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Jüdische Schulzeitung · 1936-11-01 · 11 (1.11.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
11 (1.11.1936)
Date
1936-11-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer Jl Die Wohltätigkeit Donna Gracias fordert zum Vergleich mit den sozialen Bestrebungen unserer Zeit auf. Wir gedenken der hochherzigen Philanthropen, die im verflossenen Jahrhundert der Judennot zu Leibe zu gehen suchten, der Montefiores, Hirschs, Rothschilds u. a. Wir werden uns fragen, welche Methoden sich als zweckmäßiger erwiesen haben, die konstruktiven oder die charitativen. So kommen wir, das anfangs im Zusammenhang Vorgetragene geistig verarbeitend, am Ende auf Erwägungen, die unser eigenes Schicksal betreffen, zur Einsicht, daß das jüdische Volk heute wieder in Bewegung geraten ist, aber aus andern Motiven, mit andern Intentionen und unter andern Möglichkeiten. Siegfried Braun. Die jüdische Winterhilfe Die Zentralwohlfahrtsstelle bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat jüngst den ersten Rechenschaftsbericht der von ihr betreuten Jüdischen Winterhilfe (1935-36) versandt. Das dünne Heft umfaßt auf seinen 14 Druckseiten einen Ausschnitt aus dem Schicksal der Juden in Deutschland, der schwerer wiegt als der Inhalt manch dickleibigen Buches. Es kommt in ihm zum Ausdrück das .Gefühl der Genugtuung darüber, daß die Notzeit kein kleines verhärtetes Geschlecht fand, daß „ein schöpferischer Wille zur Hilfe" die gesamte jüdische Bevölkerung ergriffen hat. „Der Grundgedanke der Winterhilfe", so heißt es in der Einführung zum Bericht, „der Einsatz der Gesamtheit für jeden einzelnen Notleidenden, entfaltete in der nunmehr ganz auf sich selbst gestellten Judenheit Deutschlands höchste Bereitschaft. Hier war eine Gelegenheit, aus einer Not Neues zu gestalten, aus dem Ausgeschlossenem einen neuen Zusammenschluß zu bewirken. Daher ergriff die Losung der Jüdischen Winterhilfe mit starker Gewalt die Judenheit Deutschlands." Der Rechenschaftsbericht schildert uns, wie in kurzer Frist die Hilfsaktion organisiert werden mußte, wer die Träger und welches die Mittel für die Jüdische Winterhilfe waren und in diesem Winter wieder sein werden. An Hand von Zahlen und Zahlenreihen werden die Leser unterrichtet über die. Menge der Hilfsbedürftigen, über deren Anteil an der Gesamtheit der Juden in Deutschland, über ihre Verteilung im Reich u. a. m. Weiteres Zahlenmaterial vermittelt dem Leser eine Vorstellung von den Ergebnissen der Sammeltätigkeit und von der Verteilung der Spenden in Form von Barmitteln, von Lebensmitteln, von Kohlen und Kleidern. Mit einem Dankeswort an alle, die sich in den Dienst der Aktion gestellt haben, und mit dem Aufruf zu neuer Hilfsarbeit schließt das Heft ab. Wir möchten wünschen, daß die Zentralwohlfahrtsstelle. den jüdischen Schülern dieses Heftchen zugänglich machte. Das gäbe nicht nur ihrem Aufruf einen besondern Nachdruck, der auf dem Wege über d:e Jugendlichen in die jüdischen Häuser hineinwirkte, es wäre den Schulen zugleich auch ein wertvolles Unterrichtsmittel gegeben. Mehr als sonst zu Zeiten hat die jüdische Gegenwartskunde in die Schule Eingang gefunden. Für sie gibt der Rechenschaftsbericht der Jüdischen Winterhilfe ausgezeichnetes Material zu soziologischen Betrachtungen. Nicht zu solchen, die lediglich theoretisches Interesse haben, sondern zu Betrachtungen, die jeden jüdischen Menschen zutiefst treffen und aufwühlen, und die so das Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Gemeinschaft stärken. Daß der Lehrer die Zahlen zum Reden bringe, halten wir für selbstverständlich. In gemeinsamer Verarbeitung des Materials werden Relationen eruiert, d;e den Kindern manch aufschlußreichen Einblick in die Verhältnisse der Juden gewähren. Dahei braucht nicht befürchtet zu werden, die Dinge, um die es geht, verlören durch die Einbeziehung in den Rechenunterricht an Gewicht