Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (1.12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 12 Jüdische Schul zeit u ng Seite 5wenig© Tage nach der Ankunft der königlichen Kommission nach Palästina versprechen dürfen. Die Widersprüche in den Berichten über den irakischen Staatsstreich können die Unsicherheit der Berichterstattung zum Bewußtsein bringen. Andererseits läßt sich aus diesem Beispiel mancherlei über den vorderasiatischen Nationalismus entwickeln. Die Palästinadebatten in den.englischen Abgeordnetenhäusern zeigen die Verflechtung der inner englischen politischen Gruppierungen: mit der Palästihapolitik, der Kampf um die Besetzung des Bürgermeisterpostens in Tel Awiw veranschaulicht Tätigkeit und Grenzen jüdischer Selbstverwaltung im Lande. Es ist eine Aufgabe für die Geschicklichkeit des Lehrers, bei solchen schwierigen Themen zwischen freier Stoffdarbieturig, der gemeinsamen Zeitungslektüre und dem Schülerreferat abzuwechseln. In der Praxis zeigt sich, daß die Schwierigkeit oft weniger am Stoff selbst, als an dem Stil der Zeitung liegt. Fremd- und Fachworterklärungen hemmen die Lektüre off. Sorgfältige Vorbereitung und Auswahl ist daher durchaus notwendig. Eine Hilfe in der Behandlung solcher Stoffe aber hat die Schule an dem Bund. Er regt das Interesse der Kinder für die Stoffe meist stark an, wohingegen die tatsächlichen Kenntnisse, die er vermittelt, häufig geringer sind. Gelegentlich wird eine Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Führer des Bundes wie auf allgemeinem pädagogischem Gebiet so auch hier förderl:ch sein: Schule und Bünde können sich in gewisse Stoffgebiete teilen oder sich ergänzen. Hier hängt aber alles von den jeweiligen örtlichen Verhältnissen ab. Palästinens sche Zeitungen sind nicht leicht zugänglich und ihre Lektüre erfordert ein recht beträchtliches Maß hebräischer Kenntnisse, das bei dem augenblicklichen, noch nicht befriedigenden Stand des hebräischen Unterrichtes in unseren Volksschulen wohl kaum erreicht wird. Als ein gewisser Ersatz darf aber die hebräische Wandzeitung des K'KL. betrachtet werden, von der uns das illustrierte Tischriblatt 5697 vorliegt, welches in abwechslungsreicher-Folge von der Lage im Lande, vom KKL. u. a. erzählt, doch sind diese Blätter, ebenso wie fremdsprachliche Zeitungen überhaupt, vor allem wichtig als Hilfsmittel des Sprachunterrichts; als solche gehören sie nicht mehr in dein Rahmen dieses Aufsatzes. Schließlich läßt sich für das große Gebiet „Juden in der Welt", dessen Behandlung in den Erdkundeunterricht gehört, vielerlei aus der Zeitung gewinnen. Vor allem sei auf die Briefe ausgewanderter deutscher Juden hingewiesen, die jüdische Zeitungen öfters abdrucken und deren Lektüre leicht und manchmal schon für das 5. und 6. Schuljahr geeignet ist. Am besten ist es aber, wenn Kinder selbst solche Briefe ihrer Verwandten und Freunde mitbringen und die Klasse mit ihren ausgewanderten Kameraden in brieflicher Verbindung bleibt. Aber auch die Länder, aus denen unsere Kinder stammen, sind vom jüdischen Standpunkt aus wichtig. Ich denke vor allem an Polen, mit dessen jüdischer Massensiedlung wir uns zu beschäftigen haben. Die Lektüre über antisemitische Ausschreitungen in Polen wird beispielsweise für Klassen, in denen noch ein fühlbarer Unterschied zwischen ost- und westjüdischen Kindern vorhanden ist, von besonderem erzieherischem Wert sein. Oder: ein Zeitungsbericht über das Elend der karpathorussischen Juden gehört zum _ Erdkundepensum der •Tschechoslowakei. Einwendungen gegen diese Vorschläge liegen auf der Hand; doch sei jetzt einer möglichen Diskussion nicht vorgegriffen. Auch zahlreiche Ergänzungen wären möglich; es wäre z. B. der Mühe wert, nun auch zu zeigen, wie andere Unterrichtsgebiete — Rechnen, Naturwissenschaften u. a. — durch die Zeitung Anregungen empfangen können. Ich wollte aber« .hier nicht den Kreis meiner eigenen Erfahrungen überschreiten. . Mancher Einwand wird unausgesprochen bleiben, wenn man sicher immer wieder ins Bewußtsein ruft, daß die heutige Schule vielleicht mehr als jede