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Jüdische Schulzeitung · 1936-12-01 · 12 (1.12.1936) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
12 (1.12.1936)
Date
1936-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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„Auswanderungskunde" in unseren Schulen Eingang finde, denn das heißt, dem Leben Eingang in die Schule verschaffen, dem Leben, dem das tätige Interesse der Kinder und der Jugendlichen gilt. Da kann, man nun echte Bildungsarbeit leisten, weil die „Seele des Schülers dem Lehrer schon auf halbem Wege entgegenkommt". „Auswanderungskunde" treiben, heißt also das aus dem persönlichen Leben erwachsene Interesse des jüdischen Jugendlichen an fernen Ländern ausnützen, um ihm dasjenige nahe zu bringen, worauf sich sein gegenwärtiges Interesse richtet. So verstanden ist die Forderung eigentlich selbstverständlich, so selbstverständlich wie alles, was aus den naturgemäßen Bedingungen unserer Arbeit fließt. Der Zweck dieses Aufsatzes ist es auch nicht, diese Forderung zu stellen, als vielmehr ihren Sinn genau zu umreißen und daraus die nötigen Folgerungen für unsere Unterrichtsarbeit zu ziehen. Es ist ebenso selbstverständlich, daß so verstandene „Auswanderungskunde" nicht die schon Heimatrecht in unseren Schulen besitzende „Palästinakunde" in sich schließt. Das Interesse an Erez Jisrael hat ganz andere seelische Grundlagen und zum großen Teil auch andere Zielsetzungen. „P a - lästinakunde" und „Auswanderungskunde" sind zwei nebengeordnete Forderungen, wenn auch nicht dem Inhalt nach, so doch der. methodischen Voraussetzung nach gleichwertige Forderungen. Der Vergleich mit der „Palästinakunde" bringt uns noch einen Schritt weiter zur Klärung dessen, was unter „Auswanderungskunde" verstanden sein soll. „Palästinakunde" ist mehr oder weniger ein ordentliches Schulfäch, das ja nach' der lehrplanmäßigen Verteilung einen größeren Teil der Zeit des Erdkundeunterrichts beansprucht, oder den jüdischen Fächern zugewiesen wird. ' „Auswanderungskunde" dagegen ist kein Unterrichtsfach, sondern soll Unterrichtsprinzip des Erdkundeunterrichts in den oberen Klassen unserer Volksschule sein. Wegen der beschränkt zur Verfügung stehenden Zeit mußte von jeher insbesondere bei den überseeischen Ländern, eine Auswahl des eingehender zu behandelndenStoffes getroffen werden. Im allgemeinen schreiben die Lehrpläne vor,diejenigen Länder und Probleme näher zu behandeln, die in enger Beziehung zur Heimat stehen. Dieses Auswahlprinzip hat sowohl e'ne psychologische als auch eine sachliche Begründüng. Aus den gleichen Gründen muß das Auswahlprinz'p für die jüdische Schule heute die Auswanderungskunde sein. Wir müssen daher von allen Ländern der fremden Erdteile diejenigen eingehend behandeln, die augenblicklich das Interesse der jüdischen Auswanderer und damit unser Gesamtinteresse und1 das Interesse der Jugend auf sich ziehen. Es sind das von Afrika insbesondere die Südafrikanische Union, von Nordamerika die Vereinigten Staaten und von Lateinamerika besonders Argentinien und Brasilien. Ebensowenig wie eine direkte Beziehung der geographischen Tatsachen zu dem Interesse am Auswandern nun auf jeden Fall herbeigeführt werden-soll, ebenso sicher aber ist es, daß auch die rein geographischen Grundlagen der unterrichtlichen Behandlung durch die im Unterton mitschwingende Beziehung zu dem durch eine geschickte Zielsetzung angeregten Interesse an Lebendigkeit und greifbar anschaulicher Nähe gewinnen. Man» wird mit dem Auswanderer Land und Leute kennen lernen. Das verlangt eine vielmehr in die Einzelheiten gehende Behandlung selbst der topographischen Dinge, als s'e sonst bei überseeischen Ländern üblich ist. Man .wird die klimatischen Bedingungen in ihren natürlichen Grundlagen sowohl, als auch besonders in ihrer Auswirkung auf Lebensgewohnheit und wirtschaftliche Betätigung der Bewohner tiefergehend aus dem persönlichen Interesse zu verstehen suchen und wird sie in Beziehung setzen zu den gewohnten Verhältnissen, um daran die Aenderung der Lebensgewohnheiten und die Schwierigkeit der Umstellung klarzumachen. Man wird auch viel weitergehend als sonst nicht nur das Typische im Wirtschaftsleben, sondern auch die in ihm