Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 11 Jüdische Schulzeitung- Seite 5 Jude» Deutschlands-entwickelt-haben, weil ihre Spuren den jüdischen Menschen unserer Zeit noch in imverblaßter Frische gegenwärtig sind. Eine große Zahl von Juden hat hier freiwillig die Taufe genommen. Sie verteilen sich auf alle Schichten der christlichen Bevölkerung; im Bewußtsein der jüdischen Welt sind indes nur Erinnerungen an die Täuflinge lebendig geblieben, die als Industriekapitäne, als Finanziers, als Gelehrte, Künstler und Politiker aus der Masse herausragten. Auch die Marranen lebten nicht, wie es seltsamerweise die Schüler zuweilen annehmen, abgesondert für sich, wie die Juden oft im Ghetto, sie waren vielmehr eingestreut in die christliche Gesellschaft; sie lebten als Christen von der Wiege bis zum Grabe, sie verschwägerten sich weithin mit reinblütigen Spaniern, und nach Ablauf dreier Menschenalter gab es in Spanien ungezählte Familien, die auf jüdische Ahnen zurückschauen konnten, darunter Mitglieder des höchsten Adels und der höchsten Geistlichkeit. Wir werden nicht versäumen, die Kinder darauf hinzuweisen, daß selbst der Großinquisitor Torquemada, ja der König Ferdinand von Aragonien jüdisches Blut in sich trugen. Es ist nicht zu umgehen, auch der Inquisition eine kurze Betrachtung zu widmen. Es muß darauf hingewiesen werden, daß diese Einrichtung der Kirche nicht ausschließlich den Marranen galt, sondern ursprünglich allen Christen, die sich ketzerisch betätigten. Erst in einem fortgeschrittenen Stadium der. Entwicklung umfaßte ihre Tätigkeit die Ungläubigen schlechthin, also auch die getauften Mauren und Juden. Weiterhin muß ein Wort gesagt werden zu dem Unterschied, der zwischen der vom Papst und der später vom spanischen König abhängigen Inquisition bestand. Die zuletzt genannte hatte einen stark wirtschaftspolitischen Einschlag. Es erhebt sich die Frage, wie es kommen mochte, daß die Inquisition in das Schicksal der Marranen eingriff. Wir erwägen mit den Schülern: trifft es zu, daß die Nachkommen der Zwangsgetauften von der Wiege bis zum Grabe als Christen lebten, so lag keine Veranlassung vor: sie vor das Tribunal zu fordern. Daß es dennoch geschah, und in tausenden von Fällen geschah, das läßt uns vermuten, es müsse irgendwie das Leben der Marranen nicht eindeutig bestimmt gewesen sein: das Erbe im Blut müsse aufbegehrt haben in einer Stärke, die es unmöglich machte, von ganzem ungeteiltem Herzen Christ zu sein-. Und nun flechten wir jenen bekannten Bericht ein, in dem uns die denkwürdige Kol nidre-Feier in einer Höhle geschildert wird, während der ein hoher kirchlicher Würdenträger, der ein Marrane. ist, die betende Marranengemeinde überrascht und sich, weinend vor Erregung, ihr anschließt. Im Fortgang der Betrachtung gewinnen wir das Verständnis für den Lebensablauf der Frau, deren Schicksal uns beschäftigt, das sein Charakteristisches erhielt von einer Triebkraft her, die Donna Gracia immer wieder zwang, den Hemmungen auszuweichen, die sich der Lösung innrer Spannungen entgegenstellten. Sie wollte den als untragbar empfundenen Glauben abwerfen, weil er es ihr unmöglich machte, ruhiges Gleichmaß im seelischen Bereich zu finden. Sie begehrte — oder noch besser — es begehrte in ihr etwas, heimzukehren in eine Welt, in die sie vom Seelischen her gehörte.die sich nicht verdrängen ließ, was immer auch in das Oberflächenleben dieser Frau Einlaß fand. In zwei Stufen mußte dieses Ausweichen vor Hemmungen-erfolgen: einmal galt es, das physische Leben selber zu sichern, ganz unabhängig von der Frage, ob Donna Gracia Christin oder Jüdin sein wolle. Da die Inquisition diese Sicherung erforderlich machte, floh Donna Gracia aus ihrem Wirkungsbereich. Weiterhin aber galt es, vom Schein zum. Sein zu kommen, das heißt: wieder Volljüdin zu werden. So erhielt das stete Ausweichen seine besondre Tönung. Ein zweiter Grundzug des Wesens dieser Frau war die Leidenschaft, mit der sie ihren Glaubensgenossen helfenö1' zur Seite stand. Sie war in ungewöhnlichem Ausmaß mit irdischen Gütern gesegnet und durfte die Gaben in