewesen, wenn Abraham mit ohnmächtigem Zähneknirschen sich der Forderung eines brutalen Machthabers unterworfen hätte; aber der „Vater der Gläubigen", der bei anderer Gediegenheit sehr wohl von Gott an Gott zu appellieren wußte; gibt in einem Akt höchster Freiheit'seinen Sohn, seinen Einzigen, dem Opfermesser preis, um seiner Gottesliebe auch das Teuerste nicht zu versagen11).— Und es v/ar gut und he% sam für die Nachkommen der Patriarchen, daß der Genius ihrer Geschichte ihnen schon in grauer Vorzeit an einem leuchtenden Beispiel gezeigt hat, wieviel wichtiger es ist, Gottes oft . harte Forderungen zu erfüllen, als Gott uns'für unsere irdi-v sehen Zwecke dienstbar zu machen. -Bedeutet doch die Auserwählung Israels keineswegs ein Privilegium auf ein bequemes, mit Glücksgütern gesegnetes Leben; sie fordert vielmehr von den zu dieser Sendung Berufenen ein besonders hohes Maß von Verantwortung und von Strenge gegen sich selbst12). Eine andere Frage ist, ob der allwissende Gott, welcher der Menschen Gedanken und Taten schon im voraus kennt, sich und Abraham diese. Prüfung nicht hätte ersparen können. Von der Zeit der Mischna bis in unsere Tage hat dieses Problem jüdischen Denkern viel Kopfzerbrechen bereitet. Der verdienstvolle Benno Jacob nimmt in seinem Kommentar zurw Genesis einen auch von Raschi angeführten Erklärungsversuch einiger unserer alten Lehrer wieder auf. Danach hat nicht Gott den Abraham geprüft, sondern „der Elohim", d. i. der Ankläger in der himmlischen Schar, der als Gottes Staatsanwalt Abrahams Frömmigkeit verdächtigt und daraufhin von Gott die Erlaubnis erhalten hat, des, Patriarchen Opferbereitschaft auf die Probe zu'stellen. Was der Prolog im Buche Hiob in dramatischer Entfaltung bringt, das sei — wie Jacob meint —• hier in die Einleitungsworte: „und es geschah nach diesen Begebenheiten und der Elohim prüfte den Abraham" zusammengefaßt. „Vers la ist der Prolog im Himmel". — Nur schade, daß diese geistreiche Erklärung sich mit dem schlichten Bibelwort nicht in Einklang bringen läßt. Zunächst ist nicht einzusehen, warum der biblische Erzähler ein für das Verständnis dieser Geschichte so wichtiges Gespräch zwischen Gott und dem Ankläger nur mit ein paar unbestimmten Worten angedeutet haben sollte. Treffend bemerkt auch Samson Raphael Hirsch, daß zum Nichtopfern die Sendung eines Engels genügte, weil sich das allem dem Abraham bekannten andern harmonisch einfügte. :,Aber hätte ihm ein Engel die Aufforderung gebracht: „Opfere deinen Sohn", er hätte ihm nicht geglaubt, so sehr außer allem Zusammenhang und so in schreiendem Widerspruche mit allein, was er von Gott im allgemeinen wußte und was ihm Gott bisher in betreff Isaaks im besondern offenbart hatte, stand diese-Aufforderung"13). Auch hätte der „Engel Gottes", der nach B. Jacob derselbe Satan ist, der — wie im Hiobbuche — als Geist, der stets verneint, selbst hinter der einwandfreiesten Gesinnung immer noch egoistische Hintergedanken wittert, sich schwerlich zu einer bedingungslosen Anerkennung der von Abraham bewiesenen Gottesliebe bereit finden lassen. Wenn man im übrigen bedenkt, daß nach Gen. 6, 6—7 Gott bereut, die Menschen geschaffen zu haben,- oder daß Gott, wie es in Gen. 18, 21 heißt, hinabsteigen will, um die Berechtigung des über Sodom zu ihm gelangten Gerüchtes zu prüfen, oder daß selbst noch in dem zeitlich viel späteren Deuteronomium (13, 14) gesagt wird: „Denn der- Ewige, euer Gott, stellt euch auf die Probe, um zu erkennen, ob ihr den Ewigen, euren Gott, von ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebhabt" — dann wird man sich schwerlich der Erkenntnis verschließen, „daß der Gedanke der göttlichen Allwissenheit nur langsam im Volksbewußtsein reifen konnte und erst durch die Propheten seine Ausgestaltung erfahren hat"14). Der Perek setzt sich über diese theologische Schwierigkeit hinweg, indem er erklärt, die über Abraham verhängten Prüfungen hätten bezweckt, „kundzutun", wie groß die Gottesliebe Abrahams, unseres Ahns, gewesen sei. Auch der Midrasch liest in Vers 22, 12b H o d a t i statt J a d a t i und läßt sonach Gott sprechen: „Ich habe es allen bekannt gemacht, daß du mich nicht bloß fürchtest, sondern liebst". Erst durch schwere Prüfungen wird dem Frommen selbst, wie seiner" Mit- und Nachwelt klar, „was sich der gottergebne Mensch für

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