Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (1.12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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12. lahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 12 üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C i% Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.75 pro Quartal. Mannheim, den i. Dezember 1936 Druck und Verlag: Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.Siegfried Braun K ö 1 n - S ü 1 z, Unkelerstraße 17 Auswanderungskunde in den Oberklassen Von Dr. H. Mandelbaum, Hamburg. Mit den folgenden Darlegungen wird — u. W. zum ersten Mal — der terminus „Auswanderungskunde" in den Bereich jüdischer TJn errichtsfragen eingeführt. Der Autor vertritt die Auffassung, es könne sich nicht da>um handeln, ein neues Fach einzuführen, es gelte vielmehr, einen bestimmten Teil des Erdkundeunterrichts nach einem besonderen, der jüdischen Gegenwart angemessenen Prinzip zu gestalten. Nach unserer Meinung ließe s'ch sehr w^hl auch die Auffassung vertreten, die Auswanderungskunde müsse als eigenständiges Fach in den jüdischen Schulen Eingang finden; die zur Pflege dieses Faches erforderliche Zeit ließe sich gewinnen durch eine Lehrplanumformung, die ohnehin notwendig ist. Die Leser unseres Blattes werden um Aeußerung ihrer Meinung gebeten. Die Schriftleitung. Die Situation, in der die Juden Deutschlands heute leben, lenkt ihre Blicke in ferne Länder. Viele treibt die Sehnsucht nach Erez Jisrael, andere suchen in überseeischen Ländern eine neue Existenz. Jüdische Instanzen bemühen sich, beratend und helfend allen Suchenden zur-Seite zu stehen. Sollte nicht auch die Schule an ihrem Teil hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben? Die lebendige Gegenwart sucht gebieterisch Eingang in die Schule und stellt neue Forderungen in unterrichtlicher und pädagogischer Hinsicht. Der Lehrer muß verantwortungsbewußt mit sicherem Gefühl entscheiden, wo und wie die außerschulische Wirklichkeit für das Kind Gestalt gewinnt und nur dort wird sie Bildungsstoff sein, d. h. Bildungsstoff, durch den und zu dem der Jugendliche heranreift. Forderungen, die aus praktischen Erwägungen heraus gestellt werden, müssen auf ihre Beziehung zum Kinde und auf ihren bildenden Wert hin gewissenhaft geprüft werden. Soll- und kann die Schule Aüswanderungskunde treiben?. Die erste Frage ist leichter zu beantworten als die zweite.' Gewiß soll sie ihre Schüler mit allem Rüstzeug versehen, das ihnen in ihrem künftigen Leben förderlich sein kann. Gewiß soll sie das —, wenn sie es in innerer Gesetzmäßigkeit kann. Aeußere Gründe, wie > Zeitmangel, sind in keiner Weise stichhaltig, wenn die Forderung an sich berechtigt ist. Es gilt denn eben nur haushälterisch mit der Zeit umzugehen und alles Zeitraubende auf seinen Wert zu prüfen, um Raum zu schaffen für das gebieterisch Notwendige. Fragen wir uns daher, was enthält die Forderung nach Auswanderungskunde in sich, um beurteilen zu können, ob sie sich sinngemäß in den Rahmen unserer Unterrichtsarbeit einpassen läßt. Wer sich ernsthaft mit dem Plan einer Auswanderung trägt, versucht, sich im wesentlichen über folgende Punkte . Auskunft zu verschaffen: ' 1. Er wünscht eingehende Kenntnis von Land und Leuten, um sich gewissermaßen geistig vertraut zu machen mit dem Land, das ihm neue Heimat werden ^soll, nicht allein, um sich seelisch um- und einzustellen, sondern auch um den Boden nicht als ganz Fremder zu betreten, der in allem und dem kleinsten auf unkontrollierbare Auskunft angewiesen ist. 2. Er sucht Klarheit über die wirtschaftliche Struktur des Landes und über die Möglichkeit, sich in das Wirtschaftsleben einzugliedern. In aller Hinsicht sucht er sich die schwerste Zeit des Anfangs dadurch zu erleichtern, daß er möglichst schon im voraus Erkundigungen einzieht, wo und wie er am Anfang seine Mittel und Kräfte am vorteilhaftesten einsetzt, um in der fremden Umwelt eine Lebensbasis zu finden. 3. Es stärkt seine Sicherheit und sein Vertrauen, wenn er weiß, wo er Rückhalt an seinesgleichen findet. Nicht nur die wirtschaftliche Hilfe von Organisationen» ist da von Bedeutung, sondern auch das Bewußtsein, in der Fremde einen Kreis zu finden, der ihm geistige Heimat bedeutet. Von den drei genannten Faktoren sind sicher die beiden letzten die wichtigsten und für den Entschluß ausschlaggebend. Die Beurteilung der erlangten Auskünfte verlangt jedoch ein reiches Maß an eigener Lebenserfahrung und Einsicht in die Vorgänge des wirtschaftlichen Lebens, sei es auch nur im beschränkten Umkreis des eigenen Berufes. Erfahrung und gereifte Einsicht lenken gerade das Interesse des Auswanderers auf bestimmte Fragen. Alle Auskunft, die nicht diesem wachen Interesse begegnet, bleibt notwendiger Weise ohne bestimmenden Einfluß und in jeder Hinsicht fragwürdig. Sieht man diesen Sachverhalt klar, so ergeben sich daraus wichtige Fingerzeige für unsere pädagogische Arbeit. Unseren Schülern, selbst in den oberen Klassen, fehlt noch die geistige Reife für die verwickelten Vorgänge, die die Wirtschaft eines Landes aufbauen, wenn man nicht ganz im Aeußerliehen und Grob-Sinnfälligen bleibt. Es fehlt aber auch die eigene Lebenserfahrung in wirtschaftlichen Dingen, die allein die anschauliche Grundlage für eigene Urteilsbildung darstellt: Der Schule muß es daher versagt bleiben, an diesem wichtigsten Punkt Hilfsarbeit zu leisten. Jede ihrer Arbeit soll Bildungsarbeit am Jugendlichen sein, auch wenn sie praktische Ziele verfolgt. Bilden aber kann man nur dort, wo etwas zu Formendes vorhanden ist. Es bedeutet schlimmen Verbalismus, d. h. Oberflächlichkeit und Verbildung, wo man ohne anschauliche Grundlage, d. h. hier ohne eigene Erfahrung und eigentätiges Interesse Dinge zu verarbeiten sucht, die über die geistige Fassungskraft des Schülers hinausgehen. Die äußere Notwendigkeit darf uns nicht zwingen, etwas zu tun, was unserer eigentlichen Aufgabe zuwiderläuft. Von einer ganz anderen Seite jedoch kann man die Forderung nach „Aüswanderungskunde" an die jüdische Schule stellen. Diese Forderung leitet sich her nicht aus der äußeren Notwendigkeit, sondern aus der Tatsache der bestehenden Auswanderung, die die Gedanken sowohl der betroffenen Familien ganz gefangen nimmt, als auch die Zurückbleibenden beschäftigt, sei es mit dem Untergedanken, daß der volle Ernst auch sie treffen wird, sei es, daß die Gedanken mitziehen mit Lieben und Bekannten, daß alle sorgend mitdenken und mitfühlen, da es schwere Sorgen dej Gemeinschaft sind. Die Tatsache der Auswanderung geht auch an den Kindern nicht vorbei, beschäftigt sie und nimmt ihr Interesse gefangen. Von der Seite her gesehen, müssen wir verlangen, daß