Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825368-2825379--1133-2826803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer 11 Jüdische Schulz e i t u n g Seite 3 seinen kleinen Schmerzen getreu und künstlerisch wertvoll spiegelt. Die jüdische Lehrerschaft sollte sich die Forderung nach Einbau des Schulfilms in den Unterricht zu eigen machen und sich mit seiner methodischen Auswertung befassen, Die Eigenart des Stoffes oder seine jeweilige Darstellung (zu ersehen aus der Zensurkarte oder aus Berichten der Film- und Bildarbeitsgemeinschaften) lassen den Film entweder besser zur Einstimmung, Vorbereitung auf ein Gebiet verwenden oder aber zur Vertiefung bzw. Wiederholung. Was hier gesagt wurde, deutet nur skizzenhaft an, will nicht Wege, weisen, sondern anregen. Die Zeit ist reif, dieses neue technische Wunder in den Dienst von Unterricht und Erziehung auch unserer jüdischen Jugend zu stellen! Forderungen und Wünsche nach der inhaltlichen Seite hin und solche nach der Organisation von Kreisen der Lehrerschaft vorgetragen, werden die verantwortlichen Träger des. jüdischen Schulwesens veranlassen, sich neben dem Vielen, womit sie heute zu ringen haben, auch mit der Frage des Schulfilms in positiver Weise zu befassen. Johannes Wolff. Herr Rektor Reschke, der sich seit Jahren in besonders nachdrücklicher Weise um die Einführung des Films in die Schulen bemüht, schreibt uns das Folgende: „Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn den Worten des Kollegen Johannes Wolff noch etwas hinzugefügt würde. An unserer Schule sind wir trotz aller Schwierigkeiten ans Werk gegangen in dem Gedanken, daß erst durch das Üeberwinden der Schwierigkeiten Früchte reifen können. Der Erfolg hat uns Recht gegeben. Schmalfilm und Lichtbild gehören heutzutage zu jeder Schule, die den Anspruch erhebt, daß in ihr ein zeitgemäßer Unterricht erteilt wird. Daß alle jüdischen Schulen auch in dieser Beziehung nicht hinter unserer Schule zurückstehen mögen, ist unser Wunsch." Wir schließen uns den Ausführungen der drei Berliner Kollegen durchaus an, möchten aber auch nicht unterlassen, auf die Bedeutung e:nes andern optischen Hilfsmittels hinzuweisen, das den Lehrenden die Arbeit im Unterricht sehr erleichtert: auf das Epidiaskop. Dieses Instrument ermöglicht es, jedes Bild und jedes Präparat in beliebiger Vergrößerung auf die. Leinwand zu werfen. Es ersetzt geradezu die üblichen Wandbilder, die erfahrungsgemäß oft zu klein und undeutlich, nicht selten abler auch veraltet sind. Es ermöglicht, ohne Kosten für Materialbeschaffung zu verursachen, das Vorzeigen von Objekten aus allen Bereichen der Natur und Kultur, wie sie Bücher,. Zeitschriften, Prospekte aller Art und Zeitungen jeden Tag neu an uns heranbringen. Freilich sind die Kosten für Beschaffung des Epidiaskops nicht unbeträchtlich: ein gutes Instrument ist kaum unter 300 Mark zu haben. Die Schriftleitung. Eine markante Typenreihe durch die verschiedenen Epochen des religiös-geistigen Judentums (Eine typologische Betrachtung von Dr. Hermann Levi, Köln a. Rh.) (Schluß) Der Maskil — Typ des Aufklärers. In eben derselben Zeit, da im Osten durch den Chassidismus die Gestalt des Chasid eine typische Erscheinung wurde, brachte die westeuropäische Judenheit, namentlich von Deutschland ausgehend, einen anderen Typus, den des Aufklärers, hervor. - Die jüdische Aufklärung ist verwurzelt in der allgemeinen philosophischen Bewegung der Aufklärung und nimmt von Berlin aus ihren Ausgang. Träger dieser Bewegung waren Mendelssohn, sein Freundeskreis, d. h. eine aufgeklärte großbürgerliche Schicht, die zum Teil Universitätsbildung besaß und die den aufklärerischen Tendenzen huldigte. Diese Gesellschaftsschicht wollte auf dem Gebiete des Kultus und der Erziehung ihren Glaubensbrüdern des Ghettos ein zeitgemäßes ästhetisches Judentum einrichten, um sie für die politische Emanzipation