Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 11 Selbst der verständige Versuch eines Teils der Judenheit jenes Jahrhunderts, die Synthese zwischen Thora und Derek- Erez in einem neuen Bildungsziel (S. R. Hirsch) zu finden, gelang nicht in dem Maße, daß es die Allgemeinheit hätte mit sich fortreißen können. Nur ganz Wenige hatten die Fähigkeit, den bei sich aufgehäuften Stoff der Allgemeinbildung in sich so zu verarbeiten, daß er zur Persönlichkeitsbildung beitrug. Es ist hier ein Verlust an jüdischer Substanz und Tradition eingetreten, der stärker war, als der sich bildende synthetische Kern im sog. gebildeten Europäer. Im östlichen Judentum am Ende des 19. Jahrhunderts dagegen hat sich eine bessere Synthese aus den Geistesströmungen des Chassidismus und der Haskalah ergeben. Der „nationale' Jude" des 2 0. J a h r h u n d e r t s. Der Begriff des „nationalen Juden", der noch flüssig ist, läßt sich nur allgemein umschreiben. Der nationale Jude spricht stolz von sich Civis judaeus sum, bekennt sich zum jüdischen Volkstum, zur jüdischen Volkssitte, zur hebräischen Sprache und zum jüdischen Land. Er kehrt sich bewußt vom Weltbürgerlichen und teils auch vom rein Religiösen im Sinne des Konfessionellen ab. Er sucht, wie alles Nationale, im Volkstum und Bodenständigen zu verwurzeln. Im Zionismus, der von Theodor Herzl Ende dei 19. Jahrhunderts begründeten nationalen jüdischen Bewegung, hat der Typus des nationalen Juden den organisatorischen und ideologischen Ausdrück gefunden. Er ist bestrebt, immer tiefer in die jüdische Eigenart zurückzufinden und hat inzwischen in dem jungjüdischen Aufbautyp des Chaluz und der Chaluzah einen festgeprägten Vertreter erhalten. Ergebnis. Die Untersuchung hat gezeigt, daß der jüdische Geist für fast jede Epoche der stürmischen jüdischen Geschichte einen festgeprägten, geistigen Typus aufgestellt und ausgebildet hat. Diese Typen waren Gestalten historischen Charakters, die im biblischen und nachbiblischen Schrifttum vorgezeichnet sind. Sie wurden vielfach zu Idealtypen, denen das betreffende Geschlecht nachgelebt hat. Sie waren also für ganze Generationen hindurch lebendige Vorbilder und besaßen als solche eine eminente pädagogische Bedeutung. Darüber hinaus sei noch ein sehr Wesentliches festgestellt. Da das an sich unpersönliche, amorphe Traditionsgut des jüdischen Geistes und der jüdischen Religion von Jahrtausenden nur schwer hätte überliefert werden können, haben die aufeinander folgenden Idealtypen nicht nur Erziehungs- und Bildungsarbeit geleistet, sondern sie haben die Tradierung selbst, die ohne Unterbrechung vor sich ging, geschützt und gestützt. Diese geistig-historischen Typen lassen sich nicht so ohne weiteres in eine Reihe bringen. Sie sind vielmehr, im Ganzen übersehen, ein komplexes Gebilde, in dem für jede Epoche / jeder einzelne Typus von anderen verschieden ist. Wenn wir die betrachteten Typen uns noch einmal ins Gedächtnis rufen, so sehen wir, wie der Prophet, als ein religiöser Urtyp, der biblisch-prophetischen Zeit den Stempel aufdrückte und wie neben ihm und über ihn hinaus der Priester mehr den religiös-kultischen und -politischen Typus verkörpert. Von der Exilszeit an durch die hellenistische Epoche hindurch übernahm nach der Hierokratie die Nomokratie die national-geistige Führung. Dementsprechend beeinflußte ein neuer' Typus von religionsgesetzlicher Art ganz entscheidend das geistige Antlitz der Judenheit. Dieser Typus des Sofer mündet durch eine lange Reihe ähnlicher Bildungstypen über die talmudische Epoche hinaus fast bis in die neuere Zeit und wird zum Standardtypus des Talmid Chacham. Dieser wohl am nachhaltigsten sich auswirkende Typus wird noch scharf charakterisiert durch den Konträr- und Vulgärtyp des