andere die Aufgabe hat, fürs Leben zu erziehen. ' Wüste und gelobtes Land*) Als ich vor vier Jahren (Dezember 1932) den ersten Band dieses Werkes von Elias Auerbach hier anzeigte, konnte man der Hoffnung sein, daß der zweite Band im nächsten Jahre erscheinen werde. Leider hat es vier Jahre gedauert, und die Hoffnung, daß sich an sein Erscheinen weitere Bände zur Jüdischen Geschichte anschließen würden, scheint ganz aufgegeben zu sein. Aber diese Enttäuschung soll uns nicht zurückhalten, auch den 2. Band mit der Freude zu begrüßen, mit der wir den 1. entgegennahmen. Auerbach ist kein Theologe. Er ist auch kein Historiker vom Fach, aber vielleicht sind das gerade Vorzüge, die ihn befähigen, ein Geschichtswerk zu verfassen, ohne auf vorgefaßte theologische Anschauungen oder auf irgendeine historische Schulmeinung Rücksicht nehmen zu müssen. Die hervorragenden Kenntnisse des Verfassers, sowohl was die Sprache der Quellen anlangt, wie auch was das Land anbetrifft, zeigen sich auch wieder in diesem Bande. Bei jeder möglichen Gelegenheit tritt das deutlich hervor. Wenn er z. B. von der Wasserversorgung Jerusalems spricht, so ist es ihm eine Selbstverständlichkeit, daß er den Bau der alten Wasserleitungen und das Vorhandensein uralter Zisternen genau kennt, daß er von Talsperren und ähnlichen D.'ngen spricht. Wenn er erwähnt, daß Jeremia in eine Zisterne geworfen wird, in der nur Schlamm ist, so ist das für ihn ein Anlaß, daraus genau bestimmen zu können, in welcher Jahreszeit sich dieser grausame Akt an dem Propheten abgespielt hat. Und gerade d'eses scheinbar nebensächliche Erwähnen irgendwelcher Zustände oder Tatsachen aus Palästina, aus d'er Geographie oder der Witterungskunde geben dem Leser meist außerordentlich wertvolle Belehrungen. Auerbach steht der Bibelwissenschaft im allgemeinen freundlich gegenüber. Er spricht wie im ersten Bande so auch jeizt von der Quellenscheidung als von etwas ganz Selbstverständlichem. Für ihn ist der Text der Bibel, so wie wir ihn besitzen, nicht frei von den Mängeln, die er nach der Meinung der modernen evangelischen Theologen besitzt. Er hält die eine oder andere Stelle für beschädigt, er versucht durch andere Anordnung dem Sinne des ursprünglichen Textes näher zu kommen, er berücksichtigt die alten Uebersetzungen, aber in einem unterscheidet er sich doch ganz wesentlich von den Theologen: Er hängt mit großer Liebe und mit religiöser Verehrung an dem Inhalt der Heiligen Schriften, und es wird ihm ganz offensichtlich nicht leicht, etwas aufzugeben, was durch die Ueberlieferung von Jahrhunderten ehrwürd'g geworden ist. Er setzt zunächst die Echtheit und die Integrität des Textes voraus, darum aber merkt man immer, daß er nicht leichtfertig eine Aenderung vorschlägt. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, vom Deutero-Jesaja, sogar von einem dritten Jesaja zu sprechen, davon zu reden, daß das Buch Maleachi nicht von einem Propheten dieses Namens herrührt, er sieht im Deuteronomium bzw. in dessen Gesetzesteil keine auf Mose zurückgehende Sammlung, aber er hütet sich, leichten Herzens etwas derartiges auszusprechen. Er macht immer und von ihm aus gesehen den immer gelungenen Versuch, solche Anschauungen zu rechtfertigen. Das Deuteronomium ist das unter Josia gefundene Buch der Lehre, das ist etwas selbstverständliches. Aber die Art, wie er die verschiedenen Berichte im Königsbuch und in der Chronik benutzt, um festzustellen, daß das Buch auch für den Priester überraschenderweise gefunden worden ist, und die Art, wie er nachweist, daß das Buch zur Zeit des Königs Manasse in dem Kasten verborgen worden ist, der die Geldspenden des Volkes für die Erneuerung des Tempels enthielt, sind überzeugend, oder mindestens sehr geistvoll. Auerbach hat im ersten Bande mit großem Scharfsinn nachzuweisen versucht, daß der älteste erzählende Teil der *) Band II: Geschichte Israels vom Tode Salomos bis Ezra und Nehemia. Mit 15 Bildtafeln und 2 Karten (Palästina 1000 bis 750 und Assyjisch-Babylonisches Reich im 8. und 7. Jahrhundert). 1936 Schocken-Verlag, Berlin. Preis gebunden 10 RM.