und an Ernst. Denn niemand wird sich damit begnügen, eine Rechenaufgabe lösen ,zu lassen, sondern jeder wird die Ergebnisse zum Ausgangspunkt für eine die Schüler belehrende, und anregende Zwiesprache nutzen. B. Ch. Neuerungen im Schulwesen Nachdem schon längere Zeit an den Volksschulen in Mannheim, Heidelberg, Bruchsal und Emmen- . dingen die jüdischen Schüler in besonderen Klassen zum Unterricht durch jüdische Lehrer zusammengefaßt worden sind, ist das gleiche Anfang September auch in Karlsruhe geschehen. Die dortige jüdische Schulabteilung zählt etwa 210 Schüler. Nach den Herbstferien folgt die Eröffnung jüdischer Schulabteilungen an den Volksschulen in F r e i b u r g und Pforzheim. Für einige andere Gemeinden ist die Gründungjüdischer Schulklassen zu Ostern 1937 in Aussicht genommen. Alsdann wird der größte Teil aller jüdischen Volksschüler in Baden in solchen Klassen erfaßt sein. Es handelt sich hierbei nicht um jüdische Schulen im "eigentlichen Sinne; denn nach dem bestehenden badischen Simultanschulgesetz ist die Gründung solcher Schulen nicht möglich; vielmehr ist der Unterricht, mit Ausnahme des Religions-. Unterrichts, für alle Schüler gemeinsam zu erteilen. Durch Verhandlungen des Oberrats der Israeliten Badens mit den zu- . ständigen Ministerialstellen ist die jetzt zur Wirklichkeit gewordene Einrichtung besonderer jüdischer Schülerklassen im Rahmen der für alle Schüler gemeinsamen staatlichen Volksschule vorbereitet worden. Für diese Schulabteilungen ist naturgemäß auch der Lehrplan der allgemeinen Volksschule maßgebend. Er erfährt die erforderliche Ergänzung durch hebräischen und englischen Sprachunterricht vom fünften Schuljahr an, für den die Gemeinden die Lehrkräfte stellen. Für die lehrplanmäßigen Fächer hingegen stellt der Staat die Lehrkräfte aus dem Kreis der früher an den Schulen tätig gewesenen jüdischen Lehrer. Die spezifisch jüdischen Kenntnisse vermittelt eine gegenüber dem normalen Lehrplan erhöhte Zahl von Religionsstunden. Zur jüdischen Note trägt vor allem aber die auf Judentum beruhende Grundhaltung und die von ihr ausgehende geistige und charakterliche Schulung bei. Persönliches Am 30. September 1936 trat Herr Lehrer und Prediger August Katzenstein -Steele, der vor kurzem sein 60. Lebensjahr vollendet hat, nach einer 40jährigen, segensreichen Arbeit im Dienste der jüdischen Schule und nach 7jähriger. Wirksamkeit an der städtischen israelitischen Volksschule Essen, in den Ruhestand. Mit ihm scheidet einer der besten Ver-. treter der älteren jüdischen Lehrergeneration aus dem Schuldienst Die Schule veranstaltete im festlich geschmückten Klassenraum eine Abschiedsfeier. Rektor Isaac würdigte die Verdienste des Scheidenden um die jüdische Schularbeit überhaupt und im besonderen an der Essener jüdischen Volksschule, Rektor Buchheim-Portmund überbrachte die Wünsche des Vereins israelitischer Lehrer Rheinlands und Westfalens.. Herr, Lieblich sprach als Vertreter der Synagogengemeinde Steele. Die Kinder der Klasse, die Herr Katzenstein zuletzt unterrichtet hat, sowie der von Lehrer Levisohn geleitete Schulchor trugen durch Gedichte und Gesangvorträge zur Ausgestaltung, der Feier bei. Zum Schluß dankte Koll. Katzenstein in herzlichen Wor-, ten. . Am 1. Dezember vollendet Hauptlehrer i. R. Salomon. Katz sein 70. Lebensjahr. Er ist fast vier Jahrzehnte an der. jüdischen Volksschule in Gelsenkirchen tätig gewesen. Seiteinigen Monaten lebt Kollege Katz mit seiner Gattin im Lehrer-- heim zu Bad Ems. Der jüdischen Lehrerschaft, aber über sie hinaus auch derjüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit, ist der Name des. liebenswerten Kollegen vertraut durch seine emsige literarische Tätigkeit namentlich' auf dem. Gebiet der Jugenddich-- tung. Von seinen Veröffentlichungen seien u. a. genannt: Feierklänge, Hanna und ihre Söhne, Vor der Menorah, Sabbatlust,.

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