Am-Haarez und den später neben ihm aufgerichteten Simultantyp des gleichstrebenden Chasid, des rein religiösen Menschen von mystischer Grundhaltung, der in gewissem Sinne eine Mittelstellung zwischen dem „Gelehrten". und dem „Ungebildeten" bezieht. In der mendelssohnschen Zeit entsteht'der Typus des Aufklärers. Das an Kämpfen für' die Emanzipation und Assimilation angefüllte 19. Jahrhundert, das in allem das Erbe des klassischen 18. Jahrhunderts weiterführt, gestaltet den Typus des gebildeten europäischen Westjuden, den wir als Ausläufertyp des Maskil auffassen können. Die geschichtliche Situation des 20. Jahrhunderts, die sich im Umriß schon am Ende des neunzehnten abzeichnet, bringt einen neuen Typus, der wieder ins Judentum heimfinden will, den des nationalen Juden. Wir haben also die einzelnen Haupttypen als mehr oder weniger lebendige Exponenten ihrer jeweiligen Epoche herausgestellt und geprägt und wir glauben durch eine solche typologische Betrachtung das jüdische Geistesleben in neuartiger Weise deutlich gemacht zu .haben. Donna Gracia Mendesia Versuch einer Geschichtslektion II. Die unterrichtliche Behandlung des Themas Jede Unterrichtsstunde trägt einen Eigenwert in sich, der nicht bemessen werden darf an irgendwelchen Ergebnissen, die in der Zukunft liegen. Der Grundsatz, wonach man nicht für die Schule sondern fürs Leben lerne, hat nur mit Einschränkungen seine Berechtigung; auch für die Schule lernt man. Das will besagen, der sich im Zwiegespräch zwischen Lehrer und Schüler vollziehende psychische Akt müsse eine Lebensspanne, des jungen Menschen sinnvoll ausfüllen. Die Schule ist nicht ausschließlich Vorbereitungsanstalt für die Zeit des Erwachsenseins; sie nimmt einen großen' Teil der Zeit der Jugend für sich in Anspruch und hat sie gewissenhaft zum gelebten Leben zu gestalten. Das braucht sie nicht zu hindern, die Knaben und Mädchenimmer wieder vor die Frage hinzustellen, wie sie sich einmal durchs Leben schlagen werden, also den praktischen Erfordernissen des Daseins gerecht zu werden. Beide Gesichtspunkte müssen die. Arbeit des Lehrers in der Schule bestimmen. Das Thema „Donna Gracia Mendesia", das in der letzten Nummer dieses Blattes zunächst einmal in seinem historischen Sachgeha'lt zu behandeln versucht wurde, sei heute unter Berücksichtigung der beiden vorstehend kurz umrissenen didaktischen Grundsätze als Lehrprobe ausgewertet. Es gilt, einmal die Klasse heimisch werden zu lassen in dem Geschichtsabschnitt, innerhalb dessen sich das Leben einer Frau abspielte, die' einer unter Zwang gewordenen soziologischen Zwischenschicht angehörte. Es gilt ferner, ein paar charakteristische Züge aus jenem Einzelschicksal herauszuschälen und sie dem jungen jüdischen Menschen unserer Zeit zur Beurteilung bereitzustellen. Dabei sei nicht vergessen, daß es sich hier um 13- und 14jährige Schüler handelt, deren geistige Höhenlage zu weisem Maßhalten ermähnt. Wir sprechen zuförderst in gedrängter Einleitung von der Geschichte der spanischen Juden unter der Herrschaft der Westgoten und der Araber. Wir weisen auf das Auf und Ab in ihrem Schicksal hin und erinnern besonders an die in keinem andern Zeitabschnitt wieder erreichte Glanzzeit des 10., 11. und 12. Jahrhunderts. Mit der Zurückdrängung der Araber aus der Pyrenäenhalbinsel durch christliche Mächte wächst der Einfluß der katholischen 'Kirche. Sie beginnt einen heftigen Kampf gegen die in ihrem Sinne Ungläubigen, an dessen Ende, soweit es die Juden betrifft, die Austreibung durch Ferdinand und Isabella im Jahre 1492. steht. Zurück blieben allein die Zwa.ngsg.etau.ften, die Marranen. Es ist wichtig, zum Verständnis des Marranentums .auf die Verhältnisse hinzuweisen, wie sie sich im verflossenen Jahrhundert innerhalb der