reif zu machen. Sie kämpfte gegen ein Judeiv tum, das unter der gesetzlichen Hülle erstarrt war und die Elastizität verloren hatte. Man wollte einen neuen jüdischen Menschentypus und. dem Judentum eine neue Form schaffen. Im Gegensatz zur chassid'istischen Bewegung ging der Anstoß zur jüdischen Aufklärung von oben her in die breite Masse, stieß aber hier auf Widerstand. Instinktiv erkannte diese konservative Masse die Gefahren der Assimilation, in die diese Bewegung sich zum Teil später verlor. Und in der Tat ging das nachmendelssohnsche Geschlecht dem Judentum ja auch restlos verloren, wahrend Mendelssohn und seine. Zeit nooh fest im Judentum wurzeln. Der Aufklärer war ein Kulturtyp, dem es um eine Synthese zwischen Judentum und Umweltkultur ging. Die deutschen Maskilim waren keine religiösen Revolutionäre. Die Wurzel ihrer Kraft blieb die jüdische Religion und Kultur. Das beweist vor allem ihre bedeutsamste literarische Leistung: Die Zeitschrift der Meassef. Diese wollte durch die Pflege der hebräischen Sprache ein Medium zwischen dem Geiste des Judentums und dem Geist der Zeit herstellen. Die „Berliner", wie man kurz die Aufklärer nannte, trugen ihre Bewegung über die deutschen Grenzen hinaus nach dem Osten, nach Böhmen, Oesterreich, Galizien, wo durch das Tolerenzedikt Josef II. der Boden vorbereitet war. Die in Galizien sich entwickelnde Haskalah drang nach Rußland und über die Bukowina nach Rumänien vor. Ein anderer Weg führte, von Berlin über Königsberg nach Litauen. In allen diesen Ländern gewann diese aufklärerische Bewegung nur sehr langsam Boden. Sie stieß auf Widerstand bei den vom Chassidismus oder vom Rabbanismus beherrschten Massen. In Tarnopol und Brody erwuchsen Stätten der Haskalah von einem besonderen Gepräge. Josef Perl begründete 1813 die deutsch-israelitische Hauptschule in Tarnopol und Isaak Erter repräsentiert den Typus des galizischen Maskil, der, positiv eingestellt, nicht auf die abschüssische Bahn der Assimilation geriet. In Rußland und Litauen wurde von der Aufklärung nur eine kleine intellektuelle Schicht erfaßt. Hier wirkte sich diese Bewegung in der Hauptsache in einer Renaissance der hebräischen Literatur aus, ganz so wie die Meassfim für Deutschland es in positiver Weise beabsichtigt und erhofft hatten. Das ganze 19. Jahrhundert ist mit den religiösen Kämpfen zwischen Tradition und Reform ausgefüllt. Solchen nachteiligen Folgen der Maskilimbewegung steht wiederum die Entstehung einer jüdischen Wissenschaft und die Begründung von pädagogisch zeitgemäßen Schulen als gesunde Reaktion und positiver Gewinn zur Seite. Der „Gebildete" im 19. und der „nationale J u de" im 2 0. Jahrhundert. Ein Ausläufertyp des „Maskil" ist der sogenannte gebildete Europäer im letzten Jahrhundert. Der Gebildete des 19. Jahrhunderts oder der „gebildete Europäer" betrachtet sein Wohnland ais Vaterland und Europa als seine geistige Welt. Er sieht die Welt nicht mehr als Jude, sondern als Gebildeter sieht er alles, auch das Judentum. Er lebt so gewissermaßen in Distanz zu sich selbst. Er fühlt sich gefestigt, da er Bildimg und Kultur der Umwelt in sich aufgenommen hat. Als Jude glaubt er sich stark gerüstet, insofern er altes prophetisches Gedankengut in seinem Bewußtsein mitführt, um es weiter zu verbreiten. Er trug in und mit sich die sog. Missionstheorie, die ihn mit der Aufgabe erfüllte, allen Menschen die universellen Gedanken der Propheten für ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit zu bringen. Die Gegenwart hat diesem Typus gegenüber gezeigt, daß seine Bildungsfundamente zu schwach waren, um den Stürmen des Lebens zu widerstehen. Für viele war solche Bildung auch nur ein Mittel des Standesdünkels, für andere ein Machtmittel im gesellschaftlichen Kampf. Manchem wiederum ist diese Bildung ein unverbindlicher Inhalt, der jedoch die Freizeit gestalten und ausfüllen sollte.