zu lebendiger Einheit verflochtenen Einzelzüge "aufzuzeigen haben, um das Interesse an den tatsächlichen Verhältnissen durch die Mannigfaltigkeit entsprechend zu befriedigen. Vor allem aber, wird die Besprechung sowohl auf die „bodenständigen" jüdischen Zentren, wie auf das Leben der Neuzugewanderten besonders eingehen, um dem Einwanderungsland gerade dadurch die besondere Note ziu geben, deretwegen es im Mittelpunkt unseres Interesses steht. Eine solche unterrichtliche Behandlung verlangt eine sachlich tiefgehendere, und z. T. andersgerichtete Vorbereitung des Lehrers. Die Berichte der Zeitungen liefern teilweise wertvolles Material auch statistischer Art. Man lasse die Schüler sammeln und sichten, wie überhaupt die Vorbereitung „auf lange Sicht", wie man das nennen kann, mit zu den wesentlichen-Voralussetzungen zu einem nach einem vorgesetzten Arbeitsprinzip ausgerichteten Unterricht gehört. Auch Briefe und Berichte von Bekannten sind zu sammeln und1 geben Veranschaulichung oder, vielleicht sogar Ausgangspunkt für die Besprechung ab. Das Material bleibt doch im ganzen recht lückenhaft und die Arbeit des Lehrers für die Zusammenstellung und Sichtung ist nicht gerade klein. Der Lehrer sucht nach eigener gründlicher Orientierung fast wie der Auswanderer selbst Im September dieses Jahres erschien in den vom Hilfsverein der Juden Deutschlands herausgegebenem Korrespondenzblatt für Auswanderungs- und Siediungswesen, betitelt. „Jüdische Auswanderung" (Verlag Schmoller & Gordon, Berlin) eine ausgezeichnete Darstellung der südamerikanischen Staaten (120 Folioseiten, Preis 1 RM.), die vor allem den Zwecken der Auswanderer dient, aber aus den oben angegebenen Gründen auch dem Lehrer wertvolles Material zur Verfügung stellt. Das Heft enthält eine eingehende Darstellung aller südamerikanischen Staaten. Neben den gültigen Einwanderungsbedingungen stehen Abschnitte über das Land, mit seinem Klima und seiner Bevölkerung, über Wirtschaft, Verkehr, Währung, Konjunktur, die Lebenshaltung und -Kosten, das soziale Leben und Bildungsleben, das jüdische Leben. Danach werden d e Aussichten der Einwanderer der verschiedenen Berufskategorien beurteilt und durch Briefe bereits Eingewanderter veranschaulicht. Der Wert für unseren Unterricht liegt nicht allein darin, daß für den so billigen Preis eine ausgezeichnete knappe Monographie der einzelnen Länder geboten wird, sondern in der Hauptsache darin, daß gerade das ausgewählt ist, was in den Blickpunkt des Interesses gerückt werden soll, was also sich gerade mit dem deckt, wonach auch unsere Schüler augenblicklich ausgerichtet sind. Daß dabei die allgemeinen Bildungsprinzipien nicht verletzt werden, liegt nicht in der Auswahl, die nach irgendeinem Gesichtspunkt doch vorgenommen werden muß, sondern daran, daß die Einzeltatsachen als Bausteine einer allgemeinen Erkenntnis ausgewertet werden, und dem Erkenntnisvermögen des Kindes angepaßt bleiben. Wie ganz anders die Blickrichtung der Erwachsenen als diejenige der Kinder ist, erkennt man an der beigegebenen Auswahl von Briefen. Es ist klar, daß s:e sich in der Hauptsache mit den Schwierigkeiten der wirtschaftlichen und sozialen Eingliederung befassen, gerade mit dem Gebiet, das für unsere Schularbeit am wenigsten in Frage kommt. Aber doch enthalten s:e z. T. auch Fragen der allgemeinen Landesnatur und der klimatischen Bedingungen, die sowohl zu Fragen Anlaß geben, als auch Behandeltes lebendig veranschaulichen können. Sehr wertvoll auch für den Lehrer ist die ausführliche Bibliographie im Anhang, die dem Lehrer, dem Bibliotheken zur Verfügung stehen, wertvolle Handreichung bei der Auswahl der Literatur zur Vorbereitung leistet. Der Lehrer einfacher Schul Verhältnisse, der unter schwierigen Umständen arbeiten muß, sei in diesem Zusammenhang wenigstens auf das Heft von Herbert Frankenstein, Brasilien als Aufnahmeland der jüdischen . Auswanderung aus Deutschland (Verlag Josef Jastrow, Berlin W 15, Preis 2 RM.), aufmerksam gemacht, das vor kurzem erschienen ist und für dies eine Land ein reiches Material bietet, das unterrichtlich verwertet werden kann: Ich fasse kurz zusammen: Die Tatsache der Auswanderung beschäftigt unsere Schü-

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