verschwenderischer Fülle austeilen. Es geschah nicht wahllos, sondern in konstruktiver. Weise, wenigstens: soweit, als es die soziale und kulturelle Förderung ihrer Gemeinschaft betraf. Will man es unternehmen, das Verhalten Donna Gracia zu deuten, so darf man wohl meinen, sie habe sich in ihrer Herzensnot mit der Gesamtheit ihrer Glaubensgenossen identifiziert und für deren Lebenssicherung sich besorgt gezeigt. Es darf angenommen werden, daß der Lehrer, der es versteht, diese Dinge anschaulich und lebendig zu entwickeln, die Aufmerksamkeit der Kinder finden wird. Ihre Teilnahme wird noch verstärkt, wenn er dann weiter das herauszuarbeiten weiß, was kulturgeschichtlich bemerkenswert erscheint, etwa das Leben und Treiben in einem Bankhause, ein Abend im Palast, ein Reiseabschnitt, Einzelheiten aus dem Wirken der Inquisitionstribunale u. s. f., alles unter Zuhilfenahme von Zeitdokumenten1), Bildwerken und dergleichen. Ganz von selbst ergibt sich auch die Notwendigkeit, Geschehnisse aus der allgemeinen Geschichte mit denen der jüdischen zu verknüpfen. Sollen die einzelnen Vorgänge nicht im Leeren hängen, dann müssen sie in Raum und Zeit eingeordnet werden. Die Kinder hören von Ländern und Provinzen, von Kaisern und Königen, ohne daß zunächst eine klare Vorstellung von den Beziehungen besteht, die hier gegeben sind. Man frage einmal, wie sich etwa die Schüler das Reich vorstellen, das Karl V. beherrschte, und man wird die seltsamsten Antworten erhalten. Hier muß die Karte zur Hilfe genommen werden und die Tafelskizze, mit der der Lehrer zeigt, daß damals ganz andre Länderkomplexe eine politische Einheit bildeten als heute. Ohne Geschichtsatlas wird auch der Lehrer nicht die erforderliche Klarheit gewinnen können. Ebensowenig über die tatsächlichen und zeitlichen Zusammenhänge ohne historische Querschnitte, wie sie etwa Dr. Höxter in seinem ausgezeichneten Werk „Jüdische Geschichte und Literatur in vergleichenden Zeittafeln" (J. Kauffmann-Verlag, Frankfurt a. M. 1935) gegeben hat2). . Zum Abschluß der Unterrichtseinheit regt der Lehrer zu Reflexionen an, die das Damals und das Heute umspannen, und in deren Mittelpunkt natürlich die Persönlichkeit der Donna Gracia stehen muß. Die Urgewalt, mit der das Jüdische in dieser Frau ans Tageslicht drängte, hat im Ablauf der Jahrhunderte kaum an Stärke eingebüßt. Man lasse sich aus Markus Ehrenpreis „Das Land zwischen Orient und Okzident" (Verlag: Der Heinebund, Berlin 1928) berichten, wie sich um den tapfern Kapitän Barros Basto eine Gemeinde von Marranen als jüdische Gemeinde konstituiert und ihr Leben jüdisch zu gestalten versucht, heute nach mehr als 500 Jahren! Derartige Zeugnisse verfehlen ihren Eindruck nicht und bringen den jungen Menschen zu Bewußtsein, welch unbegreiflich hohes Gut ihr Erbteil ist. Die Persönlichkeit Donna Gracias ist nur insoweit von exemplarischer Natur, als sie den gleichen innern und äußern Kampf führte, den tausende von Marranen haben führen müssen. Freilich war es dieser königlichen Handelsherrin leichter gemacht, ihn zum guten Ende zu führen als ihren Leidensgefährten. Sie fand das Ohr der Mächtigen der Erde leicht, weil sie der Hocharistokratie angehörte und in geschäftlichen Beziehungen zu jenen stand. Wenn wir gerade ihr Bild vor die Kinder hinstellen, so geschieht es, weil sie eine gewichtige, wenn auch kleine Schicht aus der jüdischen Gemeinschaft jener Zeit repräsentiert, und weil ihr Leben in besondrer Plastik die Flucht und Heimkehr der durch Zwang von den Ihren Ferngehaltenen demonstriert. Die kleinen Leute strebten gleich ihr fort von den Gefahrenpurikten und hin zu den Brüdern, nur war es ihnen viel schwerer gemacht. Ein Blick um uns her läßt uns gewahren, wie heute die Situation ungleich schwieriger geworden ist: der gesamte Fragenkomplex der Auswanderung tut sich in aller Schwere vor uns auf. l) Siehe Fritz Baer, Die Juden im christlichen Spanien, Bd. II, Schocken Verlag. 2) In einer besonderen Arbeit wird demnächst in der J. Sch. gezeigt werden, wie an Hand des Höxterschen Werkes der Geschichtsunterricht erteilt werden kann. Die Schrift!.